Berliner Zeitung startet Angriff auf Funke und Madsack im Osten

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Kopf der Berliner Zeitung, die im Berliner Verlag herausgegeben wird.

(Bild: Claudio Divizia / Shutterstock.com)

Mit KI-Scanner, Bürgerreportern und Millionen-Investment will Holger Friedrich die Medienlandschaft im Osten aufmischen.

Es ist ein ambitioniertes Vorhaben, mit dem Holger Friedrich, Eigentümer der Berliner Zeitung, die Medienlandschaft in Ostdeutschland aufmischen will.

Unter dem Decknamen "Projekt Halle" plant der Unternehmer den Aufbau eines neuen Regionalzeitungsnetzes, das den etablierten Platzhirschen Funke und Madsack Paroli bieten soll. Das berichtete auch das Manager Magazin.

Friedrich, der die Berliner Zeitung 2019 übernommen hat, will zunächst in den fünf ostdeutschen Landeshauptstädten Dresden, Magdeburg, Erfurt, Potsdam und Schwerin an den Start gehen.

Doch damit nicht genug: Wie das Manager Magazin berichtet, hat sich Friedrich in den vergangenen Monaten auch die Rechte an einer publizistischen Marke für alle ehemaligen DDR-Bezirkshauptstädte gesichert, von Leipzigerzeitung.com bis Neubrandenburgerzeitung.com.

Digitale Regionalausgaben mit enger Anbindung an Berliner Zeitung

Geplant sind zunächst digitale Regionalausgaben, die eng an die Berliner Zeitung angebunden sein sollen. Diese liefert nicht nur überregionale Inhalte, sondern auch die Redaktionssoftware und einen KI-gestützten Themenscanner.

Entwickelt wurde dieser laut kress.de und Manager Magazin von Michael Maier, dem Herausgeber der Berliner Zeitung. Die Software durchforstet öffentliche Quellen wie Sitzungsprotokolle oder Social-Media-Posts und generiert daraus Themenvorschläge für die Lokalredaktionen. Diese sollen mit nur drei bis vier Reportern pro Bundesland auskommen.

Mittelfristig soll es laut Manager Magazin zumindest am Wochenende auch eine gedruckte Zeitung geben, möglicherweise mit Zustellung per Post.

Bürgerreporter und Videoinhalte von Euronews

Eine Besonderheit des Konzepts sind die sogenannten Bürgerreporter. Leser sollen die Möglichkeit erhalten, eigene Inhalte beizusteuern. Dies soll über offene Beteiligungsformate wie "Open Source" und "Open Table" erfolgen, wie sie teilweise schon bei der Berliner Zeitung etabliert sind.

Kritiker sehen darin allerdings die Gefahr, dass auch Lobbyisten oder politisch Motivierte Einfluss auf die Berichterstattung nehmen könnten. Videoinhalte sollen laut kress.de unter anderem vom Nachrichtensender Euronews kommen, der seit Kurzem von Ex-Axel-Springer-Manager Claus Strunz geleitet wird.

Gegenpol zum "Medienmainstream" und mehr Meinungsfreiheit

Friedrich sieht sein Projekt auch als Gegenpol zum etablierten "Medienmainstream". Er kritisiert, dass ostdeutsche Perspektiven in den großen westdeutschen Medien zu wenig sichtbar seien. Mit einem unabhängigen, diskursoffenen Journalismus möchte er dem etwas entgegensetzen und bürgerliches Engagement im Osten aufgreifen.

Das Manager Magazin schreibt, Friedrich wolle die engen Meinungskorridore in Deutschland weiten, auch wenn er damit publizistisch ein Risiko eingehe. Kaufmännisch greife er in ein fallendes Messer, so die Einschätzung des Magazins.

Millionen-Investition in schwierigem Marktumfeld

Finanziell ist das "Projekt Halle" ein Wagnis. Laut Bericht stehen zwei bis drei Millionen Euro als Startkapital zur Verfügung, weitere drei bis vier Millionen werden aus bestehenden Projekten des Berliner Verlags umgelegt.

Langfristig soll sich das Geschäftsmodell mit rund 5.000 Digital-Abos pro Bundesland zu je 14 Euro im Monat tragen. Doch der Regionalzeitungsmarkt gilt als schwierig, geprägt von fallenden Auflagen und hohen Druck- und Zustellkosten.

Entsprechend hart dürfte der Wettbewerb mit Funke und Madsack werden, die selbst massiv in digitale Regionalangebote investieren. Friedrich spricht offen von einem absehbaren "Clash". Das laufe natürlich auf einen Clash mit Madsack und Funke hinaus, wird Friedrich zitiert.

Neue Dachgesellschaft und Verkaufspläne

Um sein Projekt umzusetzen, gründet Friedrich eine neue Dachgesellschaft, die "Neue Deutsche Medienholding". Doch schon jetzt denkt der Unternehmer laut über einen möglichen Verkauf seines Verlags nach.

Das gesamte Paket aus Berliner Zeitung und den neuen Regionalausgaben könnte dann als "Ostdeutsche Allgemeine" für Investoren geöffnet werden, schreibt das Manager Magazin. Langfristig schwebt ihm sogar eine Demokratisierung der Eigentümerstruktur vor, etwa in Form einer "Volksaktie".

"Wir haben den Berliner Verlag als Ruine übernommen und wollen ihn nach Abschluss der Sanierung wieder abgeben", sagt Friedrich dem Manager Magazin. Einen Preis nennt er zwar nicht, schließt aber Funke-Verlegerin Julia Becker als Käuferin faktisch aus. Es sei zu vermuten, dass "sich Frau Becker das nicht leisten kann", heißt es in dem Bericht.

Es geht Friedrich letztlich nicht nur um ein Medienprojekt, sondern auch um ein gesellschaftspolitisches Statement. In einem allgemeineren Kontext zitiert die Berliner Zeitung dazu den Dresdner Schriftsteller Erich Kästner: "Auch aus Steinen, die dir in den Weg gelegt werden, kannst du etwas Schönes bauen."

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