Drohnen jagen ukrainische Rettungskräfte

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Stand: 10.08.2026, 15:25 Uhr

Von: Tim Krüger

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Recherchen und internationale Daten belegen ein erschreckendes Muster: Rettungskräfte in der Ukraine werden systematisch ins Visier genommen.

Cherson, Ukraine – Als Inna Lytvynenko im vergangenen Juni nach Cherson gerufen wurde, um eine durch einen russischen Drohnenangriff verletzte Frau zu versorgen, trug sie ihre leuchtend orangefarbene Schutzweste – ein eindeutiges Signal, das sie als Rettungssanitäterin ausweisen sollte. Kurz nach ihrer Ankunft näherte sich eine zweite Drohne und verfolgte sie nach eigenen Angaben etwa zehn Minuten lang. „Ich geriet in Panik. Ich schnappte mir meine Notfalltasche und rannte los“, schilderte Lytvynenko der BBC. „Ich wusste: Wenn ich stehenbleibe, sterbe ich.“ Zwei weitere Fahrzeuge, entsandt zur Bergung der Verletzten, wurden ebenfalls attackiert.

Rettungskräfte in Saporischschja, nachdem ein russischer Angriff eine medizinische Einrichtung traf.

Besonders nach dem Erstschlag ist es für ukrainische Rettungskräfte am Ort des Geschehens nicht sicher (Symbolbild). © IMAGO / NurPhoto

Dieser Vorfall ist kein Einzelfall, sondern ein mittlerweile dokumentiertes Muster. Eine umfangreiche BBC-Recherche sowie Berichte internationaler Organisationen belegen, dass Krankenwagen und Ersthelfer in der Ukraine mit wachsender Häufigkeit und Präzision angegriffen werden. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat seit Beginn der russischen Invasion im Februar 2022 insgesamt 3.118 Angriffe auf Krankenhäuser und medizinische Einrichtungen dokumentiert – das entspricht einem Durchschnitt von annähernd zwei Attacken pro Tag.

„Double-Tap“-Taktik: Wenn Rettungskräfte zur Zielscheibe werden

Besonders gravierend ist die sogenannte „Double-Tap“-Taktik, bei der ein Ort in kurzem zeitlichen Abstand zweimal angegriffen wird – offenkundig mit dem Ziel, Rettungskräfte zu treffen, die nach dem ersten Einschlag zur Unglücksstelle eilen. Bei einem Luftangriff auf Kiew kamen zuletzt sieben Menschen ums Leben, weil dieselbe Koordinate ein zweites Mal beschossen wurde, während Ersthelfer bereits im Einsatz waren.

Die ukrainische Menschenrechtsorganisation Truth Hounds dokumentiert vergleichbare Vorfälle systematisch: In Pokrowsk (Oblast Donezk) folgte ein zweiter Einschlag etwa 40 Minuten nach dem ersten, gezielt auf das Trümmerfeld, an dem Ersthelfer bereits arbeiteten. In Poltawa wurden zwei Rettungskräfte während laufender Bergungsmaßnahmen getötet.

Die technologische Entwicklung lässt wenig Zweifel an den Absichten. Sogenannte FPV-Drohnen (First-Person-View) übertragen hochauflösende Echtzeitbilder direkt an den Piloten und erlauben eine manuelle Steuerung bis zum Aufprall. Insbesondere, wenn es sich dabei um neuere, gegen elektronische Störsender geschützte, glasfasergeführte Drohnen handelt. Bei einem derart präzisen System lässt sich ein Treffer auf einen deutlich als Sanitätsfahrzeug markierten Krankenwagen kaum als Versehen werten, wie Robin Meldrum, Landeskoordinator von Ärzte ohne Grenzen (MSF) in einem Bericht erklärte. Nach WHO-Angaben zielen mittlerweile rund 20 Prozent aller Angriffe auf das Gesundheitswesen explizit auf Krankenwagen.

Rückzug der Hilfe – Bevölkerung in Frontnähe ohne medizinische Versorgung

Die unmittelbaren Folgen treffen hauptsächlich die Zivilbevölkerung in frontnahen Gebieten: ältere Menschen, chronisch Kranke und jene, die nicht in der Lage sind, in sicherere Landesteile zu fliehen. Da Drohnen eine immer größere Reichweite erzielen, müssen mobile Kliniken erheblich weitere Sicherheitsabstände zur Kampflinie einhalten.

Während medizinische Teams früher bis auf fünf bis acht Kilometer an die Front heranfahren konnten, beträgt der Mindestabstand nach Angaben von Meldrum heute 30 Kilometer. Als direkte Konsequenz musste MSF in den vergangenen anderthalb Jahren ihre regelmäßige medizinische Versorgung in rund 80 Dörfern in Frontnähe einstellen. „Wir haben nicht das Gefühl, dass die Kriegsregeln respektiert werden“, sagte Meldrum der BBC.

Rettungskräfte in Saporischschja evakuieren Anwohner nach russischem Angriff.

Helfer verzichten bei Einsätzen in Frontnähe häufig auf Sirenen, um nicht aufzufallen. © IMAGO / Avalon.red

Die ukrainischen Notfalldienste reagieren auf diese veränderten Bedingungen mit einer tiefgreifenden Umstellung ihrer Einsatzprotokolle. In frontnahen Sektoren wird der Einsatz von Sirenen und Blaulichtern vermieden, um akustische und visuelle Signale zu minimieren. Zivilschutzteams setzen zunehmend eigene Aufklärungsdrohnen ein, um den Luftraum über einem Einschlagsort nach Folgedrohnen abzusuchen, bevor Bergungstrupps das Trümmerfeld betreten. Die permanente Bedrohung durch Folgeschläge erzwingt ein Verharren in Bereitstellungsräumen, bis der Luftraum als sicher gilt – Zeit, in der schwerstverletzte Zivilisten das zeitkritische Fenster der Notfallmedizin verlieren.

Russlands Verstoß gegen das Völkerrecht

Aus völkerrechtlicher Perspektive stellen diese Angriffsmuster schwere Verstöße gegen das Internationale Humanitäre Völkerrecht dar. Gemäß den Genfer Abkommen von 1949 und ihren Zusatzprotokollen genießen Sanitätspersonal sowie Angehörige von Zivilschutzorganisationen absoluten Schutz vor Angriffen. Ärzte ohne Grenzen kommt in einem jüngst veröffentlichten Bericht zu dem Ergebnis, dass Russland ukrainische Gesundheitseinrichtungen gezielt und in zahlreichen Fällen bewusst bombardiert.

Das Ausmaß der Zerstörung ist in nüchternen Zahlen dokumentiert. Die Menschenrechtsorganisation Truth Hounds verzeichnete allein zwischen November 2025 und Mai 2026 in 109 spezifischen Zwischenfällen Angriffe auf Einsatzkräfte des Zivilschutzes; in mehr als 70 Prozent dieser Fälle waren Drohnensysteme die eingesetzte Primärwaffe. Auf der Gegenseite nimmt die Zivilbevölkerung in Russland Schaden, wenn die eigene Luftabwehr wie in diesem dokumentierten Fall für unkontrollierte Abschüsse sorgt.

Seit Beginn des Angriffskriegs wurden nach Angaben des ukrainischen Staatlichen Dienstes für Notfallsituationen (DSNS) mehr als 600 Vorfälle registriert, bei denen 111 Angehörige des Rettungspersonals ums Leben kamen, 550 weitere verletzt und 617 Einsatzfahrzeuge beschädigt oder zerstört wurden. Ein kürzlich auf Video aufgenommener Angriff aus Cherson dokumentierte deutlich, dass nicht nur Krankenwagen im Visier der russischen Drohnenpiloten stehen, sondern auch auf Zivilisten regelrechte Menschenjagd gemacht wird.

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