Vertragsklauseln bedrohen eine ganze Branche
Die deutschen Synchronsprecherinnen und -sprecher stehen vor einer existenziellen Bedrohung. Vertragsklauseln von Streaming-Diensten wie Netflix erlauben es dem Unternehmen, bereits aufgenommene Stimmen zum Training von KI-Systemen zu nutzen. Die Vorsitzende des Verbands Deutscher Sprecher:innen, Anna-Sophia Lumpe, erklärt im Podcast, warum der Verband seinen Mitgliedern von der Unterzeichnung solcher Verträge abrät. Schließlich würden mit den Stimmen KI-Systeme trainiert, „die dann mit uns in Konkurrenz gehen sollen“.
Das eigentliche Problem ist weit mehr als nur eine künstliche Stimme, die klingt wie ein Mensch. „Viel wichtiger ist ja nicht meine Stimmfarbe, sondern meine Stimmführung“, so die ausgebildete Schauspielerin. Diese Stimmführung ist die sehr individuelle Art, wie Pausen gesetzt und Emotionen oder Ironie ausgedrückt werden. Das sei das eigentliche Handwerk und das „Gold“, das die Profis mit ihren Stimmen produzieren. Genau diese Fähigkeit soll nun von KI-Systemen erlernt werden.
Handwerk und tiefe Emotionen
Für die Synchronsprecherin geht es genau um diese hochpersönlichen und tief menschlichen Emotionen. „Wir haben einen Beruf, den wir dadurch verbessern, dass wir leben und empfinden und lieben und hassen und traurig sind und leiden und all das im Idealfall in unsere Arbeit einfließen lassen“, erklärt Lumpe. Die Stimme sei wie eine Handpuppe: „An sich macht die erstmal gar nichts. Die Hand in der Puppe, das ist das, worum es geht.“
Die Unternehmen wissen laut Lumpe, dass sie rechtliche Probleme bekommen, wenn sie eine Stimme direkt kopieren. Doch die Rechtslage wird kompliziert, wenn Stimmen zum Training verwendet werden, ohne dass die Kopie nachweisbar ist. „Die Haltung dahinter ist, wenn das Opfer es nicht beweisen kann, ist es eben nicht passiert“, kritisiert die Verbandsvorsitzende.
Systematisches Training mit Online-Inhalten
Die KI-Trainingsklausel ist in Netflix-Verträgen nach wie vor enthalten, und es gab bisher keine Gespräche über eine Änderung. Doch das Problem reicht weit über Netflix hinaus. Ein Google-Vertreter habe ihr bestätigt, dass YouTube generell zum KI-Training genutzt werde, erzählt Lumpe. Der Verband stellt seinen Mitgliedern eine KI-Ausschlussklausel zur Verfügung. Nicht-amerikanische Unternehmen seien laut Lumpe meist bereit, diese in Verträge aufzunehmen. US-Unternehmen hingegen verweigerten das in der Regel. „Und das bedeutet, dass sie unserer Auffassung nach trainieren.“
Empfohlener redaktioneller Inhalt
Mit Ihrer Zustimmung wird hier ein externer Podcast (Podigee GmbH) geladen.
Viele bekannte Stimmen verweigern deshalb die Zusammenarbeit mit Netflix. Stars wie Jason Momoa, Jennifer Lopez oder Russel Crowe werden darum in aktuellen Produktionen für uns fremd klingen. Für Lumpe ist die Auseinandersetzung über menschliche Stimmen eine Grundsatzfrage. Schließlich könnten nur Menschen ihre Stimmen mit Leben füllen. Die leblose KI profitiert davon und schafft etwas, das irgendwie „halt gut genug“ ist. Aber, so betont die Sprecherin, „unsere Haltung sollte nicht sein, wie viel muss ich machen, dass es reicht. Ich finde, das Leben sollte nicht ‚gut genug‘ sein, sondern es muss richtig gut sein“.
(igr)



