Stand: 30.10.2026, 10:14 Uhr
Von: Florian Naumann
Nahe der NATO-Ostflanke haben Fachleute, Militärs und Unternehmer zwei Tage lang über Europas Verteidigung debattiert. Das Ergebnis? Wenig beruhigend.
Vilnius – Europa hat schon angenehmere Momente erlebt – vorsichtig ausgedrückt: Wladimir Putin ist dabei, die Ukraine mit neuartigen Drohnen zu zermürben und eskaliert die Grauzonen-Attacken auf ihre Verbündeten. Und die Europäer haben zwar Milliarden für die Verteidigung losgeeist, kommen aber in vielen Bereichen nicht so recht voran. Zumal sie weiter Trumps USA für ihre Sicherheit brauchen. Wie das noch gut ausgehen und wie zumindest das Schlimmste verhindert werden kann, haben unmittelbar an der NATO-Ostflanke gerade Politiker, Militärs, Wissenschaftler, Gäste aus der Ukraine und Rüstungsvertreter debattiert. Und dabei scharfe Warnungen, Lehren und auch einige überraschende Thesen zu hören bekommen.

92 Referentinnen und Referenten, gut 40 Unternehmen und 800 Gäste waren nach Veranstalterangaben bei der Konferenz „Defending Baltics 2026“ in Vilnius dabei. Der Münchner Merkur von Ippen.Media war auf Einladung der Friedrich-Naumann-Stiftung (wie schon im Vorjahr) vor Ort. Was (Ex-)Minister, Militärs wie der österreichische Offizier Markus Reisner, ein Vertreter des ukrainischen Militärgeheimdienstes und bekannte Verteidigungsexperten mitzuteilen hatten: Fünf Erkenntnisse und Lehren im komprimierten Überblick:
Putins „industrialisierter Krieg“: Nicht nur der ukrainische Geheimdienst warnt Europa
Die Ausgangslage: Neutral ist die Ukraine als das Opfer von Russlands Angriffskrieg natürlich nicht. Wohl aber bestens informiert über russische Pläne. Andrii Yusov, Sprecher des ukrainischen Militärgeheimdienstes GUR, zeichnete eine russische Eskalationstreppe in ganz Europa nach: von „Elite-Spezialoperationen“ (wie dem Fall Skripal) in den Jahren 2014 bis 2018, „Massen-Cyberattacken von 2022 bis 2024 und nun gezielte Sabotage auf die Verteidigungsindustrie. Dabei setze Russland mittlerweile auf „Rekrutierung aus der Ferne“, warnte Yusov.
Matthew Savill, Direktor des renommierten „Royal United Services Institute“, meinte: Es sei mindestens unklar, ob Europa Russland ohne Hilfe der USA von weiteren Schritten abschrecken könne. Es fehle im Ernstfall an der Fähigkeit zu „Deep Strikes“, an elektronischen Mitteln, Aufklärung und Mitteln, Russlands Luftverteidigung auszuschalten. Litauens Verteidigungs-Stabschef Giedrius Premeneckas beschrieb Handlungsnot an vier „Säulen“: Der Fähigkeit zu einer „glaubwürdigen militärischen Reaktion“, Widerstandsfähigkeit in der Bevölkerung, Mitteln für größere Durchhaltefähigkeit in Militär- und Technologie-Sektor und an Mobilität für die Militärlogistik. „An einem ‚Tag eins‘ wird es zu spät sein, all das auf die Schiene zu setzen“, mahnte er.
Allein die Mobilität dürfte ein Problem sein. Laut Ruben Stewart vom International Institute for Strategic Studies laufen 90 Prozent der NATO-Transporte derzeit über private Unternehmen. Und es brauche dringend sehr praxisnahe Tests. Dringend sicherzustellen sei, dass man auch nach ersten Attacken bewegungsfähig sei, auch über eine längere Dauer. Und dass man wisse, wie das Transportsystem wieder in Gang zu bringen sei: „Alles hängt davon ab, wie viel davon nach ersten Angriffen noch funktioniert.“
Europas Geschwindigkeitsproblem: Bohdan Danyliv, Chef der Militärabteilung bei der Hilfs-NGO Serhiy-Pryutala-Foundation erklärte im Interview mit unserer Redaktion ein Hauptproblem: Europa brauche viel zu lange, um von der Analyse zur Auslieferung von technischen Antworten an das Militär zu kommen. Aktuell produziere Russland schneller billige Jet-Drohnen, als der Westen auch nur teure Gegenmittel herstelle – von der Entwicklung günstiger ganz zu schweigen. Ob man alle Tests wirklich beschleunigen kann, ist mindestens umstritten. Nötig sind laut Experten aber anpassbare Produktionsmechanismen und -systeme. „Technologische Überlegenheit wird niemals dauerhaft sein“, erklärte Danyliv auf dem Podium. „In Zukunft zählt Anpassung.“
Ein anderer Aspekt ist die Frage, wie viel Gegenleistung Europa für seine Verteidigungsausgaben bekommt. Reisner, Vertreter des neutralen Österreich, stellte eine doppelt bittere Diagnose: Russland und Nordkorea hätten in den vergangenen drei Jahren 15 Millionen Artilleriegeschosse hergestellt. Europa und die USA zusammen 1,6 bis 1,8 Millionen. In Russland sei der Preis für ein Exemplar auf umgerechnet 600 bis 620 Euro gefallen, in NATO-Staaten auf bis zu 14.000 Euro gestiegen. Warum? „Weil eine Menge Leute eine Menge Geld damit machen wollen“, konstatierte Reisner. Die Verteidigungsindustrie sei eben nicht in Staatsbesitz. Andererseits beklagen Unternehmen Mangel an Planbarkeit – schließlich sind Staaten die einzigen (legalen) Abnehmer für Kriegswaffen.

Die große Entscheidungsfrage: In Krisensituationen droht Chaos, auch an leitenden Stellen. Einen Einblick gab der ukrainische Regionalpolitiker Mykola Torianyk. Er war 2022 Chef der Verwaltung im Bezirk Khotin – und seine Region nach der Invasion schnell von der Außenwelt abgeschnitten. Noch kurz zuvor hätten übergeordnete Stellen jede Gefahr eines russischen Überfalls zurückgewiesen, schilderte er: „Zu Beginn waren wir einfach verloren. Wir erwarteten Anweisungen von der Zentralregierung“. Unterdessen sei Panik ausgebrochen. Dann habe er einfach die Verantwortung übernommen. Die frühere ukrainische Vize-Kommunalministerin Oleksandra Azarkhina erklärte schon zuvor: Überlebt habe man die ersten Monate nur, weil „Menschen ihren Job getan haben. Sie hatten Zugang zu Ressourcen und sie trafen schnelle Entscheidungen. Nicht basierend auf Gesetzen, sondern auf gesundem Menschenverstand.“
Die norwegische Kriegsrechtlerin und Sozialwissenschaftlerin Cecilie Hellestveit erklärte die Theorie hinter der Schilderung: Panik sei ein mentales Problem und eine Folge von Unvorbereitetheit. Als an Frieden gewöhnte Staaten seien die europäischen Gesellschaften aber nur schwer vorzubereiten. Und selbst wenn man es täte, wäre das nur schwer konkret möglich. Ein konkretes Problem sei die große Spannbreite der Szenarien, von hybriden Attacken bis zu einem Abnutzungskrieg – ein weiteres die sich wandelnde Technologie. „Jedes Szenario ist anders“, sagte Azarkhina.
Einen Spezialfall spürt Europa schon jetzt: Wer ist zuständig, wenn eine Drohne auftaucht? Experte Federico Borsari vom Center for European Policy Analysis gab eine eigentlich einfache Handlungsanweisung: Zuerst Bewusstsein für die Gefahren und klare Regeln schaffen. Dann die Zuständigkeiten klar über die Akteure verteilen. In Deutschland sieht es bisher nicht immer so aus, als ob das klappt.
„Wir alle verlieren den Krieg gerade“: Ukrainische Ex-Ministerin redet EU-Regierungen ins Gewissen
Die Menschen – von Kultur bis zum Bunker: Azarkhina sprach eine weitere drastische Warnung aus: Europas Regierungen müssten den Menschen dringend erklären, was gerade vor sich gehe. Denn an dieser Front „verlieren wir alle den Krieg gerade“, erklärte sie; es mangele in Europa an Bewusstsein für Gefahren. Und die Ukraine braucht das Wohlergehen ihrer Unterstützer – um die Hilfe nicht versiegen zu lassen. Russland, Nordkorea, China und Iran industrialisierten den Krieg, sagte Azerkhina. „Aus Geheimdienstberichten wissen die Regierungschefs, was passiert. Sie wollen keine Verantwortung übernehmen, weil das den politischen Mechanismen widerspricht.“
Hellestveit betonte: Ein Smartphone könne schon vor einem physischen Krieg zur „Massenvernichtungswaffe“ werden. Einen Einblick in praktische Strategien gegen Desinformation gab Mykola Katkus, der Chef des litauischen Unternehmens Repsense. Die Analysten hatten unter anderem Russlands Kampagne in Moldau und Armenien analysiert. Russland gebe mindestens zwei Milliarden Dollar für „kognitive Kriegsführung“ aus, sagte er. Man müsse wissen, wer in einer Gesellschaft anfällig für bestimmte russische Erzählungen sei, erklärte er – manchmal gebe es konkrete behebbare Ursachen. Meist sei es die „schlechteste Strategie“ russische Vorwürfe zu dementieren. Besser sei es, überzeugende eigene Erzählungen zu etablieren.
Bis vor wenigen Jahren hat Deutschland Schutzräume geschlossen. Von neuen Exemplaren dürften die wenigsten Menschen im Land gehört haben. Litauen muss unterdessen mittlerweile jährlich rund 50 Warnungen vor Drohnen und anderen Gefahren über seinen Cell-Broadcast veröffentlichen, wie Donatas Gurevičius, Berater des litauischen Katastrophenschutzes, sagte. Aber noch immer fühlten sich sogar rund 40 Prozent der Verantwortlichen nicht gut vorbereitet. Da sei auf makabre Weise sogar ein heftiges Sommerunwetter jüngst gelegen gekommen – weil das kurzfristige Chaos die Notwendigkeit von Vorbereitung vor Augen führe. Wie sinnvoller Schutz aussehe, verändere sich ebenfalls, erklärte Šarūnas Radvilavičius, der für eine litauische Staatsagentur Bunkerbau in der Ukraine unterstützt. Angefangen habe man dort mit riesigen Großprojekten – aktuell baue man Mini-Schutzräume entlang von Schulbus-Routen.
Auf einigen Feldern ist die Ukraine ihren Unterstützern aus Europa mittlerweile voraus: Gäste aus der Ukraine boten Hilfe an. Zum Beispiel gemeinsame Drohnenzentren – in denen erfahrene ukrainische Experten im Ernstfall die Drohnen-Abwehr an den Grenzen Tag und Nacht steuern könnten. „Für diese Lehren haben wir den höchsten Preis gezahlt – damit ihr ihn nicht bezahlen müsst. Wir haben grünes Licht, unsere Erkenntnisse zu teilen“, sagte „Ostap“, Soldat in der Elektronischen Kriegsführung. Dafür müsste es aber kompatible Steuerungssysteme geben, erklärte der stellvertretende Kommandeur der Drohnen-Spezialeinheit „Lasar-Gruppe“, „Phoenix“, auf der Bühne und im Gespräch mit unserer Redaktion. Auch davon ist Europa aber noch weit entfernt, wie Verteidigungsexperte Frank Sauer im Sommer im Interview andeutete. (Aus Vilnius berichtet Florian Naumann)



