Google testet die App-Version der "SaaSpocalypse"

2 weeks ago 11

Google AI Studio kann Android-Apps per Prompt erzeugen. Das passt zu einer größeren Verschiebung auf dem Softwaremarkt: Manche Software wird künftig nicht mehr gesucht, gekauft oder abonniert, sondern für einen konkreten Bedarf erzeugt.

Google hat auf der I/O 2026 neue Funktionen für AI Studio vorgestellt, mit denen Nutzer native Android-Apps im Browser per Prompt erstellen können. Die Apps werden in Kotlin mit Jetpack Compose gebaut, können Sensoren wie GPS, Bluetooth und NFC nutzen und direkt im Browser in einem Android-Emulator getestet werden. Vorerst sind die Anwendungen für den persönlichen Gebrauch gedacht. Eine Weitergabe an Familie und Freunde steht auf Googles Roadmap.

Das klingt zunächst wie ein Entwicklerwerkzeug. Interessanter ist die Marktlogik dahinter: Wenn Nutzer in Zukunft immer leichter eine kleine To-do-Liste, einen Wassertracker, einen GPS-Logger oder eine Packliste in wenigen Minuten selbst erzeugen können, entfällt für solche Einzelfälle womöglich der Gang in den Play Store.

Persönliche Software wird zur neuen Zwischenschicht

Damit entsteht eine Software-Kategorie unterhalb des klassischen App-Markts. Diese Apps sind zu klein, zu persönlich oder zu kurzlebig, um als öffentliches Produkt sinnvoll zu sein. Bisher musste Software allgemein genug sein, um gefunden, geladen und gepflegt zu werden. Mit Vibe Coding kann sie extrem spezifisch werden: eine App für den nächsten Urlaub, eine WG, ein Hobbyprojekt oder einen internen Ablauf.

Für Anbieter einfacher Utility-Apps ist das unangenehm. Wer heute eine generische Checklisten-App oder einen simplen Tracker verkauft, konkurriert künftig mit anderen Entwicklern und mit dem Nutzer selbst. Die Frage ist nicht mehr nur, welche App jemand installiert, sondern ob er für seinen Bedarf überhaupt noch eine fertige App braucht.

Die App-Version der "SaaSpocalypse"

Das passt zu einer Debatte, die im Unternehmenssoftwaremarkt seit Anfang 2026 sichtbarer geworden ist. Am Beispiel Salesforce lässt sie sich als "SaaSpocalypse" beschreiben: Die Wall Street fürchtet, dass KI-Agenten klassische Unternehmenssoftware schwächen könnten, weil sie Aufgaben übernehmen, für die Firmen bisher pro Nutzer und Anwendung bezahlen. Dazu kommt die Sorge, dass Unternehmen sich per Vibe Coding eigene Werkzeuge bauen.

OpenAI und Anthropic verschieben den Markt bereits in diese Richtung. OpenAI hat mit Frontier eine Enterprise-Plattform vorgestellt, die KI-Agenten mit eigener Identität, Berechtigungen und gemeinsamem Geschäftskontext über CRM-Systeme, Ticketing-Tools und interne Anwendungen hinweg ausstattet. Anthropic bindet Claude mit "Claude for Small Business" in Werkzeuge wie QuickBooks, PayPal, HubSpot, Canva, Docusign, Google Workspace und Microsoft 365 ein und bietet Workflows für Finanzen, Vertrieb, Marketing, HR und Kundenservice.

Die Richtung ist ähnlich: Die einzelne Software-Oberfläche verliert an Exklusivität. Im Unternehmen erledigt ein Agent Aufgaben über mehrere SaaS-Produkte hinweg. Auf Android könnte ein Nutzer einfache Apps für den eigenen Bedarf erzeugen, statt sie im Store zu suchen.

Nicht Software stirbt, sondern manche Verpackung

Die harte These "SaaS ist tot" greift trotzdem zu kurz. Salesforce-Chef Marc Benioff widerspricht ausdrücklich und argumentiert, KI mache Salesforce wertvoller, nicht überflüssiger. Selbstgebaute Lösungen seien bei Datensicherheit und Compliance riskant. Zugleich zeigen bisherige Erfahrungen, dass heutige Agenten bei komplexen Aufgaben noch an Grenzen stoßen.

Das gilt auch für Apps. Eine App in Minuten zu erzeugen ist etwas anderes, als sie dauerhaft zu pflegen. Wertvoll bleiben Anwendungen, bei denen Nutzer Sicherheit, Synchronisierung, Support, Zahlungen, Datenqualität oder Verlässlichkeit erwarten. Unter Druck geraten eher austauschbare Oberflächen für einfache Aufgaben.

Warum Google mehr Risiko zulassen kann

Google kann diesen Versuch eher wagen als Apple, weil AI Studio die generierten Apps zunächst nicht massenhaft in den öffentlichen Play Store drückt. Sie laufen lokal, können per USB auf das eigene Gerät übertragen oder in interne Testkanäle der Play Console geladen werden. Eine schlecht gebaute persönliche App ist damit kein öffentlich gelistetes Produkt mit Bewertungen, Zahlungen und Massendistribution.

Gleichzeitig stärkt Google den klassischen App-Markt über einen neuen Kanal. In den kommenden Wochen wird Gemini auf Android und im Web bestehende Apps direkt in Gesprächen mit Nutzern vorschlagen. Später im Jahr soll der Assistent auch über 450.000 Filme, Serien und Sport-Livestreams anzeigen und Nutzer per Direktlink in die jeweilige Android-App des Anbieters leiten. Google baut also an beiden Enden: Einfache Bedürfnisse lassen sich wohl in Zukunft immer leichter per Prompt selbst lösen, während professionelle Apps über Gemini neue Reichweite bekommen.

Dazu passt Androids offeneres Plattformmodell. Google muss den Play Store schützen, aber Android lebt stärker als iOS davon, dass Software auch außerhalb eines streng kontrollierten Storewegs existiert. Strategisch kann Google eine teilweise Kannibalisierung kleiner Store-Apps eher hinnehmen, wenn Android dadurch nützlicher wird und Gemini zur Schicht wird, über die Nutzer Software finden oder erzeugen.

Apple zieht die Grenze enger. Apple blockierte Updates von Vibe-Coding-Apps wie Replit und Vibecode und verwies auf Guideline 2.5.2. Danach dürfen Apps keinen Code herunterladen, installieren oder ausführen, der Funktionen der App oder anderer Apps verändert. TechCrunch berichtete zudem, dass die Vibe-Coding-App Anything zweimal aus dem App Store entfernt wurde.

Damit verteidigt Apple ein Sicherheitsmodell, nicht nur App-Store-Umsätze: Was auf dem iPhone läuft, soll möglichst vorher geprüft sein. Google testet dagegen mehr lokale Eigenverantwortung. Ob daraus weniger App-Slop, mehr App-Slop oder eine neue Schicht persönlicher Software entsteht, ist offen. Klar ist: Die App als Produkt verliert bei kleinen, einfachen Anwendungsfällen an Selbstverständlichkeit.

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