Stand: 13.10.2026, 05:28 Uhr

Der Kreml hat Deutschland anvisiert: für einen „langfristig angelegten hybriden Angriff“. Die NATO ist gefährdet, Geheimdienste sollen aktiver werden.
Berlin – Dies ist „keine vorübergehende Entwicklung, sondern ein langfristig angelegter hybrider Angriff“, sagte Sinan Selen am Montag in Berlin. Den Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz zitiert die französische Nachrichtenagentur AFP mit der Warnung vor einem „langfristig angelegten“ Angriff Wladimir Putins gegen Deutschland. „Das aggressive und revisionistische Vorgehen“ Russlands richte sich „gegen die europäische Sicherheitsordnung“, betonte Selen. „Dabei setzt Russland gezielt auf Destabilisierung, um uns zu schwächen, zu verunsichern und zu spalten.“
Die Washington Times vermutet, dass der deutsche Inlandsgeheimdienst recht damit hat, anstatt nur zu beobachten, gerade jetzt nochmals eindringlich vor die Öffentlichkeit zu treten und vor einem Angriff zu warnen, wie Autor John T. Seward schreibt: „Diese Kursänderung erfolgt vor dem Hintergrund, dass Russland einen umfassenden Angriff auf die Ukraine und ihre Wirtschaft vorbereitet, um die Bevölkerung des Landes mitten im Winter zu dezimieren.“ Flankiert wird der Auftritt des Verfassungsschutzes vom Bundesnachrichtendienst, wie die Washington Times über dessen Auftritt vor dem Bundestag berichtet: „Die Konfrontation mit Russland hat eine neue, gefährlichere Dimension angenommen“, so Martin Jäger.
Putin hat seinen Gegner fokussiert: „Feind Nummer eins ist Deutschland“
Der Präsident des Bundesnachrichtendienstes betont: „Kein anderes Land stellt derzeit eine so direkte, umfassende und konkrete Bedrohung für Deutschland dar.“ Der US-amerikanische Thinktank „Institute for the Study of War“ (ISW) betrachtet den Krieg schon längst als begonnen. Spätestens seit dem Drohnenangriff auf den Flughafen Leipzig am 5. August, den die Bundesregierung offiziell Russland zugeschrieben hat, wie Autor Mason Clark schreibt: „Der Kreml führt eine Reihe koordinierter militärischer Kampagnen gegen NATO-Mitgliedstaaten durch, und die europäischen Staaten müssen diese Kampagnen sowohl intern verstehen als auch extern als das benennen, was sie sind: koordinierte militärische und nicht-militärische Angriffe gegen militärische und zivile Ziele der NATO, keine isolierten Vorfälle oder ,Provokationen‘.“
Und obwohl zumindest das Kernland Europas beziehungsweise der NATO gleichermaßen durch Putin betroffen sein sollte, bekleidet Deutschland in der Verteidigungsallianz eine Sonderrolle, wie Ester Ljunggren aktuell für den US-Thinktank „Center for European Policy Analysis“ (CEPA) verdeutlicht: „Feind Nummer eins ist Deutschland, jene Nation, die wie keine andere die Ukraine finanziell unterstützt und zum Wiederaufbau der maroden europäischen Verteidigung beigetragen hat“, wie sie schreibt. Obwohl Deutschland im Rahmen früherer UN-Missionen eher aus der zweiten Reihe operiert und mit Finanzen unterstützt oder höchstens mit Aufklärungsmissionen direkt eingegriffen hat, scheint Deutschland seit der Kanzlerschaft von Olaf Scholz (SPD) eine aktivere Rolle zu spielen – so Ljunggren.
„Es ist leicht zu verstehen, warum der Kreml Deutschland ins Visier nimmt. Das Land fungiert zunehmend als Dreh- und Angelpunkt eines zwar noch jungen, aber kriegstreiberischen nordeuropäischen Bündnisses, das entschlossen ist, der russischen Aggression entgegenzutreten.“ Jetzt will Deutschland offenbar noch offensiver dem drohenden Krieg entgegentreten, wie AFP den deutschen Innenminister vom jährlichen Symposium des Verfassungsschutzes zitiert: Der „Schattenkrieg“, den insbesondere Russland führe, habe nicht das Ziel, Deutschland militärisch zu besiegen, „sondern uns politisch und gesellschaftlich zu bezwingen“, so Alexander Dobrindt (CSU). Die deutschen Nachrichtendienste müssten deshalb zu „echten Geheimdiensten“ weiterentwickelt werden, die Bedrohungen auch etwas entgegensetzen könnten, betonte Dobrindt.
„Ein begrenzter russischer Angriff zielt darauf ab, eine Situation zu schaffen, in der die NATO sich nicht darauf einigen kann, wie oder ob sie überhaupt auf einen russischen Angriff reagieren soll.“
Dies sei auch für die Zusammenarbeit mit den Diensten anderer Länder wichtig: „Die Bundesrepublik Deutschland kann kein Land sein der zweiten und dritten Reihe, wenn es darum geht, Dienste und Fähigkeiten zu entwickeln, sondern wir müssen natürlich immer an der Spitze mit dabei sein.“ Hatte Dobrindt laut der Zeit im Januar bezüglich der Aufgaben des Verfassungsschutzes noch von einer „Zeitenwende“ gesprochen, so proklamierte er im September sogar „eine neue Zeitrechnung, die für die Nachrichtendienste jetzt beginnt“.
Echte Geheimdienste?
„Schon bisher wurden der Bundesnachrichtendienst (BND) und das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) häufig als ‚Geheimdienste‘ bezeichnet, doch sind sie zusammen mit dem Militärischen Abschirmdienst (MAD) die Nachrichtendienste des Bundes. Nachrichtendienste dürfen Informationen beschaffen – auch mit verdeckten Mitteln –, haben aber keine exekutiven Befugnisse, dürfen also beispielsweise niemanden festnehmen. Geheimdienste dagegen können auch selbst aktiv werden und zum Beispiel verdeckte Operationen vornehmen.“ (Quelle: Helmut Stoltenberg, „Das Parlament“)
Auf Anfang September 2026 datiert der Entwurf eines Gesetzes zur Reform des Nachrichtendienstrechts. Innenminister Alexander Dobrindt will damit die Grundlage schaffen für operative Befugnisse der verschiedenen Dienste – beispielsweise gegen Hacker-Angriffe; auch oder vor allem aus Russland. Somit liegt in der generellen Genehmigung zur Durchführung aktiver Maßnahmen zur Gefahrenabwehr der Schwerpunkt der angepeilten Reform. Cyberangriffe gehören zum aktiv bespielten Repertoire – vermutlich – russischer Attacken auf das Gebiet der nordatlantischen Verteidigungsallianz. Neben Sabotage an kritischer Infrastruktur, Attentatsversuchen, Spionage sowie der militärischen Bedrohung durch Begleitschiffe der Schattenflotte oder Luftraumverletzungen durch russische Jets oder Einflüge von Drohnen über die Bündnisgrenzen.
Russland zeigt seine brutale Seite in Leipzig: „Der Angriff war keine einfache Warnung.“
Mason Clark fordert eine radikale Aufrüstung des „Mindset“ innerhalb der deutschen Regierung – eine klare Sprache ergäbe klare Schlussfolgerungen und Handlungsempfehlungen, so der ISW-Autor: „Auch die Einstufung einzelner russischer Aktionen und ganzer Aktionskategorien als ,unterschwellige‘ oder ,Artikel-5-konforme‘ Aktionen schränkt die NATO-Reaktionen präventiv ein, indem sie russische Aktionen de facto als nicht würdig der kollektiven Verteidigung der NATO abstempelt.“ Das eint ihn mit dem Militärhistoriker Sönke Neitzel, der jüngst dem Spiegel in den Block diktiert hat, Putin wolle die Zerstörung des Westens. Der in Potsdam lehrende Neitzel ist allein deshalb ein ausgesprochener Fan von Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD), seit der den Begriff „Kriegstüchtigkeit“ in den gesellschaftlichen Diskurs eingereiht und sich damit angreifbar gemacht hat.
„Wir sehen ja an der Kritik von verschiedener Seite – wie beispielsweise von der CSU – wie sehr das Vermeiden von Ehrlichkeit, das Wegdrücken von Wahrheiten Teil unserer politischen Kultur geworden ist“, sagte der einzige Professor für Militärgeschichte in Deutschland im ARD-Podcast „Streitkräfte und Strategien“. Das Anerkennen von Realitäten beinhalte auch, das zunehmende „Trommelfeuer“ russischer Geheimdienstaktivitäten entweder im Cyberraum oder rund um die kritische Infrastruktur als solche wahr- und anzuerkennen, so Ester Ljunggren; auch die Attacke auf den Leipziger Flughafen und die dort operierende ukrainische Fluggesellschaft sieht sie als militärische Aktion:
„Der Angriff war keine einfache Warnung; er war darauf ausgelegt, schweren Schaden anzurichten. Von den mindestens drei beteiligten Drohnen waren zwei mit militärischem Sprengstoff bestückt, und zwei Flugzeuge wurden getroffen, detonierten jedoch nicht.“ Verschiedene Experten erwarten in unbestimmter Zeit einen Angriff auf die NATO – höchstwahrscheinlich mittels konventioneller Kriegstechnik und mit begrenzter militärischer Stärke. Kein Angriff auf die militärischen Ressourcen der NATO, aber um so mehr auf seine politische sowie strukturelle Integrität. „Sowohl von rechts als auch links ist heutzutage häufig zu hören, dass militärische Konflikte sich nur diplomatisch lösen lassen. Haben diese Stimmen recht?“, fragte jüngst Frank Thadeusz.
Den Autor des Nachrichtenmagazins Spiegel interessiert die Verhandlungsbereitschaft des russischen Potentaten. Daran zu glauben sei „Unsinn“, antwortete Militärhistoriker Neitzel und erinnerte an beinahe jeden großen Konflikt der vergangenen Jahrzehnte. Allerdings prophezeit ISW-Autor Mason Clark, dass die härtesten Gefechte unter den Alliierten selbst geführt werden würden: „Ein begrenzter russischer Angriff zielt darauf ab, eine Situation zu schaffen, in der die NATO sich nicht darauf einigen kann, wie oder ob sie überhaupt auf einen russischen Angriff reagieren soll.“ (Quellen: AFP, ARD, Institute for the Study of War, Center for European Policy Analysis, Das Parlament, Washington Times, Spiegel, Zeit) (hz)



