Experte: Putin muss weiter eskalieren

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Stand: 10.09.2026, 12:12 Uhr

Von: Jan-Frederik Wendt

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Nach der Reise des CIA-Chefs nach Moskau grassiert Sorge vor einer russischen Eskalation gegen die NATO. Ein Experte erklärt Szenarien und Indizien.

CIA-Chef John Ratcliffe war neulich in Moskau, zu Gesprächen mit den russischen Geheimdienstoberen Sergei Naryschkin und Alexander Bortnikow. Die Gesprächsinhalte sind offiziell nicht bekannt. Ratcliff habe vorgeschlagen, dass sich Donald Trump, Wladimir Putin und Wolodymyr Selenskyj treffen, um den Krieg zu beenden, berichtete aber Axios. Westliche Analystinnen und Analysten spekulieren, dass Ratcliffe die russische Führung vor einem Angriff auf NATO-Territorium gewarnt haben könnte. Der bekannte Militärökonom Dr. Marc Keupp erklärt der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media, welche Anzeichen auf einen möglichen russischen Angriff auf das westliche Militärbündnis hinweisen würden.

 Russische Truppenverluste überschreiten laut Kiew Rekordmarke

Die Ukraine meldet erstmals mehr als 1,5 Millionen tote und verwundete russische Soldaten. © © IMAGO / Russian Look / Archivbild

Glauben Sie, dass Ratcliffe während seiner Reise Russland vor einem möglichen Angriff auf NATO-Territorium gewarnt hat, weil die CIA Hinweise hat, dass Putin einen baldigen Angriff – beispielsweise in diesem Herbst – plant?

Es hat mich überrascht, dass es einen Flug braucht, um die Leute zum Gedanken zu bringen, dass Russland einen Krieg gegen den Westen führen könnte. Da muss ich grinsen und sagen: Sorry Leute, das ist bereits seit 2014 der Fall. Seit 2015 greift Russland das zivile Stromnetz der Ukraine an und hat mindestens seit diesem Zeitraum Schläfer in Europa, die kritische Infrastrukturen auskundschaften. Russland fördert gezielt rechtsextremistische und rechtspopulistische Parteien, um die europäischen Demokratien zu zersetzen. Man muss dazu wissen, dass die russische Kriegsführung nicht damit beginnt, dass mechanisierte Systeme über eine Grenze rollen.

„Russlands Krieg endet nicht in der Ukraine“

Sondern mit hybriden Angriffen.

Ja, sie beginnt mit Zersetzung. Und genau das passiert ohne Pause seit 2014. Nur haben das viele nicht wahrhaben wollen. Man hat das ausgeblendet, weil es eben nicht zur Appeasement-Politik gepasst hat. Stattdessen reden westliche Politiker Russlands aggressive Politik klein. Ein Grund, warum ich mein Buch „Spurwechsel“ geschrieben habe, ist, diese ganzen Mythen zu widerlegen. Wir haben es mit einem weltanschaulichen Konflikt zu tun, der längst begonnen hat. Die russische Führung will nichts mit der westlichen Lehre über staatliche Souveränität oder dem Völkerrecht zu tun haben. Wer das nicht begreift, hat intellektuelle oder ideologische Blockaden im Kopf.

Aber interessiert es Sie nicht, was Ratcliffe bei seinem Besuch thematisiert hat?

Das ist mir eigentlich völlig egal. Für mich ist das Schöne an dem Besuch, dass er die Leute aufgeschreckt hat und jetzt wohl mehr Menschen verstanden haben, dass die Lage ernster ist. Noch immer glauben zu viele Menschen, der Krieg würde weit weg stattfinden und uns nichts angehen. Und dann tauchen plötzlich Sprengstoffdrohnen in Leipzig auf. Und denken Sie an den Herbst 2025, als über vielen europäischen Flughäfen Drohnen kreisten und den Flugverkehr lahmlegten. Das ist kein Zufall, sondern ein Muster eines eskalierenden, hybriden Krieges. Und wir müssen zwingend realisieren, dass wir auf eine gesamteuropäische Abwehr schalten müssen. Russlands Krieg endet nicht in der Ukraine.

Wäre Russland angesichts der katastrophalen Wirtschaftssituation überhaupt in der Lage, die NATO jetzt mit Soldaten und Panzern anzugreifen? Oder spielt die wirtschaftliche Lage eine untergeordnete Rolle, weil die russische Armee – wie viele westliche Experten meinen – eher mit kleinen Truppen in begrenzten Vorstößen angreifen würde?

Genau das ist der Punkt. Putin kann keinen ganz großen Krieg gegen das gesamte NATO-Gebiet beginnen, aber er kann die NATO lokal testen. Russland kann nicht mit einem massiven Einsatz mechanisierter Systeme über Landesgrenzen rollen, aber mit kleinen Störaktionen – wie wir sie bereits sehen – anfangen.

Experte Keupp: Warum Putin zur Eskalation gezwungen wird

An was genau denken Sie?

Russische Soldaten könnten irgendwelche Waldwege gleich hinter der Grenze besetzen, oder in ein NATO-Gebiet rein- und sofort wieder herausfahren. Also mal kurz mit einigen Spähwagen nach Estland fahren, kurz einen Kaffee trinken und am selben Tag wieder abreisen. Einfach als reine Provokation und um zu testen, wie die NATO reagiert. Putin kalkuliert damit, dass Trump den Europäern nicht zur Hilfe eilen würde. Und dann kommt noch der Faktor hinzu, dass Putin vielleicht keine andere Wahl hat, als den Krieg weiter zu eskalieren.

Weil er die russische Wirtschaft in eine Kriegsökonomie verwandelt hat?

Genau. Er ist gezwungen, laufend weiter zu eskalieren, weil er sonst die russische Wirtschaft nicht stabil halten kann. Die Kriegsökonomie kann nicht einfach angehalten werden. Denn die zivile Industrie ist weitgehend in der Rezession, oder auf Krieg ausgerichtet. Und wie würde er die Millionen russischen Toten und Verwundeten erklären? Putin kann das nicht mehr selbst kontrollieren, sondern muss der wirtschaftlichen Mechanik folgen. Und Putins permanentes Vorwärtsstolpern ist durchaus amüsant: Jedes Mal, wenn ihm ein kleiner taktischer Vorteil gelingt, verschlimmert er seine strategische Lage. Bevor er eine Niederlage eingesteht, wird er immer versuchen, noch einen Schritt vorzustolpern, der ihm vielleicht wieder etwas Zeit verschafft. Deswegen darf man das nicht auf die leichte Schulter nehmen.

In anderen Interviews haben Sie beschrieben, wie man an der Wirtschaft eines Landes erkennen kann, ob sich dieses Land eventuell auf einen Krieg vorbereitet. Beispielsweise, wenn es Wirtschaftsbeziehungen zu anderen Ländern einschränkt oder abbricht. Könnte man auch in Russland Zeichen sehen, die ein Indiz für einen Angriff sein könnten?

Dafür ist die Betrachtung Chinas entscheidend. Abgesehen von wenigen Ausnahmen wie Iran und den Emiraten hat Russland nur noch Außenhandelsbeziehungen mit Ländern, die sich als Schmuggelkorridore anbieten – und eben mit China, von wo schon heute fast alle Konsum- und Investitionsgüter stammen. De facto kontrolliert das asiatische Land das Technologieniveau der russischen Volkswirtschaft. Vor einer Eskalation zwischen Russland und NATO müsste man also überlegen, wie eine Eskalation auf chinesischer Seite aussehen könnte.

Eskalation zwischen NATO und Russland: Welche Rolle China spielen könnte

Und wie könnte die aussehen?

Beispielsweise könnte China Russland trotz Bankenkrise anbieten, sich durch Anleihen im chinesischen Kapitalmarkt zu refinanzieren. Aber dann würden die Chinesen von den Amerikanern über Sekundärsanktionen abgestraft werden, und das wäre wohl sehr viel teurer. Für China ist Russland ein vernachlässigbarer Markt, weil dorthin nur circa zwei Prozent der chinesischen Exporte fließen. Aber zwei Drittel gehen in die westliche Welt, also nach Europa und in die USA.

Das heißt, dass dieses Geschäft für China sehr uninteressant wäre.

Ich denke, China fährt eine Politik nach dem Motto: Wir erlauben Russland gewisse Dinge, solange wir daraus Kapital schlagen. Aber wir erlauben Russland keine großen Dummheiten zu machen, die uns schädigen oder sogar in den Abgrund reißen. Putin hat dieses enorme Problem für sich selbst geschaffen. Vor dem Krieg war Russland relativ gut in die Weltwirtschaft integriert. Russland hatte Handelsbeziehungen mit den USA und Mitteleuropa. Das Land konnte sich am europäischen Kapitalmarkt finanzieren, und russische Aktien galten lange Zeit als gute Investition. Aber das hat Putin alles zerstört. (Interview: Jan-Frederik Wendt)

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