Stand: 14.07.2026, 14:33 Uhr
Von: Max Nebel
Ex-CENTCOM-Chef Frank McKenzie bringt die Besetzung der Insel Kharg ins Spiel. Sie soll den Iran zu Zugeständnissen zwingen. Kritiker warnen.
Washington, D. C. – Ein früherer hochrangiger US-Kommandeur bringt inmitten der neuen militärischen Eskalation mit dem Iran einen weitreichenden Schritt ins Gespräch. Der pensionierte General Frank McKenzie fordert, eine Einnahme der strategisch wichtigen Insel Kharg zumindest zu erwägen. Die Kontrolle über iranisches Staatsgebiet könne Washington bei möglichen Verhandlungen im Iran-Krieg ein entscheidendes Druckmittel verschaffen.
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Dieser Artikel entstand in Kooperation mit newsweek.com.
McKenzie äußerte sich am Sonntag (12. Juli) in der CBS-Sendung „Face the Nation“. Der frühere Kommandeur des U.S. Central Command erklärte, die amerikanischen Streitkräfte könnten nicht nur die Straße von Hormus öffnen und offen halten, sondern bei einer entsprechenden Entscheidung von Präsident Donald Trump auch Kharg einnehmen. Eine solche Operation ist bislang jedoch kein öffentlich bestätigter Beschluss der US-Regierung.

Iran-Krieg: Ex-CENTCOM-Chef fordert direkten Druck auf Teheran
„Das ist etwas, über das wir nachdenken sollten, denn der Besitz iranischen Territoriums wäre ein bedeutender Faktor bei künftigen Verhandlungen mit dem Iran“, sagte McKenzie. Er betonte, sämtliche militärischen Möglichkeiten stünden grundsätzlich zur Verfügung. Zugleich erklärte der frühere General, eine diplomatische und politische Lösung müsse das angestrebte Endziel bleiben.
Nach McKenzies Darstellung reagieren die iranischen Machthaber vor allem auf militärische Gewalt und extremen Druck. Es gehe nicht um einen Regimewechsel, sondern darum, das Handeln der Führung in Teheran zu verändern. Der Besitz der Insel könne die Position der USA bei Verhandlungen über die Straße von Hormus, iranische Raketen und die Unterstützung verbündeter Milizen stärken.
„Existenzieller“ Druck auf die Führung im Iran
Eine Öffnung der Straße von Hormus würde nach McKenzies Einschätzung den Einsatz von Kriegsschiffen in engen Gewässern erfordern. „Die US-Marine macht das nicht gern, aber sie ist sehr gut darin, und falls nötig kann sie es tun und guttun“, erklärte er. Die militärischen Fähigkeiten dafür seien vorhanden.
„Wenn man Zugeständnisse vom Iran erzwingen will, muss man direkten Druck auf das Regime ausüben und dies auf eine Weise tun, die möglicherweise existenziell für sie ist“, so McKenzie weiter. Die zentrale Grundlage iranischer Staatspolitik sei der Erhalt des bestehenden Herrschaftssystems. Präsident Trump müsse entscheiden, ob er diesen Weg einschlagen wolle.
USA greifen nach Attacke auf Handelsschiff in Straße von Hormus 140 Ziele an
Die Aussagen fallen in eine neue Phase des Konflikts zwischen den USA und dem Iran. Nach Angaben des US-Militärs griffen amerikanische Kräfte am Sonntag etwa 140 Ziele im Iran an, darunter Abschussanlagen für Raketen und Drohnen, Munitionsdepots und Kommunikationseinrichtungen. Die Angriffe waren umfangreicher als zwei vorangegangene US-Angriffswellen innerhalb derselben Woche.
Auslöser war nach amerikanischer Darstellung ein iranischer Angriff auf das unter zyprischer Flagge fahrende Containerschiff „GFS Galaxy“ vor der Küste Omans. Das Schiff geriet in Brand, 23 Besatzungsmitglieder wurden nach Angaben Omans gerettet, ein indischer Seemann galt zunächst als vermisst. Der Iran erklärte, das Schiff habe eine nicht genehmigte Route durch die Straße von Hormus benutzt.
Iran schlägt gegen Ziele in mehreren Golfstaaten zurück
Der Iran reagierte mit Angriffen auf Staaten in der Region, in denen amerikanische Streitkräfte stationiert sind. Nach Berichten von AP und Reuters waren unter anderem Bahrain, Kuwait, Katar, Jordanien und Oman betroffen. Mehrere Länder aktivierten ihre Luftverteidigung und meldeten den Abschuss anfliegender Raketen oder Drohnen.
Jordanien erklärte, vier iranische Raketen abgefangen zu haben, ohne dass Menschen verletzt oder Sachschäden verursacht worden seien. Katar meldete drei Verletzte, darunter ein Kind, durch herabfallende Trümmer. Oman bestellte nach Drohnenangriffen den iranischen Botschafter ein.
USA und Iran streiten um Straße von Hormus
Im Zentrum des Konflikts steht erneut die Kontrolle über die Straße von Hormus. Der Iran erklärte die Meerenge für geschlossen und verwies auf militärische Bewegungen der USA sowie auf Schiffe, die angeblich ohne Genehmigung unterwegs gewesen seien. CENTCOM widersprach und bezeichnete die Wasserstraße als entscheidenden internationalen Korridor für den Welthandel.
Die tatsächliche Schifffahrt ist trotz der amerikanischen Darstellung massiv eingeschränkt. Nach Daten des Analyseunternehmens Kpler durchquerten am Sonntag nur sechs Schiffe die Meerenge – so wenige wie seit fünf Wochen nicht mehr. Viele Tanker schalteten in dem Hochrisikogebiet ihre Ortungssysteme ab, Flüssiggastanker waren am Wochenende in den erfassten Daten überhaupt nicht zu sehen.
Ein Fünftel des globalen Energiehandels führt durch die Meerenge
Vor Beginn des Iran-Krieges wurde etwa ein Fünftel des weltweit gehandelten Rohöls und Erdgases durch die schmale Meerenge transportiert. Die iranischen Angriffe auf Handelsschiffe und die erheblichen Risiken für Reedereien haben den Verkehr seit Monaten deutlich beeinträchtigt. Die USA unterstützen inzwischen Schiffe auf einer südlichen Route nahe der Küste Omans.
Ein länger anhaltender Schlagabtausch könnte deshalb weit über die Region hinaus Folgen haben. Versicherungsrisiken, unterbrochene Lieferketten und geringere Tankerbewegungen könnten die Öl- und Gaspreise erneut antreiben. Die jüngsten Angriffe gefährden zudem ein auf 60 Tage angelegtes Zwischenabkommen, das eigentlich Verhandlungen über ein dauerhaftes Ende des Krieges vorbereiten sollte.
Warum die Insel Kharg für den Iran so wichtig ist
Kharg liegt im nördlichen Persischen Golf vor der iranischen Küste und beherbergt das wichtigste Ölexportterminal des Landes. Die Tiefwasseranlagen können große Tanker aufnehmen und ermöglichen die Verladung erheblicher Mengen Rohöl. Die Insel gehört damit zu den wertvollsten wirtschaftlichen und strategischen Anlagen der Islamischen Republik.
Nach Angaben der US-Energiebehörde EIA wickeln die Terminals auf Kharg sowie auf den Inseln Lavan und Sirri nahezu sämtliche iranischen Rohölexporte ab. Verschiedene Analysen gehen davon aus, dass Kharg allein für einen sehr großen Teil dieser Ausfuhren verantwortlich ist. Ein längerer Ausfall würde die iranischen Exportmöglichkeiten daher erheblich einschränken.
Einnahme der Insel könnte Irans Öleinnahmen treffen
Befürworter einer härteren amerikanischen Linie sehen darin den entscheidenden Vorteil einer möglichen Einnahme. Die Kontrolle über Kharg könnte die wichtigste Einnahmequelle der iranischen Führung unmittelbar bedrohen. Gleichzeitig bekäme Washington ein iranisches Gebiet in die Hand, das bei Verhandlungen als Tauschobjekt dienen könnte.
McKenzie stellte genau diese Hebelwirkung in den Mittelpunkt seiner Argumentation. Die USA könnten nach seiner Darstellung die Insel besetzen, wenn Trump dies anordne. Ob die Streitkräfte eine solche Operation dauerhaft absichern könnten und welche Truppenstärke dafür nötig wäre, erläuterte er nicht.
Kritiker warnen vor unkontrollierbarer Eskalation im Iran-Konflikt
Eine Besetzung wäre mit erheblichen militärischen Risiken verbunden. Die Insel liegt nahe am iranischen Festland und könnte fortlaufend mit Raketen und Drohnen angegriffen werden. Amerikanische Soldaten müssten nicht nur die Anlagen einnehmen, sondern sie anschließend gegen mögliche Gegenangriffe verteidigen.
Zudem könnte Teheran versuchen, den Druck auf Handelsschiffe und amerikanische Stützpunkte in der Region weiter zu erhöhen. Auch eine Beschädigung der Ölanlagen könnte die Versorgung auf dem Weltmarkt zusätzlich verknappen. Der strategische Gewinn einer Einnahme müsste daher gegen eine mögliche langfristige Bindung amerikanischer Truppen und erhebliche wirtschaftliche Folgen abgewogen werden.
Donald Trump drohte schon 1988 mit Einnahme von Kharg
Die Idee, Kharg einzunehmen, taucht in Trumps außenpolitischen Äußerungen seit Jahrzehnten auf. Bereits 1988 sagte der damalige Unternehmer in einem Interview mit dem britischen Guardian, er würde nach einem Angriff auf amerikanische Soldaten oder Schiffe gegen die Insel vorgehen. „Ein einziger Schuss auf einen unserer Männer oder eines unserer Schiffe, und ich würde Kharg ordentlich bearbeiten. Ich würde hineingehen und sie nehmen“, sagte Trump damals.
Die Aussage fiel während einer Werbereise für sein Buch „The Art of the Deal“. Trump warf dem Iran damals vor, die USA vorzuführen und psychologisch unter Druck zu setzen. Seine Äußerungen zeigen, dass Kharg für ihn schon lange vor seinem Einzug ins Weiße Haus ein mögliches Instrument amerikanischer Machtpolitik war.
Warum Kharg für den Iran so wichtig ist
Lage: Die Insel Kharg liegt im nördlichen Persischen Golf, rund 30 Kilometer vor der iranischen Küste.
Bedeutung: Auf Kharg befindet sich das wichtigste Rohöl-Exportterminal des Iran. Die Tiefwasseranlagen können große Tanker aufnehmen und sind damit zentral für die iranischen Ölausfuhren.
Exportanteil: Nach einer Analyse von JP Morgan werden rund 90 Prozent der iranischen Rohölexporte über Kharg abgewickelt.
Strategischer Wert: Die Insel gilt als wirtschaftliche Lebensader des Iran. US-Präsident Donald Trump bezeichnete Kharg im Zusammenhang mit möglichen Militärschlägen als „Kronjuwel des Irans“.
Militärisches Risiko: Eine Besetzung wäre mit erheblichen Gefahren verbunden. US-Truppen könnten vom iranischen Festland aus mit Raketen und Drohnen sowie durch Schnellboote angegriffen werden.
(Quellen: European Space Agency/AFP, JP Morgan, ZDFheute)
Trumps alte Iran-Idee kehrt in die Debatte zurück
Auch im aktuellen Konflikt hat Trump wiederholt mit Maßnahmen gegen die iranische Ölwirtschaft und einer möglichen Einnahme Khargs gedroht. Bei einem NATO-Gipfel in Ankara erklärte er nach Berichten internationaler Medien erneut, die Insel könne ins Visier genommen werden. Zugleich stellte er weitere Gespräche mit Teheran in Aussicht.
Dass nun ein früherer CENTCOM-Kommandeur öffentlich eine ähnliche Option befürwortet, verleiht der Diskussion zusätzliches Gewicht. McKenzie entscheidet allerdings nicht über die amerikanische Militärstrategie und sprach ausdrücklich über eine Möglichkeit, nicht über einen bereits erteilten Einsatzbefehl. Die Entscheidung über eine derart weitreichende Operation läge bei Trump und seiner Regierung.
Kharg wird zum möglichen Druckmittel in Verhandlungen im Iran-Krieg
Die Frage nach einer Einnahme der Insel verbindet militärische, wirtschaftliche und diplomatische Interessen. Washington könnte Teherans Öleinnahmen treffen und zugleich ein starkes Faustpfand für Verhandlungen gewinnen. Der Iran wiederum dürfte einen solchen Schritt als Angriff auf seine wirtschaftliche Existenz und territoriale Integrität betrachten.
Während beide Seiten weiter um die Straße von Hormus ringen, wächst damit die Gefahr einer noch größeren Ausweitung des Konflikts. McKenzies Vorschlag zeigt, wie weit die strategischen Überlegungen in Washington inzwischen reichen. Ob die Drohung vordergründig den Druck vor neuen Gesprächen im Iran-Krieg erhöhen soll oder tatsächlich zu einer militärischen Option wird, ist derzeit offen.



