Die Lage am Morgen Wie reagiert die Nato, wenn Putin ihre Grenzen testet?
Heute geht es um die Frage, wie der Westen auf die russischen Aggressionen gegen Polen antwortet. Wir befassen uns mit dem tödlichen Angriff auf den Trump-Unterstützer Charlie Kirk. Und wir blicken auf eine europäische Alternative zu PayPal.
11.09.2025, 05.40 Uhr
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Der Drohnenvorfall schlägt in Berlin ein
Provokation. Das ist das Wort, das am häufigsten fällt, wenn deutsche Regierungsvertreter zu greifen versuchen, was am frühen Mittwochmorgen geschehen ist. Unbemannte russische Kampfdrohnen, mehr als ein Dutzend an der Zahl, waren in den polnischen Luftraum eingedrungen. Sie wurden von polnischen und niederländischen Kampfjets ausgeschaltet. Es war das erste Mal, dass russische Kampfdrohnen über Nato-Gebiet abgeschossen werden mussten.
Beschädigtes polnisches Haus nach dem Abschuss russischer Drohnen
Foto: Kacper Pempel / REUTERSVon einer »gezielten Provokation« nicht nur gegenüber Polen, sondern »gegenüber der gesamten Nato und gegenüber unserer europäischen Sicherheitsordnung«, spricht Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD). Das russische Vorgehen reihe sich ein in eine lange Kette von Provokationen im Ostseeraum und an der Ostflanke der Nato, so formuliert es ein Regierungssprecher. Nur dass Putins Provokationen ein neues Niveau erreicht haben.
Die Frage drängt sich auf: Und was jetzt?
Putin testet seine Grenzen, in dieser Einschätzung ist man sich im Westen einig. An ein Versehen glaubt kaum jemand. Eher an eine russische Prüfung der Nato-Flugabwehr. Meine Kollegen aus dem Hauptstadtbüro beschreiben es so: »Der russische Drohnenschwarm ist eine kaum verhohlene Drohung an die Europäer: Putin ist bereit, den Krieg in der Ukraine zu eskalieren, ihn über die ukrainischen Grenzen hinauszutragen.« Auch wenn das russische Verteidigungsministerium behauptet, es habe keine entsprechenden Pläne gegeben. »Der Testfall, vor dem Militärs der Bundeswehr intern schon lange warnen, er könnte nun eingetreten sein«, schreiben meine Kollegen.
Für heute Nachmittag hat Polens Präsident Karol Nawrocki den Rat für nationale Sicherheit einberufen. Der polnische Ministerpräsident Donald Tusk hat die Aktivierung von Artikel 4 des Nato-Vertrags beantragt – ein Schritt, der Beratungen aller Nato-Verbündeten auslösen würde (mehr dazu hier ). Das letzte Mal, dass dieser Prozess in Gang gesetzt wurde, war nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine. Die Nato ringt jetzt um ihre Reaktion auf Putins Aggression.
Allerdings hat an einer militärischen Eskalation niemand ein Interesse. In Berlin wächst die Hoffnung, dass Donald Trump seinen Traum von einem Deal mit Wladimir Putin aufgeben und stattdessen die Sanktionen gegen Russland verschärfen könnte, um Moskau zu Friedensverhandlungen zu drängen. Es ist ein sehr frommer Wunsch.
Russlands Präsident gibt sich unbeeindruckt. Ab Freitag will er eine weitere Botschaft militärischer Stärke aussenden. Er lässt auf dem Territorium seines Verbündeten Belarus, das an Polen grenzt, ein Militärmanöver von Moskauer und Minsker Truppen abhalten.
Der Name des Projekts lautet »Sapad«. Übersetzt: »Westen«.
Mehr Hintergründe lesen Sie hier: Droht eine direkte Konfrontation zwischen Russland und der Nato?
Tödlicher Schuss auf Trump-Unterstützer in Utah
Charlie Kirk galt mit seinen gerade einmal 31 Jahren als wichtige Stimme im MAGA-Universum von US-Präsident Donald Trump. Nun ist der rechte Aktivist und Podcaster im US-Bundesstaat Utah bei einem Auftritt erschossen worden. Der tödliche Schuss fiel gegen 12.10 Uhr (Ortszeit) während einer Rede Kirks auf dem Campus einer Universität. Im Internet kursierten Videos der Tat, demnach wurde der Aktivist am Hals getroffen. Nach dem Schützen wird noch gefahndet.
Donald Trump und Charlie Kirk (r.) im Jahr 2018
Foto: Manuel Balce Ceneta / APAm Weißen Haus wurden die Flaggen auf halbmast gesetzt, Präsident Trump erklärte: »Der großartige, legendäre Charlie Kirk ist tot. Niemand hat das Herz der Jugend von Amerika mehr angesprochen als er.« In einer vierminütigen Videobotschaft aus dem Oval Office machte der US-Präsident dann die »radikale Linke« für den Tod Kirks verantwortlich.
Kirk hatte im Alter von 18 Jahren zusammen mit dem mehr als 50 Jahre älteren Aktivisten Bill Montgomery die rechtsgerichtete Jugendorganisation Turning Point USA gegründet. Kirk stellte sich jahrelang immer wieder auf die Seite von Trump und verbreitete dessen Lügen und Gerüchte weiter. Vor Trumps Wahlsieg im vergangenen Jahr hatte Kirk vor allem bei jungen Wählern sehr erfolgreich für Unterstützung der MAGA-Bewegung getrommelt.
Auch bei den Demokraten herrscht Bestürzung. Die Ex-Präsidenten Barack Obama und Joe Biden sowie dessen Vizepräsidentin Kamala Harris verurteilten die Tat. Obama erklärte: »Diese Form von abscheulicher Gewalt hat keinen Platz in unserer Gesellschaft.«
Mehr Hintergründe: Trump-Unterstützer Charlie Kirk nach Attentat in Utah gestorben
Europa macht sich unabhängig von PayPal
Vor jeder Zinsentscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB) leiden Anleger und Häuslebauerinnen an Symptomen akuter Hyperventilation. Senkt die EZB die Leitzinsen oder bleiben sie dort, wo sie sind? Was heißt das für Tagesgeldkonten oder Immobiliendarlehen (mehr lesen Sie hier)? Und haben die Experten recht, wenn sie prophezeien, dass die Notenbanker die Zinsen bei ihrer Sitzung am heutigen Donnerstag unverändert lassen?
EZB-Präsidentin Christine Lagarde bei einer Pressekonferenz in Frankfurt
Foto: Christoph Hardt / Panama Pictures / picture allianceEin ungleich politischeres Megaprojekt der EZB sorgt indes selten für erhöhten Puls: Der digitale Euro lässt die Menschen kalt. Er soll ab 2028 Banknoten und Münzen in der Eurozone als Zahlungsmittel ergänzen – und könnte helfen, Europa unabhängig zu machen von der MAGA-Ideologie des irrlichternden US-Präsidenten Donald Trump. »Man kann ja nie wissen«, so sagt es Zentralbankerin Christine Lagarde. Man sollte sich für das Projekt interessieren. Und zwar jetzt.
»Das Thema Zahlungsverkehr ist auf Partys so sexy wie Fußpilz, aber mittendrin im Wirtschafts- und Kulturkampf der einstigen Partner Europa und USA«, schreibt mein Kollege Tim Bartz aus dem Wirtschaftsressort. Bislang dominieren im praktischen Zahlungsverkehr US-Konzerne, Kreditkartenanbieter wie Visa und Mastercard oder Zahlungsabwickler wie PayPal. »Kappen sie ihre Drähte ins Ausland, etwa auf Geheiß des leidenschaftlichen Zerstörers Trump, stünde die Wirtschaft der Welt schlagartig still«, heißt es in Tims lesenswertem Text.
Aus dieser Sorge speist sich europäischer Widerstand, nicht nur bei der EZB. Der Zahlungsdienstleister Wero, vor fünf Jahren gegründet von Banken aus Europa, erhält derzeit ungeahnten Zustrom. Von Kundinnen und Kunden, die mit dem US-Riesen PayPal hadern.
Die ganze Geschichte hier: Kann Europa PayPal?
Um 11 Uhr schrillt und dröhnt es
Erschrecken Sie nicht, wenn es um 11 Uhr heute Vormittag laut wird. Drinnen könnte sich eine Warn-App auf Ihrem Handy melden. Draußen werden Sirenen heulen. Bund, Länder und Kommunen proben mit einem bundesweiten Warntag den Ernstfall.
Beschädigte Strommasten in Berlin
Foto: Jens Kalaene / dpaFür einige Menschen dürfte die Geräuschkulisse verstörend sein. Sirenen, einst in Deutschland üblich, waren nach dem Ende des Kalten Krieges sukzessive abgebaut worden. In Berlin beispielsweise verschwand die letzte im Jahr 1993. Man hielt sie nicht mehr für nötig.
Heute stehen 200 einsatzbereite Sirenen in der Hauptstadt, Tendenz steigend, auch wenn der Ausbau hinkt. Im Jahr 2025 zweifelt niemand daran, dass Katastrophenschutz eine dringliche Angelegenheit ist.
Es gibt Bedrohungen, die mit dem Klimawandel und Naturereignissen zu tun haben. Und es gibt die vielleicht noch unfassbareren, die von Menschen gemacht sind. Auf europäischem Boden wird ein Angriffskrieg geführt. Cyberattacken gehören zum modernen Waffenarsenal. Kriminelle Hacker legen die IT von Krankenhäusern lahm. Die Infrastruktur ist dauergefährdet.
Was es bedeutet, nach einem Anschlag ohne Energie auszukommen, erlebten Zehntausende Menschen in dieser Woche im Südosten Berlins. Eine nach Angaben der Polizei vermutlich politisch motivierte Sabotage hatte Teile des Stromnetzes lahmgelegt. In manchen Fällen waren die Folgen lebensbedrohlich – wie in jenem Seniorenheim, in dem die Beatmungsgeräte versagten.
Mehr Hintergründe hier: »Den Tätern würde ich gern schreiben: Ihr habt das Leben einer 94-Jährigen zerstört«
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Die neue Merz-Doktrin: Mit einer Vielzahl von Krisen ist die Außenpolitik für den Kanzler zum zentralen Politikfeld geworden. Zum Glück hat er den Ernst der Lage erkannt – er muss nur noch entsprechend handeln.
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Verlierer des Tages…
…sind die deutschen Gaskundinnen und -kunden. Bei ihnen wird abkassiert, weil die Betreiber regionaler Gasnetze Traumrenditen einfahren. Nachlesen lässt sich das in Geschäftszahlen der Unternehmen, die der Bundesverband Neue Energiewirtschaft (BNE) ausgewertet hat. Im Durchschnitt lag die Eigenkapitalrendite von 19 Unternehmen, die gemeinsam auf einen Marktanteil von rund 45 Prozent kommen, bei satten 22 Prozent. Bei drei Firmen waren es sogar 50 Prozent oder mehr. Regionale Konkurrenz, die neidvoll erblassen könnte, ist auf diesem Markt nicht vorgesehen. Er funktioniert über Monopolstrukturen. Das Problem für Erika Mustermann und Otto Normalverbraucher: Die üppigen Renditen werden über die sogenannten Netzentgelte erwirtschaftet. Und diese zahlen die Kunden über Gebühren auf ihrer Gasrechnung.



