Als unser Videofon klingelte, lag ich rücklings im Unterschrank der Küchenspüle, eingekeilt zwischen Haushaltsreinigern und einem Karton mit Spültabs, und kämpfte mit einem tropfenden Wasseranschluss. Der Klempner, den ich am Morgen angerufen hatte, wäre erst in vier Wochen gekommen und bis dahin hätte sich unsere Küche in ein Feuchtbiotop verwandelt. Also hatte ich mich selbst an die Reparatur gemacht.
Das Videofon klingelte erneut – diesmal lauter und fordernder.
Uwe Hermann
(Bild:
Marion Hermann
)Uwe Hermann (kurzegeschichten.com) gehört zu den Urgesteinen der c't-Story-Autoren. Sein Debüt gab er in Ausgabe 13/1997 mit "Wohngemeinschaft". Auf dem C64 (Textadventure "Sindbad") und dem Amiga (Tüftelspiel "Brainstorm") war er als Spielentwickler aktiv. Inzwischen ist der 1961 in Sulingen geborene Niedersachse ein vielfach ausgezeichneter Science-Fiction-Schriftsteller: Bislang errang er viermal den Kurd-Laßwitz-Preis in unterschiedlichen Kategorien und 2018 den Deutschen Science-Fiction-Preis für "Das Internet der Dinge" als "beste Kurzgeschichte". 2022 erschien in zweiter Auflage in der Edition Übermorgen der Roman "Zeitschaden", den Uwe Hermann gemeinsam mit Uwe Post ("Die beiden wohl lustigsten Uwes der deutschen SF") verfasst hat. Als die "Filmemoker" 2001 ihren zweiten plattdeutschen Science-Fiction-Film "Apparatspott 2 – Gerangel in Ruum & Tied" produzierten, kümmerte Hermann sich um den Rechnerpark des Filmteams, steuerte Animationen und Effekte bei. Für den letzten Teil der "Apparatspott"-Trilogie ("Dat mokt wi gistern", 2008) lieferte er das Drehbuch. "Der Löwenkönig" ist die 15. c’t-Story des Altmeisters und hoffentlich noch lange nicht seine letzte.
Ich hörte die Schritte meiner Frau, wie sie kurz im Wohnzimmer verschwand. Die Lautstärke des Klingeltons verriet mir, dass sie mit dem Videofon zurück in die Küche kam.
"Das ist schon wieder dieser Albert Einstein", sagte sie.
Die Wasserpumpenzange rutschte ab und klemmte mir die Finger. Es gelang mir, einen Schmerzensschrei zu vermeiden.
"Dieses Mal gehst du aber ran!", drang dumpf ihre Stimme zu mir in den Schrank. "Ich habe ihn die letzten Male schon abgewimmelt."
Ich schaute kurz unter der Spüle hervor und nahm einen 22er-Schraubenschlüssel aus dem Werkzeugkasten, der vor ihr auf dem Boden stand. "Lass es doch einfach klingeln. Der gibt schon irgendwann auf."
Erneut tauchte ich in die Tiefen des Spülenunterschranks ein.
"Damit seine Anrufe nie aufhören? Nein!" Sie beugte sich zu mir herab und warf mir diesen bestimmten Blick zu, der keinen Widerspruch duldete. "Du sagst ihm jetzt sofort, dass es reicht! Wir wollen von ihm nicht mehr belästigt werden!"
Ihr Tonfall erlaubte keine Diskussion, also verließ ich die Spüle und nahm das Videofon entgegen.
"Das ist schon wieder dieser Albert Einstein", sagte sie.
Der kleine Bildschirm schaltete sich ein und ein älterer Mann mit wild zerzausten weißen Haaren und einem schmalen, länglichen Gesicht lächelte mich an.
"Guten Tag, entschuldigen Sie bitte die Störung. Mein Name ist Albert …"
Ich unterbrach ihn schroff. Der Wasserhahn tropfte noch immer und ich hatte keine Lust, dass er die ganze Küche unter Wasser setzte, während ich mich mit ungebetenen Anrufern herumärgerte. "Ich weiß: Sie sind Albert Einstein. Ich kenne Ihr Foto noch aus dem Online-Schulunterricht. Zumindest glauben Sie, dass Sie es sind. In Wirklichkeit sind Sie aber nur eine künstliche Intelligenz, programmiert mit dem Aussehen und dem Charakter des Physikers. Und Sie wollen mir irgendetwas verkaufen, was ich nicht brauche!"
Einstein hob seine dichten Augenbrauen, die Augen schauten traurig. "Aus Ihrem Mund klingt das so negativ."
"Also, worum geht es?"
Er lächelte milde, fast entschuldigend. "Nun, ich habe hier Ihre Unterlagen vor mir. Wenn ich fragen dürfte: Stimmt es, dass Sie in der kommenden Woche Ihren dreißigsten Geburtstag begehen?"
"Ja, und?"
Er räusperte sich verlegen. "Nun, sehen Sie …", begann er und rieb sich die Stirn. "Das Leben ist ein sehr zerbrechliches Gebilde. Eine Art … wie soll ich sagen … ein spontaner Zustand im Raum-Zeit-Kontinuum, der unweigerlich seinem Ende entgegenstrebt."


