Stand: 23.08.2026, 12:10 Uhr
Die Ukraine will Putin an den Verhandlungstisch zwingen. Doch der setzt weiter auf maximale Eskalation. Jetzt nimmt Kiew neue Ziele ins Visier.
Kiew/Moskau – Die Ukraine hält den Druck auf die russische Wirtschaft weiter hoch. Seit Monaten werden Meldungen über ukrainische Drohnenangriffe auf russische Unternehmen laut. Vor allem der Online-Versandhändler „Wildberries“ – oft als „russisches Amazon“ bezeichnet – steht immer wieder in den Schlagzeilen. Doch jetzt geraten neue Ziele ins Visier von Kiew: In der Nacht zum Sonntag soll Kiew einen Angriff auf ein Logistikzentrum von Ozon durchgeführt haben, berichtete der Kyiv Independent. Dabei handelt es sich ebenfalls um einen Versandhändler.

Die Absicht hinter den Angriffen ist klar. Die Ukraine will den russischen Präsidenten Wladimir Putin an den Verhandlungstisch zwingen. Und zwar, indem die Stimmung in der russischen Bevölkerung kurz vor den Wahlen vom 18. bis 20. September dieses Jahres kippt. In einem Beitrag auf X macht der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj den Plan deutlich. Geheimdienste hätten aufgedeckt, dass die Stimmung in Russland zu Ungunsten Putins kippe. „Insbesondere die sogenannten ‚projizierten Indikatoren‘ der Unzufriedenheit der Russen mit Putin werden stetig weiter steigen“, so Selenskyj. Entsprechend sollte klar sein, dass die Werte ohne einen Frieden im Ukraine-Krieg weiter fallen würden. „Die Ukraine schlägt vor, einen würdevollen Frieden auszuhandeln“, erklärt Selenskyj.
Ukrainische Angriffe auf Putins Wirtschaft – neue Ziele im Herzen Russlands
Der Angriff auf das Logistikzentrum von Ozon dürfte Teil dieses Plans sein. Laut Kyiv Independent berichteten mehrere russische Telegram-Kanäle von den Attacken. Videos zeigen außerdem Rauch, der von dem Lagerhaus stammen soll. Die Berichte können nicht abschließend verifiziert werden.
Die Ukraine begründet die Angriffe auf Versandhändler wie Wildberries oder Ozon laut BBC mit dem Vorwurf, diese würden das russische Militär mit verschiedenen Waren ausstatten. Dazu gehören, ukrainischen Angaben zufolge, Drohnenbauteile oder Navigationssysteme. Russland bestreitet die Vorwürfe bislang. Das Institute for the Study of War (ISW) prognostiziert, dass durch die Attacken der wirtschaftliche Druck in Russland weiter steigt. Aber auch die „ohnehin überlastete Luftverteidigung“ Russlands werde zusätzlich strapaziert. „Russlands Unfähigkeit, die größten Logistikzentren von Wildberries trotz der anhaltenden ukrainischen Angriffe auf solche Ziele zu schützen, zeigt, dass Russland nicht über ausreichend Luftverteidigungssysteme verfügt, um die gesamte notwendige Infrastruktur im Hinterland zu sichern“, so das ISW.
Neben den Angriffen auf Versandhändler greift die Ukraine auch weiter die Energiewirtschaft Putins an. Der Generalstab des ukrainischen Militärs schrieb in einem Telegram-Beitrag, dass am Samstag (22. August) ein Angriff auf Kraftstoff- und Schmiermitteltanks auf einem Ölkomplex in der südrussischen Region Krasnodar stattgefunden habe. Auch die für Russland bedeutsame Öl- und Gaswirtschaft ist immer wieder Ziel ukrainischer Angriffe. Die staatlichen Einnahmen durch den Verkauf fossiler Energieträger dienen maßgeblich zur Finanzierung des Krieges gegen die Ukraine. Auch Europa kauft aktuell noch große Mengen LNG aus Russland – damit soll aber spätestens 2027 Schluss sein.
Putin setzt auf Eskalation: Trotz Stimmungswandel in Russland – kein Ende im Ukraine-Krieg in Sicht
Von Putin selbst ist trotz des steigenden Drucks wenig Bereitschaft für Verhandlungen zu vernehmen. Ein Friedensangebot der Ukraine hat er laut dpa im Interview mit dem staatstreuen Journalisten Pawel Zarubin als „exotisch“ bezeichnet. Gespräche über Frieden seien lediglich auf der Grundlage der Situation an der Front und auf dem Boden möglich. Details zu dem Angebot nannte er keine. Jedoch kündigte er „Gegenmaßnahmen“ wegen der ukrainischen Angriffe auf die russische Wirtschaft an. Diese würden nicht lange auf sich warten lassen. Laut Putin hat die Ukraine mit ihren Angriffen die „Büchse der Pandora“ geöffnet. Moskau werde nun ebenfalls ukrainische Wirtschaftsziele ins Visier nehmen.
Welche Ziele damit gemeint sind, ist bislang nicht klar. Russland greift seit Kriegsbeginn 2022 immer wieder wirtschaftliche wie auch zivile Ziele in dem Nachbarland an. Erst kürzlich hatte Russland ein belebtes Einkaufszentrum in der ukrainischen Stadt Krywyj Rih, der Heimatstadt von Selenskyj, mit Drohnen angegriffen. Berichte gehen mittlerweile von mindestens 16 Toten aus. Selenskyj bezeichnete den Angriff als „grausames Verbrechen Russlands“. Gleichzeitig bat er Verbündete um mehr Unterstützung, um den Ukraine-Krieg zu einem Ende zu bringen.
Kein Frieden im Ukraine-Krieg in Sicht – plant Putin die nächste Mobilisierungswelle?
Wie sehr Putin auf einen Eskalationskurs setzt, ist auch den Berichten über eine mögliche neue Mobilisierungswelle in Russland zu entnehmen. Der Sicherheitsexperte Frank Umbach von der Universität Bonn sagte im Interview mit ntv, dass wenig für ein Ende des Krieges spreche. Vor allem der Rückbau der Kriegswirtschaft hin zu einer zivilen Wirtschaft werde viel Zeit in Anspruch nehmen.
Ivan Chuviliaev, einen Sprecher der Organisation Get Lost, die russische Soldaten bei der Fahnenflucht unterstützt, glaubt, dass eine neue Mobilisierungswelle in Russland bereits nach der Wahl im September stattfinden könne. Gegenüber dem Guardian sagte er, dass bereits entsprechende Gerüchte im Umlauf seien. Die Angst alleine würde viele schon jetzt unter Druck setzen, sich freiwillig bei der Armee zu melden, statt zu einem späteren Zeitpunkt dazu gezwungen zu werden. (Quellen: Kyiv Independent, dpa, BBC, ISW, Generalstab der Ukraine, ntv, Guardian) (nhi)



