Exzellenz als Staatsprojekt: Wie Rankings und Spezialisierung unser Denken verändern

4 months ago 6
Grafik zeigt die Buchstaben von EXZELLENZ einzeln auf einer aufsteigenden Treppe.

Staatsprojekte und Kennziffern formen heute, was als „Exzellenz“ gilt – doch Kreativität und echtes Denken bleiben dabei oft auf der Strecke.

"Perfektion ist unerreichbar, aber wenn wir ihr nachjagen, können wir Exzellenz erreichen", sagt Vince Lombardi, 1913-1970, ein legendärer Football-Coach, der einmal seine Spieler für mehr Perfektion zu einer Trainingsbesprechung in den Mannschaftsraum beorderte und sie dort mit einem Festmahl überraschte.

0,0027 Prozent Adel – und der Rest muss denken

Exzellenz ist kein Zufall – außer für Menschen, die adelig geboren wurden. Wer als Herzog, Fürst oder Graf diese Welt betritt, bekommt die Anredeformel "Eure Exzellenz" frei Haus mitgeliefert. Das dürften in Europa derzeit aber nur etwa 0,0027 Prozent der Bevölkerung sein.

Auch wenn dazu dann Botschafter und hohe Diplomaten, Premium-Würdenträger der katholischen Kirche und öffentlich geehrte Spitzenleister der deutschsprachigen Academia hinzugerechnet werden, bleibt dieser Anteil gering.

Aber Exzellenz bedeutet viel mehr als blaues Blut und spätbarocke Ehrerbietungsfloskeln. Das Lexem entstammt ursprünglich dem lateinischen "excellentia" für Großartigkeit.

Zu Beginn der Neuzeit fügten vereinzelte Franzosen dem auch noch einen Touch von Erhabenheit hinzu, und so wurde die Exzellenz dann zum Synonym für besonders hohe und irgendwie nicht vollständig in Worte fassbare Qualität.

Denn die klassische Erhabenheitstheorie war regelrecht verliebt in die Vorstellung von über allen Dingen stehenden, schier göttlich-grandiosen Genies mit einem gewissen Etwas: dem sogenannten "je ne sais quo". Das ist frei zu übersetzen mit "keine Ahnung".

Denn die Einfallskraft und die gesellschaftliche Außenwirkung wirklich guter Denker galt schon seit der Antike als Mysterium, beziehungsweise dieser geheimnisvolle Nimbus war Teil der Definition von wahrer Exzellenz.

Der Standardtest für Großartigkeit

Aber das hat sich in der Gegenwart dann geändert. Schließlich gibt es heutzutage viele Dinge, die diesen Begriff im Namen tragen und/oder Exzellenz unterrichten. Das beginnt bei Exzellenz High Speed USB-Kabeln und reicht von hochpreisigen Schönheitscremes bis hin zu nicht minder finanzintensiven Excellence-Instituten und -Hochschulen.

Es gab einmal eine Exzellenz-Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Im Juni dieses Jahres trat dann das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) unter der Leitung von Dorothee Bär mit einer Exzellenzstrategie an die Öffentlichkeit.

Nach wie vor existieren sogenannte Zentren beruflicher Exzellenz und sogar eine europäische Kompetenzagenda zur Förderung derselben. Dabei gilt die orthographische Faustregel: Je exklusiver und wirtschaftsorientierter, desto höher die Tendenz zur Schreibweise mit c anstatt z.

Der dazugehörige Mehrwert wird begründet mit mehr Qualität und Anspruch, maßgeschneiderter Betreuung und innovativen Technologien. Was im Umkehrschluss so viel heißt wie: "Alle anderen sind dumm außer mich."

Die schlaue Dummheit der Spezialisierung

Denn die moderne Industrialisierung von Wissen im Bildungswesen führt zwar einerseits nicht zuletzt durch den steigenden Einsatz von KI zu immer mehr Großartigkeit in spezialisierten Anwendungsbereichen, vor allem im technischen Bereich.

Auf der anderen Seite der Medaille wird damit aber alles, was nicht von Maschinen übernommen werden kann, damit automatisch potentiell fachidiotischer. Das betrifft den Umgang mit Menschen genauso wie den sprichwörtlichen Blick fürs Ganze, der manchmal zur Lösung von Fachproblemen nötig ist.

Flächendeckende Verwissenschaftlichung des Denkens blockiert selbiges sogar ab einem gewissen Punkt. Darum schrieb der berühmte Physiker und Wissenschaftstheoretiker Professor Paul Feyerabend, dass wirklich innovative Ideen fast immer durch Denktechniken zustande kommen, wie sie eben nicht im Buche stehen.

Es sind meist die nonkonformen Einzelgänger am äußeren Rand der wissenschaftlichen Gruppen, die die wirklich exzellenten Ideen liefern.

Leonardo wäre heute Hausmeister

Zum Beispiel soll der Legende nach am Cern nach mehreren Monaten der Fehlversuche von Teilchenkollisionen der entscheidenden Hinweis zum Einfluss des Mondes auf die Erdplatten vom dortigen Hausmeister gekommen sein.

Als solcher würde heutzutage auch Leonardo da Vinci arbeiten. Denn dessen exzellentes universales Denken wäre derzeit an keinen bestehenden hochspezialisierten Lehrstuhl anknüpfbar.

Butterkeks statt Universalgenie: Wir sind informiert. Nur leider dumm

Von früheren Universalgelehrten wie Leibniz ganz zu schweigen, dessen Name heute allenfalls als Butterkeksbezeichnung etwas gilt. Wir verfügen über immer mehr Informationen bei immer weniger Wissen.

Denn "man hält vielfach die Erzeugung von Information für ein Zeichen von Intelligenz, während in Wirklichkeit das Gegenteil richtig ist: Die Reduktion, die Auswahl der Information ist die viel höhere Leistung", so der IBM-Fellow und Computerpionier Heinz Zemanek – und je größer dann das daraus resultierendes kognitive Defizit, desto mehr wirtschaftlicher und allgemeinpsychologischer Schaden.

Aber umso weniger tut der dann noch weh. Das ist wie bei Beerdigungen und Blödheit. Die Betroffenen betrifft das jeweils am wenigsten. Leser dieser Zeilen hier natürlich immer ausgenommen.

Denn irgendeinen Grund muss es dafür geben, dass Sie das hier lesen. Genauso wie es einen Grund dafür gibt, dass das hier geschrieben wurde. Denn je mehr unsere Engramme digital und global eingeebnet werden, umso wertvoller wird wirkliche Exzellenz. Und umso mehr macht der Kontakt mit solchen Exemplaren Spaß.

Führung ohne Funkenflug und krank statt klug?

Jedes noch so hohe Einkommen macht nicht glücklich, nicht ohne den Funkenschlag großartiger Gedanken. Jede noch so motivationsgemanagte Führungskraft langweilt sich irgendwann, brennt ohne Inspiration aus und fährt dann Unternehmen und Familien an die Wand.

Die Tendenz dazu wird immer schlimmer. Die Zahl der psychologischen Erkrankungen steigt laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung um das Fünffache innerhalb einer Generation, und wir haben derzeit 24,9 Krankheitstage pro Arbeitnehmer im Jahr. Franzosen haben neun.

Entweder wandern also alle nach Frankreich aus oder wir checken die Ursachen. Uns fehlt nämlich flächendeckend etwas wie einer Maschine der Treibstoff. Etwas, das uns auf eine ganz bestimmte Art und Weise anders klüger macht als ein wissenschaftliches Fachbuch und anders glücklich macht als Schweizer Schokolade.

Exzellenz ist keine Marke. Sie ist ein Zustand

Es fehlt an Exzellenz, an der Kür eines kunstvoll austarierten Denkens mit ganz bestimmten kognitiven Techniken. Die verwenden herausragende Führungskräfte und geniale Künstler.

Da aber auch sie dem Fluch der modernen Spezialisierung unterliegen, illustrieren ihre Selbstaussagen immer nur Teilaspekte des gesamten Spektrums. Was Genaues weiß man also nicht, auch wenn es von Experten behauptet wird.

Clusterdenken gegen Kekslogik

Was sagen diese Experten denn so? Scheiben von Exzellenz können erworben werden im technischen Bereich zum Beispiel an entsprechenden Hochschulen, die dann als Exzellenz-Hochschulen definiert werden, wenn dort nicht nur Hochleistungsforschung, sondern vor allem fachübergreifendes Forschungs-Networking betrieben wird, im Fachjargon Exzellenz-Cluster – was für einen Linguisten ein Widerspruch in sich ist, weil etwas ex-zellentes wortwörtlich hervorragt, während ein Cluster vieles versammelt.

Insofern verwundert es nicht, dass es keine Germanisten-Cluster gibt, die würden das sehen.

Memory-Schaum und Erfolgs-Mindsets

In anderen geisteswissenschaftlichen Disziplinen, den sogenannten "weichen" Fächern an sich, erinnert Exzellenz an die Memory-Schaum-Konsistenz ergonomischer und sich unter Druck der Fuß-Form anpassender Schuheinlagen.

Dort wird unter Einwirkung des industriellen Bedarfs Exzellenz zum Beispiel auf E-Learning-Plattformen wie Coursera oder Udemy mit einer Prise Philosophie, also nicht nur äußerer, sondern auch innerer Reichtums unterrichtet im Hinblick auf klassische Leadership-Qualitäten wie Innovations- und Marktfähigkeit.

Während die Ergebnisse technischer Exzellenz also durch ihre Spezialisierung auf Einzelaspekte der Naturwissenschaft messbaren Parametern wie höher/schneller/börsenrelevanter unterliegen, sind Soft Skills wie sogenannte Growth- oder Success-Mindsets anteilig oft zu weich für belastbare Erfolgsmessungen jenseits der nach oben hin offenen Befindlichkeitsrichtungs- und Selbsteinschätzungs-Skalen.

Spezialisiert sind diese Exzellenzbegriffe alle. Dabei zeichnet wirklich exzellente und später lehrbuchträchtige Denker der Blick fürs Ganze aus. Das Phänomen nicht automatisch belastbarer Etiketten gibt es schließlich nicht nur in der Lebensmittelindustrie und bei der Anbahnung von Liebesbeziehungen.

Der Begriff Exzellenz ist genauso wenig geschützt wie der einer Akademie oder des Anspruchs auf die Weltherrschaft.

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