Kommentar zur WWDC-Keynote: Fundamente statt Hochhäuser

1 hour ago 1

Was für eine Keynote: Apple drückte zeitlich mit 1:16 Stunden kräftig auf die Tube und nahm sich darin dennoch Zeit für gähnend-langsame KI-Rückmeldungen in Echtzeit. Der iPhone-Hersteller stapelte tief bei den Verbesserungen an seinen Betriebssystemen und versprach gleichzeitig bei seinem Siri-Neuanfang zu viel – zumindest aus Sicht der Nutzer von 27 EU-Ländern, die vorerst in die Röhre schauen. Und für Freunde von Live-Demos und Bühnenpräsenz gab es immerhin nach der Keynote ein kleines Zuckerstückchen für Journalisten, während beim Keynote-Film alles beim Alten blieb.

Ein Kommentar von Malte Kirchner

Malte Kirchner ist seit 2022 Redakteur bei heise online. Neben der Technik selbst beschäftigt ihn die Frage, wie diese die Gesellschaft verändert. Sein besonderes Augenmerk gilt Neuigkeiten aus dem Hause Apple. Daneben befasst er sich mit Entwicklung und Podcasten.

Man sollte meinen, Apple könnte es mit dieser bunten Mischung zumindest den meisten recht machen. Doch die Veränderungen des Software-Jahres 2026 werden vermutlich noch einen langen Nachhall haben. Und sie werden gewiss neue Diskussionen befördern, was die Innovationskraft des US-Konzerns angeht, die Art, wie Apple seine Neuigkeiten präsentiert – und für viel Missmut und Streit über EU-Regulierung sorgen.

Dabei ist Apple bei seiner Sprachassistenz Siri eigentlich nur dort angekommen, wo man nach den Versprechen vor zwei Jahren längst sein wollte. Bedienung per natürlicher Sprache, ausgewähltes, nutzerdienliches Verwenden von persönlichen Daten, die Fähigkeit, den Bildschirm zu lesen, und all das eingepackt in einer ganz dicken Schicht Datenschutz – an der Grundrezeptur der Apple Intelligence wird auch nach Zugabe der Gemini-KI-Modelle von Google nicht gerüttelt. Wie bereits im Vorfeld der WWDC erwartet wurde, standen dabei KI-Funktionen und die Kooperation mit Google im Mittelpunkt. Und Apple war es sehr dringlich, darauf hinzuweisen, dass KI-Cloudanfragen auch künftig niemand mitlesen kann.

Damit ändert sich auch nichts an der Quadratur des Kreises, dass Apple ausgerechnet der datenhungrigen Künstlichen Intelligenz ein Maximum an Privatheit gegenüberstellen will. Im Ergebnis führt das dazu, dass Apple gar nicht erst den Versuch wagt, die agentischen Experimente seiner Mitbewerber zu überholen. Die Grundstimmung in Sachen KI ist im Jahr 2026 aber vielleicht so, dass der konservative Ansatz aus Cupertino mehr Freunde findet als im Jahr 2024, als viele dem Ganzen noch unkritischer gegenüberstanden.

Alleine in der EU wird das mögliche Momentum Apples ausgebremst. Viele der angekündigten KI-Funktionen werden zum Start von iOS 27 in der EU fehlen – Apple zeigt dabei mit dem Finger auf die EU-Kommission. Die EU-Kommission liegt aktuell im Clinch mit Google über Öffnungen des Betriebssystems, die die Regulierer fordern, damit alle KI-Anbieter gleichberechtigt auftreten können. Google erhielt ungewohnte Schützenhilfe von Apple, das eine neue Software-Zwischenschicht namens Trusted System Agent vorschlug, um dem EU-Wunsch Rechnung zu tragen, ohne die Sicherheit des Systems zu gefährden. Natürlich war dies auch ein Vorschlag in eigener Sache.

In Brüssel stößt man damit auf taube Ohren. Einiges deutet darauf hin, dass diese erneute Auseinandersetzung Apples mit der EU weitaus heftiger werden könnte als vorherige Dispute. Apples sehr konkreter Lösungsvorschlag und die ungewohnte Deutlichkeit, mit der man in Aussicht stellt, dass diesmal so schnell keine Lösung in Sicht ist, lassen EU-Kunden aufhorchen. Nun liegt der Ball auch bei der EU-Kommission. Wenn Apple tatsächlich einen Weg anbietet, der Wettbewerb ermöglicht, ohne die Integrität des Systems aufzugeben, sollte Brüssel diesen zumindest ernsthaft prüfen.

Die zweite wichtige Botschaft dieser Entwicklerkonferenz neben dem Einlösen alter KI-Versprechen lautet: Wir hören Euch. Ob der Kurvengrad bei macOS-Fenstern oder einstellbare Lautstärke von iOS-Weckern – Apple hat so viel Klein-klein eingebaut, dass es den Marketingverantwortlichen geradezu unangenehm schien, allzu viele davon in den Fokus zu rücken. Das ist schade, denn vermutlich dürfte das Release der neuen Betriebssysteme im Herbst für viele ein Fest sein. Die teils klitzekleinen Verbesserungen räumen Juckepunkte aus, die teils seit Jahren für Kritik gesorgt haben. Sie werden sich im Alltag vieler bemerkbar machen und sie stehen im Gegensatz zur verbesserten KI allen zur Verfügung.

Es ist in dieser fließenden Übergangsphase zwischen Alt-CEO Tim Cook und dem künftigen CEO John Ternus nicht so ganz klar, was wessen Handschrift trägt. Die beiden zeigten sich unter anderem bei der KI-Veranstaltung nach der Keynote Seit’ an Seit’. Ternus besuchte auch die internationalen Medienvertreter am Vorabend der Keynote in ihrem Hotel. Eine kleine Nettigkeit, die man von Cook nicht kannte, die aber einen Ton setzt und Hoffnung macht.

So kann man diese WWDC-Keynote 2026 und das Drumherum am Ende zweigeteilt sehen: Da sind die Taten und die Absichten. Über die Qualität der Taten lässt sich vortrefflich streiten. Europäer sehen sich einmal mehr im Spannungsfeld des Konflikts zwischen Apple und der EU gefangen. Und im KI-Rennen hat Apple eher Fundamente neu verlegt als Hochhäuser errichtet. Den Willen zur Veränderung kann man Apple allerdings bei alledem schwerlich absprechen. Lieber Nutzerwünsche zu erfüllen, anstatt große neue Features zu plakatieren, das hätte Apple angesichts der Rekord-Geschäftszahlen nicht so dringend nötig gehabt, wie es mancher darstellt. Gewiss, auf lange Sicht wird sich das auszahlen. Aber so einsichtig wie dieses Jahr hat man Apple lange nicht mehr erlebt. Dieses zarte Pflänzchen sollte die Kritik an den Ergebnissen nicht zertreten.

(mki)

Read Entire Article