Cloudflare-CEO erklärt KI-Entlassungen: Wer baut und verkauft, bleibt – wer misst und kontrolliert, geht

2 weeks ago 11

Cloudflare-CEO Matthew Prince hat trotz Rekordumsatz mehr als 20 Prozent der Belegschaft entlassen. In einem Gastbeitrag erklärt er, warum primär mittleres Management, Operations und Compliance-Positionen durch KI ersetzt werden.

Cloudflare verzeichne Rekordumsätze, einen starken Free Cashflow und eine beispiellose Zahl neuer Kunden, schreibt Cloudflare-CEO Prince in einem Gastbeitrag im Wall Street Journal. Vorbereitend auf das KI-Zeitalter habe er sich entschieden, dennoch mehr als 20 Prozent der Belegschaft zu entlassen.

Laut Prince gibt es kein vergleichbares Beispiel in der US-Wirtschaftsgeschichte, in dem ein börsennotiertes Unternehmen mit über 30 Prozent Wachstum gleichzeitig mehr als 20 Prozent seiner Belegschaft abgebaut habe. Er prognostiziert, dass ein solches Vorgehen im kommenden Jahr zur Norm werden dürfte.

Drei-Rollen-Modell als Entlassungslogik

Prince stützt seine Argumentation auf Peter Druckers Buch "The Practice of Management" von 1954 und unterteilt die Rollen in jedem Unternehmen grob in drei Kategorien: "Builders" (Produktentwickler), "Sellers" (Verkäufer) und "Measurers" (Mess- und Kontrollfunktionen). Letztere umfassen laut Prince interne Revision, Umsatzrealisierung, Finanzen, Recht, Compliance, mittleres Management und Operations.

Drucker habe argumentiert, dass Messen zwar wichtig sei, Kunden aber durch Bauen und Verkaufen gewonnen würden. Die besten Unternehmen würden ihre Investitionen in diese beiden Funktionen maximieren.

Builders und Sellers bleiben, Measurers gehen

Prince sieht Builders und Sellers als sicher vor KI-bedingtem Stellenabbau an. Wenn ein Ingenieur durch KI zehnmal produktiver werde, wolle er so viele wie möglich einstellen. Auch Verkäufer seien geschützt, weil Menschen weiterhin Budgets kontrollierten und von anderen Menschen kaufen wollten, die Vertrauen aufbauen.

Die Measurers hingegen seien die Leidtragenden. "KI-Systeme können eine Organisation jetzt mit einem Maß an objektiver Detailgenauigkeit und Präzision messen, das zuvor selbst für die besten Mitarbeiter unmöglich war", schreibt Prince. KI sei unermüdlich, unabhängig, effizient und jederzeit verfügbar.

Mehr offene Stellen trotz Massenentlassung

Prince betont, dass die Entlassungen keinen Stellenabbau im eigentlichen Sinne darstellten. Cloudflare habe eine Rekordzahl offener Positionen, und die Mitarbeiterzahl solle in den kommenden Jahren weiter wachsen. Mit weniger Measurers könne das Unternehmen stärker in wachstumstreibende Bereiche investieren.

"KI wird nicht alle Jobs töten. Aber sie wird jedes Unternehmen verändern", schreibt Prince. KI sei nicht der Vorbote düsterer Jugendarbeitslosigkeit, sondern "ganz im Gegenteil". Letztlich werde sie Drucker recht geben: KI ermögliche es, Organisationen besser zu messen, damit sich die Menschen in den Teams auf das konzentrieren könnten, wo sie Wert schaffen und erfassen: beim Bauen und Verkaufen.

KI-Nutzung ist kein Beweis für KI-Substitution

Wie bei solchen Behauptungen üblich, liegt auch bei Prince der Verdacht des "AI-Washings" nahe. Das Unternehmen könnte die Entlassungen auf KI schieben, obwohl klassische wirtschaftliche Gründe dahinterstecken.

Dafür gibt es Indizien. Allen voran steht Cloudflares ungenaue Kommunikation. Die Firma nennt in einem Blogbeitrag eine Steigerung der internen KI-Nutzung um 600 Prozent in drei Monaten. Doch KI-Nutzung ist nicht gleichbedeutend mit KI-Substitution. Belastbare Nachweise dafür, dass KI tatsächlich die Arbeit von mehr als 1.100 Mitarbeitern übernommen hat oder übernehmen könnte, liefert Cloudflare nicht.

Die Finanzzahlen legen nahe, dass die Entlassungen in einem weniger sorgenfreien Umfeld stattfinden, als Prince suggeriert. Laut Cloudflares Q1-2026-Ergebnissen stieg der Umsatz zwar um 34 Prozent auf 639,8 Millionen Dollar. Doch Cloudflare machte im selben Quartal 62 Millionen Dollar operativen Verlust. Gleichzeitig sank die Bruttomarge, also der Anteil des Umsatzes nach Abzug der direkten Kosten, von 75,9 auf 71,2 Prozent.

Cloudflare wächst also zwar schnell, verdient unter dem Strich aber kein Geld und behält von jedem eingenommenen Dollar weniger als zuvor. Das ist ein starker Anreiz, Personalkosten zu senken.

Reuters berichtet, dass die Cloudflare-Aktie nach der Bekanntgabe der letzten Finanzdaten um mehr als 15 Prozent fiel. Die Prognose signalisierte langsameres Wachstum, und KI-Infrastrukturkosten belasteten die Margen. Die Analystenfirma Morningstar wird mit der Einschätzung zitiert, Cloudflare tausche Gehälter gegen höhere Infrastrukturkosten und Abschreibungen, um die Profitabilität zu schützen.

Auch Cloudflares eigener Jahresbericht 2025 (10-K) liefert ein alternatives Motiv: Die Zahl der Beschäftigten war von 3.682 Ende 2023 auf 5.156 Ende 2025 stark gewachsen. Cloudflare selbst beschrieb, dass dieses Wachstum Management, Verwaltung, Betrieb und finanzielle Infrastruktur belaste.

All das spricht dafür, dass die Entlassungen eher ein klassisches Effizienzprogramm unter KI-Framing sind. Das bedeutet allerdings nicht, dass Prince mögliche Effizienzgewinne durch KI nicht einberechnet hat. Auch seine Auswahllogik, wer bleibt und wer geht, kann authentisch sein.

Prince' mögliches "AI-Washing" reiht sich ein in eine Reihe ähnlicher Fälle. So entließ etwa Jack Dorseys Fintech Block fast die Hälfte seiner Belegschaft und begründete dies mit KI-Tools, die mit kleineren Teams eine neue Arbeitsweise ermöglichten. Dorsey räumte später allerdings ein, dass Block während der Covid-Pandemie zu viele Mitarbeiter eingestellt habe. Auch Indeed und Glassdoor strichen letzten Sommer rund 1300 Stellen mit dem Argument, KI mache Einstellungsprozesse effizienter und reduziere manuelle Arbeit.

KI-News ohne Hype – von Menschen kuratiert

Mit dem THE‑DECODER‑Abo liest du werbefrei und wirst Teil unserer Community: Diskutiere im Kommentarsystem, erhalte unseren wöchentlichen KI‑Newsletter, 6× im Jahr den "KI Radar"‑Frontier‑Newsletter mit den neuesten Entwicklungen aus der Spitze der KI‑Forschung, bis zu 25 % Rabatt auf KI Pro‑Events und Zugriff auf das komplette Archiv der letzten zehn Jahre.

Jetzt abonnieren

Read Entire Article