Es sah wahrlich nicht schlecht aus für die Weltwirtschaft, einige wenige Monate erst ist das her. Die hohen Investitionen vieler Firmen in künstliche Intelligenz und andere moderne Technologien schoben das Wachstum an, Inflationsraten und Leitzinsen hatten sich auf recht günstigem Niveau stabilisiert, Kredite wurden preiswerter, und Regierungen wie die deutsche nahmen viel Geld in die Hand, um die Infrastruktur und die Armeen ihrer Länder auf Vordermann zu bringen. In der Zentrale des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington waren sich die Ökonomen deshalb einig: Nach einigen Durststrecken in den vergangenen Jahren gab es allen Grund, die Vorhersagen zur Entwicklung der Weltkonjunktur wieder einmal leicht nach oben zu revidieren.
Dann griffen die USA und Israel Iran an.
Seither ist die Welt zum wiederholten Male eine völlig andere – und die Konjunkturindikatoren weisen statt nach oben einmal mehr nach unten. Entsprechend düster kommt der neue, rasch noch einmal grundlegend überarbeitete Weltwirtschaftsausblick daher, den IWF-Chefvolkswirt Pierre-Olivier Gourinchas am Dienstag zum Auftakt der gemeinsamen Frühjahrstagung von Währungsfonds und Weltbank vorstellte. Im schlechtesten Fall, also etwa bei einer Ausweitung der geopolitischen Streitigkeiten, halten die Experten sogar die „größte Energiekrise der Neuzeit“ sowie eine globale Rezession mit schwerwiegenden Wechselwirkungen rund um den Globus für denkbar. Es bedarf keiner größeren seherischen Fähigkeiten, um vorherzusagen, dass der Iran-Krieg und seine massiven Auswirkungen auf die Benzinpreise und unzählige Lieferketten das alles beherrschende Thema der IWF-Tagung werden dürften, zu der am späten Dienstagabend auch Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) in der US-Hauptstadt erwartet wurde.

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Da die politische Weltlage unübersichtlich und die Situation im Kriegsgebiet am Golf weiter extrem angespannt ist, legt sich der Währungsfonds in seinem Gutachten nicht wie sonst üblich auf eine Prognose fest, sondern arbeitet mit Szenarien: einem eher hoffnungsvollen, einem „ungünstigen“ und einem „schwerwiegenden“. Selbst im besten der drei Fälle fällt die Wachstumsvorhersage für das laufende Jahr pessimistischer aus als bei der letzten Aktualisierung der Prognosen Mitte Januar. Anders gesagt: Von einer Aufhellung der Konjunkturaussichten kann auch bei einer sehr optimistischen Betrachtung keine Rede mehr sein.
In seinem hoffnungsvollen Szenario geht der Währungsfonds davon aus, dass der Krieg rasch beendet wird und sich die Lieferprobleme bei Öl, Gas, Düngemitteln, Helium und vielen anderen Produkten, die durch die derzeit blockierte Meerenge von Hormus transportiert werden, bis zum Frühsommer weitgehend auflösen. In diesem Fall könnte die Weltwirtschaft im laufenden Jahr um 3,1 Prozent wachsen, 0,3 Prozentpunkte weniger als 2025. Ursprünglich hatten die Experten mit einem Plus auf Vorjahresniveau gerechnet. Nun mag der Unterschied zwischen 3,1 und 3,4 Prozent auf den ersten Blick nicht allzu groß erscheinen. Er bedeutet aber, dass die Wirtschaftsleistung weltweit um 350 Milliarden Euro hinter den bisherigen Prognosen zurückbleiben dürfte.
Für Deutschland rechnen die Experten in ihrem Basisszenario jetzt mit einem Wachstum von 0,8 Prozent in diesem und 1,2 Prozent im kommenden Jahr. Auch diese beiden Werte wurden im Vergleich zur Januar-Schätzung um jeweils 0,3 Punkte nach unten revidiert. Umgekehrt sieht es bei der Inflationsrate aus, die im laufenden Jahr auf 2,7 Prozent steigen dürfte, bevor sie 2027 wieder auf 2,3 Prozent fällt.

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Ähnliche Korrekturen gibt es auch für die meisten anderen großen Industrieländer wie Frankreich, Italien, Spanien und Großbritannien. Noch deutlich drastischer aber werden die Folgen des Krieges in den Ländern des Nahen Ostens und Zentralasiens zu spüren sein, wo man sich auf Wachstumsraten einstellen muss, die im Schnitt etwa zwei Punkte unter den bisherigen Prognosen liegen. Auch viele Entwicklungsländer, die auf Importe angewiesen sind, gehören zu den Hauptleidtragenden.
Vieles spricht allerdings dafür, dass selbst diese Vorhersagen noch zu optimistisch sind, denn die Situation in der Krisenregion ist bekanntlich weiter extrem angespannt. Klingbeil und seine Amtskollegen werden entsprechend nicht umhinkommen, die beiden anderen, deutlich pessimistischeren Szenarien der IWF-Experten in den Blick zu nehmen.
Im „ungünstigen“ Fall, den die Ökonomen kreiert haben, verharrt der Ölpreis in diesem Jahr auf seinem derzeitigen Niveau von rund 100 Dollar je 159-Liter-Fass und geht auch 2027 nur langsam auf durchschnittlich 75 Dollar zurück. Dies hätte spürbare Auswirkungen auf viele andere Preise, etwa jene für Lebensmittel, auf die Inflationsraten insgesamt und damit auf das Verhalten der Notenbanken, die sich genötigt sehen könnten, die Leitzinsen anzuheben. Das würde zwar die Teuerung, zugleich aber auch das Wirtschaftswachstum dämpfen, das, weltweit gesehen, von 3,4 Prozent im vergangenen Jahr auf 2,5 Prozent in diesem zurückgehen könnte.
Noch dramatischer – und keineswegs völlig abwegig – ist das „schwerwiegende“ Szenario, das mit einem Ölpreis von im Schnitt 115 Dollar je Barrel in diesem und 125 Dollar im nächsten Jahr kalkuliert. Die Folge wären Wachstumsraten für 2026 und 2027 von nur noch zwei beziehungsweise 2,2 Prozent. Damit wäre die Schwelle erreicht, bei der der IWF von einer globalen Rezession – man könnte auch sagen: einer Weltwirtschaftskrise – spricht, da ein Durchschnittsplus dieser Größenordnung hieße, dass die Wirtschaft in nicht wenigen Ländern auf der Erde schrumpft.
IWF-Chefin Kristalina Georgiewa
Von politischem Aktionismus, etwa Markteingriffen oder allgemeinen Steuererleichterungen zur Senkung der Benzin- und Dieselpreise, rät der IWF in seinem Bericht dennoch ab. „Wo finanzielle Unterstützung als notwendig erachtet wird, um die Schwächsten vor extremen externen Schocks zu schützen, sollte sie gezielt, zeitnah und befristet erfolgen“, so der Währungsfonds, dessen zentrale Aufgabe die Überwachung der globalen Finanzstabilität sowie die Förderung von Wachstum, Wohlstand und Beschäftigung in seinen 191 Mitgliedsländern ist.
Noch deutlicher hatte sich zuletzt IWF-Chefin Kristalina Georgiewa ausgedrückt. Natürlich müssten alle Beteiligten wachsam sein, um bei einer weiteren Zuspitzung der Weltlage rasch handeln zu können, sagte sie in ihrer traditionellen Rede vor Beginn der Frühjahrstagung. Aber: „Im Moment spricht einiges dafür, abzuwarten und die Situation zu beobachten.“
Das gilt laut IWF unter anderem für die Notenbanken. Sie müssen aus Sicht Georgiewas zwar unmissverständlich klarmachen, dass sie einen erneuten ungebremsten Anstieg der Inflation nicht zulassen würden. Zugleich sollen sie die Wirtschaftslage aber auch nicht durch vorschnelle Leitzinserhöhungen zusätzlich erschweren. Und auch an die Politik richtete die IWF-Direktorin einen dringenden Appell: „Verzichten Sie auf Alleingänge – Exportkontrollen, Preiskontrollen und so weiter –, die die globalen Bedingungen noch weiter destabilisieren können“, sagte sie. „Schütten Sie kein Öl ins Feuer!“



