Google lässt Nutzer manuell festlegen, welche Quellen in der Suche bevorzugt werden sollen. Angeblich, um Qualitätsjournalismus zu stärken. Die Argumentationslücken sind offensichtlich.
Ausgerechnet Google. Ausgerechnet das Unternehmen, das seit Jahrzehnten behauptet, die Intention seiner Nutzer besser zu verstehen als jedes andere. Der Konzern mit den umfassendsten Nutzerdaten der Menschheitsgeschichte.
Ausgerechnet dieser Konzern soll im KI-Zeitalter plötzlich darauf angewiesen sein, dass Nutzer journalistische Quellen händisch als "bevorzugte Quelle" markieren, damit seriöser Journalismus in der Suche häufiger erscheint. Google begründet die Funktion damit, "hochwertigen, seriösen Journalismus" stärken zu wollen.
Das überzeugt nicht. Wenn Google hochwertige Quellen bevorzugen wollte, könnte es sie längst bevorzugen. Der Konzern weiß, welche Angebote verlässlich sind, welche Quellen Nutzer regelmäßig anklicken und welche Inhalte redaktionell entstehen. Die Frage ist also nicht, ob Google Qualität erkennen kann. Die Frage ist, warum Google diese Entscheidung plötzlich an Nutzer auslagert.
Es geht um die Kontrolle über Quellen
Die Wahrheit ist simpler – und hässlicher: Google will kontrollieren, welche Quellen seine KI-Suche speisen und welche davon überhaupt noch sichtbar werden. Das ist besonders bequem, wenn möglichst wenige dieser Quellen eigene Ansprüche stellen, etwa wegen Urheberrecht, Vergütung oder Reichweite.
Die klassische Google-Suche war lange ein Tauschgeschäft. Google monetarisierte die Suchanfrage, leitete aber Nutzer an die Webseiten weiter. Mit KI-Antworten ändert sich dieses Verhältnis: Google nutzt Inhalte weiterhin als Grundlage, hält die Nutzer aber zunehmend in der eigenen Oberfläche. Aus Quellen werden Rohstoffe.
Für Google entsteht damit ein neuer Anreiz. Hochwertige Originalquellen sind aus Nutzersicht oft die besten Ergebnisse, aus Googles Sicht aber unbequem: Sie sind redaktionell, monetarisiert und können Ansprüche geltend machen. Automatisiert oder halbautomatisiert erzeugte KI-Spam-Seiten sind dagegen pflegeleichter. Sie freuen sich selbst über wenig Traffic und klagen nicht. Ob ihre Sichtbarkeit Absicht oder Kollateralschaden ist, ist zweitrangig. Der Effekt ist für Google nützlich, weil in KI-Antworten ohnehin kaum noch auf Quellen geklickt wird.
Parallel sichert sich Google Inhalte dort, wo die Bedingungen einfacher sind. Der Konzern hat etwa einen Deal mit Reddit geschlossen, um Reddit-Inhalte für KI-Training zu nutzen. Das ist für Google kalkulierbarer als ein offenes Netz aus Verlagen, Rechteinhabern und möglichen Klagen.
Genau in diese Logik passt "Bevorzugte Quellen". Die Funktion verschiebt die Verantwortung, statt das Problem schlechter Suchergebnisse zu lösen. Google weiß, dass nur ein verschwindend kleiner Teil der Nutzer manuell bevorzugte Quellen hinterlegen wird. Aber die bloße Existenz der Option reicht als Argument: Nutzer könnten ja andere Quellen auswählen.
Damit wird Nichtnutzung faktisch zur Zustimmung zur Google-Vorauswahl. Wer keine bevorzugten Quellen festlegt, bekommt, was Google ausspielt. Und wenn dort KI-Spam, bequeme Partner oder beliebige Ersatzquellen stehen, kann Google darauf verweisen, dass der Nutzer die Auswahl hätte beeinflussen können. So nimmt der Konzern Nutzer und seriöse Anbieter zugleich aus der Gleichung.
Drei Regulierungsfronten, eine Antwort
Das Kalkül ist auch politisch. Google steht in Europa gleich an mehreren Stellen unter Druck. Der Digital Services Act (DSA) verlangt von großen Suchmaschinen Transparenz bei Empfehlungsalgorithmen und Risikominderung zum Schutz von Medienpluralismus. Italiens Medienaufsicht AGCOM hat die EU-Kommission bereits gebeten, Googles AI Overviews unter dem DSA zu prüfen.
Der Digital Markets Act (DMA) erfasst Google Search als Gatekeeper-Dienst. Er verbietet unter anderem begünstigendes Ranking eigener Dienste und verlangt nichtdiskriminierende Bedingungen. Parallel prüft die EU-Kommission seit Dezember 2025 nach Artikel 102 AEUV, ob Google Inhalte von Publishern für KI-Zwecke ohne angemessene Vergütung nutzt.
Vor diesem Hintergrund ist "Bevorzugte Quellen" weniger ein Beitrag zu besserer Suche als ein Argument für Aufseher und Politik. Google kann künftig sagen, Nutzer könnten die Quellenauswahl selbst beeinflussen. Ob diese Möglichkeit tatsächlich in relevantem Umfang genutzt wird, ist dafür zweitrangig. Entscheidend ist, dass Google sie vorzeigen kann. In der Praxis bleibt die Quellenauswahl fast immer bei Google.
Das offene Web ist für Google kein Wachstumsgeschäft mehr
Wer wissen will, wie viel Wert Google noch auf das offene Internet legt, schaut auf die Zahlen. Googles Werbegeschäft wächst kräftig, aber nicht dort, wo das offene Web stattfindet. Search und YouTube legen zu, das Google Network schrumpft. Also jener Bereich, in dem Google Werbung auf externen Webseiten ausspielt.
| Google Search & other | 50,702 Mrd. USD | 60,399 Mrd. USD |
| YouTube ads | 8,927 Mrd. USD | 9,883 Mrd. USD |
| Google Network | 7,256 Mrd. USD | 6,971 Mrd. USD |
| Google advertising gesamt | 66,885 Mrd. USD | 77,253 Mrd. USD |
Die Richtung ist eindeutig: Google verdient immer mehr in den eigenen Oberflächen und immer weniger mit Werbung auf fremden Webseiten. Googles Anwälte waren im Rahmen eines Werberechtsstreits im Herbst 2025 versehentlich kurz ehrlich und sprachen vom "rapiden Verfall" des WWW. Gemeint war zwar der Verfall von Googles Display-Werbeeinnahmen. Aber genau dieser Punkt ist entscheidend.
Wenn das offene Web für Google weniger wichtig wird, sinkt auch der Anreiz, Nutzer dorthin weiterzuleiten. Der Konzern integriert sie stattdessen über KI-Systeme immer stärker ins eigene Ökosystem. Je schlechter, unübersichtlicher und austauschbarer das Web wirkt, desto leichter fällt es, Nutzer in Googles eigenen Produkten zu halten.
"Die Leute lieben unsere KI-Erlebnisse wie AI Mode und AI Overviews", sagte Google-CEO Sundar Pichai anlässlich der jüngsten Finanzkennzahlen. Aus Googles Sicht ist das folgerichtig: Wenn Antworten direkt in der Suche erscheinen, bleibt die Aufmerksamkeit bei Google. Die Quelle wird zur Zulieferung, nicht mehr zum Ziel.
Neu ist diese Logik nicht. Plattformen wie Instagram, LinkedIn und X werten Verlinkungen nach außen seit Jahren ab, um Nutzer im eigenen Ökosystem zu halten. Jetzt bewegt sich auch Google in diese Richtung. Externe Webseiten sind nur noch dann wirklich interessant, wenn sie Googles Produkte speisen oder über Werbeklicks monetarisierbar sind. Selbst klickbasierte Anzeigen können davon profitieren, wenn die klassischen Suchergebnisse schlechter werden: Wer organisch nichts Brauchbares findet, klickt eher auf bezahlte Platzierungen.
An die Verlage: Hört auf, über jedes Stöckchen zu springen
Zahlreiche Verlage haben bereits damit begonnen, ihre Leser mit großen Buttons dazu aufzufordern, die eigene Seite bei Googles "Bevorzugte Quellen" zu hinterlegen. Kurzfristig ist das nachvollziehbar. Wer Reichweite verliert, greift nach jedem Hebel. Strategisch ist es ein Fehler.
Denn genau so funktioniert Googles Alibi. Der Konzern baut eine Funktion, die kaum jemand nutzen wird, und die Verlage übernehmen auch noch die Aufgabe, Nutzer dorthin zu treiben. Damit helfen sie Google, aus einem theoretischen Kontrollangebot ein vermeintlich ernsthaftes Produkt zu machen.
Wer gleichzeitig vor Gericht gegen Google zieht, sollte sich fragen, ob es klug ist, jedes neue Google-Feature sofort in die eigene Nutzerführung einzubauen. Denn damit legitimiert man genau den Mechanismus, den man eigentlich kritisieren müsste: Google entscheidet über die Sichtbarkeit von Quellen, verweist aber auf eine manuelle Nutzeroption, sobald diese Entscheidung kritisiert wird.
Google hat sich mit "Bevorzugte Quellen" ein Alibi gebaut. Die Branche sollte nicht beim Aufstellen helfen.
Google hat auf meine Nachfrage keine Aussage dazu abgegeben, warum es eine manuelle Funktion wie "Bevorzugte Quellen" benötigt, obwohl der Konzern Quellenqualität und Nutzerpräferenzen seit Jahrzehnten algorithmisch erfasst.



