Huthi-Offensive: Drei Szenarien für Saudi-Arabien

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Stand: 17.09.2026, 11:31 Uhr

Von: Max Nebel

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Die Huthis rücken im Jemen vor und bedrohen wichtige Seewege. Saudi-Arabien steht unter Druck. Experten sehen drei mögliche Szenarien.

Riad – Vor mehr als einem Jahrzehnt zog Saudi-Arabien in den Krieg im Jemen, um zu verhindern, dass sich die Huthis als bewaffnete Macht an seiner Südgrenze etablieren. Dieses Ziel hat Riad nicht erreicht. Die Huthis haben nicht nur überlebt, sondern ihre militärlichen und politischen Fähigkeiten trotz saudischer und internationaler Angriffe ausgebaut.

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Dieser Artikel entstand in Kooperation mit newsweek.com.

In der vergangenen Woche rückten die Huthis aus ihren Hochburgen im Norden des Jemen vor und eroberten den Rotmeerhafen Mokha sowie die strategisch wichtige Insel Mayun in der Meerenge Bab al‑Mandab. Damit haben sie ihren Einfluss auf eine der weltweit wichtigsten Schifffahrtsrouten erheblich ausgeweitet.

Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman und Huthi-Kämpfer bei einer Kundgebung in Sanaa.

Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman (l.), daneben Huthi-Kämpfer bei einer Rekrutierungsveranstaltung in Sanaa. Die jüngste Huthi-Offensive setzt das Königreich unter Druck und verschärft den Konflikt im Jemen. © Lou Benoist/POOL/AFP; Mohammed Huwais/AFP

Huthi-Angriffe erhöhen den Druck auf Saudi-Arabien

Gleichzeitig haben Raketen- und Drohnenangriffe Saudi-Arabien getroffen. Riad erklärte am Dienstag (15. September), die Luftabwehr habe eine Drohne abgefangen, die in Richtung der heiligen Stadt Mekka unterwegs gewesen sei. Die Huthis bestritten dies. Der Vorfall zeigt dennoch, welches Eskalationspotenzial der Konflikt besitzt.

Auch international kommt die Zuspitzung zu einem schwierigen Zeitpunkt. Die USA und Iran stehen sich weiterhin gegenüber, die Schifffahrt durch die Straße von Hormus ist beeinträchtigt. Durch Bab al-Mandab laufen normalerweise rund zwölf Prozent des weltweiten Warenverkehrs. Die Route ist zudem für saudische Ölexporte von großer Bedeutung.

Drei Szenarien für den weiteren Verlauf des Konflikts am Roten Meer

Für Saudi-Arabien sind die Folgen erheblich. Energie-Infrastruktur steht unter Beschuss, während Kronprinz Mohammed bin Salman das Königreich zugleich als stabilen und sicheren Wirtschaftsstandort präsentieren will. Eine dauerhafte Gefährdung der Transportwege könnte dieses Vorhaben belasten.

Mit Hilfe von Nahost- und Sicherheitsexperten untersucht Newsweek drei mögliche Entwicklungen: einen politischen Kompromiss mit den Huthis, eine begrenzte militärische Gegenoffensive oder eine Internationalisierung des Konflikts.

Szenario 1: Saudi-Arabien sucht einen politischen Ausweg

Auf dem Papier verfügt Saudi-Arabien über einen enormen militärischen und wirtschaftlichen Vorteil. Doch die Huthis haben gezeigt, dass sie mit Raketen und Drohnen kritische saudische Ziele bedrohen können. Auch jahrelange Luftangriffe und der Einsatz verbündeter jemenitischer Bodentruppen konnten die Bewegung nicht entscheidend schwächen.

Riad könnte deshalb „die neue Realität akzeptieren und auf den politischen Kurs zurückkehren, einschließlich der Berücksichtigung einiger Forderungen der Huthis“, sagte Ahmed Nagi, leitender Jemen-Analyst der International Crisis Group, gegenüber Newsweek. Ziel wäre vor allem, weitere Angriffe auf saudische Infrastruktur zu verhindern.

Eroberungen stärken Verhandlungsposition der Huthis

Die jüngsten Geländegewinne haben die Position der Huthis allerdings erheblich verbessert. Mit Mokha und Mayun besitzen sie zusätzliche Möglichkeiten, den Schiffsverkehr durch Bab al-Mandab und damit auch saudische Ölexporte unter Druck zu setzen.

„Es ist immer noch ein Abkommen möglich, aber es wäre eher ein Exit-Arrangement für Saudi-Arabien als Frieden für den Jemen“, erklärt Andreas Krieg vom King’s College London gegenüber Newsweek. Saudi-Arabien müsste den Huthis nach seiner Einschätzung unter anderem finanzielle Zugeständnisse machen, Gehaltszahlungen im jemenitischen öffentlichen Dienst ermöglichen und ihnen mehr politische Teilhabe zugestehen.

Iran spielt im Huthi-Konflikt eine zentrale Rolle

Hinzu kommt die Verbindung zum Konflikt zwischen Iran und den USA. Die Position der Huthis an Bab al-Mandab verschafft Teheran einen weiteren möglichen Hebel neben der Straße von Hormus. Die iranischen Revolutionsgarden forderten zuletzt, den Jemen in eine mögliche Vereinbarung mit Washington einzubeziehen.

„Die Jemen-/Huthi-Front ist nicht getrennt von der US-Iran-Konfrontation“, sagt Burcu Ozcelik vom britischen Thinktank RUSI gegenüber Newsweek. Die Huthis unterstünden zwar keiner eindeutigen iranischen Befehlskette, ihre Interessen verliefen jedoch vielfach parallel.

Szenario 2: Saudi-Arabien schlägt begrenzt zurück

Seit dem von den Vereinten Nationen vermittelten Waffenstillstand von 2022 waren die Frontlinien im Jemen weitgehend eingefroren. Ende 2023 begannen die Huthis mit Angriffen auf Schiffe im Roten Meer im Zusammenhang mit dem Gaza-Krieg. Angriffe auf Saudi-Arabien blieben jedoch zunächst weitgehend aus.

Nach den jüngsten Geländegewinnen könnte Riad nun versuchen, mit einer begrenzten Militäroperation das Kräfteverhältnis wieder zu seinen Gunsten zu verschieben. Professorin Elham Manea schrieb für das Sana’a Center, Saudi-Arabien werde wahrscheinlich militärischen Druck mit dem Wiederaufbau anti-Huthi-treuer Kräfte verbinden, bevor indirekte Verhandlungen wieder aufgenommen würden.

Verbündete am Boden sind Saudi-Arabiens Schwachstelle

Das größte Problem für Riad sind seine Verbündeten im Jemen. Die jüngste Huthi-Offensive wurde durch den schnellen Rückzug saudisch unterstützter Regierungskräfte erleichtert. Luftangriffe könnten die Huthis zwar unter Druck setzen, zur Rückeroberung und Sicherung von Gebieten wären jedoch leistungsfähige Bodentruppen erforderlich.

Kristian Ulrichsen vom Baker Institute der Rice University hält es für unklar, ob mehr Geld und Waffen für die von der international anerkannten Regierung kontrollierten Gruppen ausreichen würden, „um die Huthis abzuschrecken oder zu besiegen“. Eigene saudische Bodentruppen einzusetzen, wäre für Riad dagegen mit erheblichen Risiken verbunden.

Mehr Territorium macht auch die Huthis verwundbarer

Die Expansion bringt zugleich neue Probleme für die Huthis. Größere Gebiete erfordern mehr Personal und Material, längere Nachschublinien müssen geschützt werden. Einige der neu kontrollierten Regionen bieten zudem weniger Deckung gegen saudische Luftangriffe.

An der grundsätzlichen Bedrohung für die Schifffahrt ändert das wenig. „Die Huthis müssen keine vollständige Seeblockade von Bab al-Mandab verhängen“, sagte Ozcelik. Es reiche, Seeleute und Versicherer so zu verunsichern, dass Schiffe umgeleitet würden und Versicherungsprämien stiegen.

Szenario 3: USA und andere Staaten greifen ein

US-Präsident Donald Trump soll eine saudische Bitte um direkte Angriffe auf die Huthis zuletzt abgelehnt haben. Am Wochenende erklärte Trump zudem, die Huthis hätten Kontakt mit Washington aufgenommen und wollten eine direkte Auseinandersetzung mit den USA vermeiden.

Tatsächlich trafen sich US-Vertreter am vergangenen Wochenende nach Reuters-Informationen vertraulich mit Vertretern der Huthis in Oman. Die Huthi-Delegation habe dabei versichert, amerikanische Schiffe nicht angreifen zu wollen und an der 2025 vereinbarten Waffenruhe mit den USA festzuhalten.

Wann die USA doch militärisch eingreifen könnten

Damit erscheint ein unmittelbarer amerikanischer Kriegseintritt derzeit weniger wahrscheinlich. Bestimmte Entwicklungen könnten das jedoch ändern. Krieg nennt erhebliche amerikanische Opfer, massive Störungen des Schiffsverkehrs oder einen schweren wirtschaftlichen Schock als mögliche Auslöser.

Auch ein großangelegter Angriff auf saudische Öl-Infrastruktur könnte die Lage verändern. Sollten die USA erneut Huthi-Stellungen bombardieren, könnten sich nach Einschätzung von Experten auch Großbritannien und andere europäische Staaten beteiligen, die bereits zuvor Angriffe gegen Huthi-Ziele geflogen hatten.

Türkei und Pakistan könnten für Riad wichtig werden

Sollten die Huthis ihre Angriffe auf saudisches Territorium deutlich ausweiten, könnten zudem die Türkei und Pakistan stärker unter Druck geraten, Riad zu unterstützen. Besonders ein Angriff auf die heiligen Stätten in Mekka oder Medina hätte enorme politische und religiöse Auswirkungen.

Eine solche Internationalisierung halten die von Newsweek befragten Experten derzeit allerdings nicht für das wahrscheinlichste Szenario. „Derzeit erwarten wir keine signifikante internationale Unterstützung für Saudi-Arabien“, sagt Sorana Parvulescu vom Beratungsunternehmen Control Risks.

Wie könnte der Konflikt im Jemen in sechs Monaten aussehen?

Mehrere Experten rechnen stattdessen mit einer längeren Phase begrenzter Kämpfe. Krieg erwartet ein „bewaffnetes Feilschen“, aus dem langfristig ein neuer modus vivendi entstehen könnte: Die Huthis behalten einen Teil ihrer maritimen Macht, Saudi-Arabien verstärkt seine Verteidigung und unterstützt weiterhin die jemenitischen Regierungskräfte.

Arman Mahmoudian vom Global and National Security Institute der University of South Florida erwartet ebenfalls ein „instabiles bewaffnetes Patt“ mit saudischen Luftangriffen, sporadischen Huthi-Attacken und einer Meerenge von Bab al-Mandab, die weiterhin befahrbar, aber gefährlicher und teurer wäre.

Saudi-Arabien und die Huthis: Lösung hängt auch von Washington und Teheran ab

Eine dauerhafte Lösung dürfte jedoch kaum allein zwischen Saudi-Arabien und den Huthis gefunden werden. Der Konflikt im Jemen ist eng mit der Auseinandersetzung zwischen Washington und Teheran verbunden. Ohne zumindest eine teilweise Entspannung zwischen den USA und dem Iran bleibt der Jemen ein Schauplatz regionaler Machtpolitik.

„Der mit Abstand wichtigste Dreh- und Angelpunkt ist die US-Iran-Hormus-Schiene“, so Krieg. Erhielte Iran konkrete wirtschaftliche Vorteile aus einer Deeskalation, hätte Teheran mehr zu verlieren, sollte der Huthi-Konflikt außer Kontrolle geraten. Scheitere dieser Prozess, bliebe der Jemen dagegen eine vergleichsweise günstige Möglichkeit, Saudi-Arabien und den USA Kosten aufzuerlegen.

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