Im Stahlwerk von Thyssenkrupp in Duisburg fallen Tausende Arbeitsplätze weg. © Arne Piepke/Laif
Europäische Unternehmen müssen bald mehr Geld für ihre Emissionen zahlen. Ihre Produkte werden dadurch teurer. Und dann?
Aus der ZEIT Nr. 42/2025 Aktualisiert am 7. Oktober 2025, 20:32 Uhr
Nur drei Monate noch, dann wird der Klimaschutz in Europa eine neue Stufe erreichen, dann wird es für viele Firmen ernst. Während Umweltschützer es kaum erwarten können, macht sich bei großen Industriebetrieben die Angst breit, dass sie bald keine Chance mehr haben im weltweiten Wettbewerb.
In Duisburg zum Beispiel, wo Thyssenkrupp das größte Stahlwerk der Republik betreibt, so raumgreifend wie eine Stadt. In einer der riesigen Hallen wird rot glühender Stahl abgestochen bei 1.700 Grad. In einer anderen Halle wird er auf einer fast einen Kilometer langen Anlage gewalzt, damit er später als Seitenaufprallschutz in Autos verbaut werden kann. Oder als Türblech. Oder als Gurtspanner. Würde dieses Werk ein paar Wochen ausfallen, hätte die europäische Autoindustrie ein gewaltiges Problem. 13.000 Menschen arbeiten hier. Aber vor dem Werkstor steht seit Monaten eine Mahnwache; der Konzern plant, Tausende Stellen zu streichen. Seit Jahren macht das Duisburger Werk hohe Verluste. Weil die Kunden weniger Stahl kaufen, die Energiepreise hoch sind und China die Welt mit Billigstahl überhäuft. Und nun steigen auch noch die Kosten für den europäischen CO₂-Preis.
Wenn die Politik nicht eingreife, drohe "eine weitere Deindustrialisierung", schrieb Thyssenkrupp kürzlich an die EU-Kommission. Auch andere große deutsche Konzerne wie BASF sind alarmiert und fordern dringend Änderungen.
Der Streit dreht sich um den Stolz der europäischen Klimapolitiker. Schon vor 20 Jahren hat die EU einen Preis für CO₂-Emissionen eingeführt. Wer eine Tonne des klimaschädlichen Gases in die Umwelt pustet, muss dafür ein Zertifikat kaufen, 76 Euro kostet es derzeit. Diese Pflicht gilt bislang für Kraftwerke, Fluggesellschaften und energieintensive Industrien, die Stahl, Aluminium, Papier, Zement oder Chemieprodukte herstellen.
Der Preis macht CO₂-Emissionen teuer und soll so dafür sorgen, dass die Firmen sie möglichst vermeiden. Und seit seiner Einführung sind die Emissionen in den betroffenen Sektoren tatsächlich um die Hälfte gesunken, vor allem im Energiebereich.
Doch andererseits verteuert der CO₂-Preis auch die jeweiligen Produkte. Er macht Strom aus Kohle und Gas teurer, auch Flüge innerhalb Europas – und Industriegüter wie Stahl und Aluminium. Das wird zum Problem, sobald europäische Firmen mit anderen konkurrieren, die außerhalb Europas sitzen und diesen Preis nicht zahlen müssen. Indische Stahlhersteller zum Beispiel können die Umwelt kostenlos verschmutzen, chinesische müssen nur ein Zehntel für ihre CO₂-Emissionen zahlen. Mit dem Ergebnis, dass die aus Sicht des Klimaschutzes brillante Idee des CO₂-Preises den fairen Wettbewerb auf globaler Ebene gefährdet.
Um das zu verhindern, hat die EU bislang vielen Industriebetrieben wie Thyssenkrupp oder BASF den Großteil der benötigten CO₂-Zertifikate geschenkt. Doch damit ist jetzt Schluss.
Vom kommenden Jahr an sollen diese kostenlosen Zuteilungen weniger werden und bis Ende 2034 vollständig auslaufen. Dann müssen die Firmen für jede Tonne CO₂, die in ihrer Produktion anfällt, den vollen Marktpreis zahlen. Der dürfte in den nächsten Jahren deutlich steigen – allein bis zum Jahr 2030 rechnen manche Experten mit einer Verdoppelung auf 150 Euro pro Tonne. Er kann aber auch stärker zulegen, denn die EU verknappt die Zahl der insgesamt ausgegebenen CO₂-Zertifikate jedes Jahr um gut vier Prozent. Von 2040 an soll es dann gar keine neuen mehr geben.
"Unrealistisch" finden sie das alles bei BASF. In Ludwigshafen steht eines der größten Chemiewerke der Welt, ebenfalls in Kleinstadt-Dimensionen. Ein eigenes Netz von Straßen führt hindurch, mit Namen wie Salpeter- und Ammoniakstraße. Doch BASF hat zuletzt mehrere Anlagen stillgelegt, weil sich beispielsweise die Produktion von Ammoniak wegen der gestiegenen Gaspreise nicht mehr lohnt. Tausende Stellen werden derzeit gestrichen, der Standort kämpft darum, wieder in die schwarzen Zahlen zu kommen. Das könnte bald noch schwerer fallen: Schon in diesem Jahr zahlt BASF mehrere Millionen Euro für CO₂-Zertifikate. Sinkt die kostenlose Zuteilung, dürften diese Kosten rasant steigen. Sie "sollte verlängert werden", teilt ein BASF-Sprecher mit. Sonst sei die Wettbewerbsfähigkeit der ganzen Industrie gefährdet.



