Studium entwertet, Ausbildung mangelhaft: In Zeiten von KI stehen viele junge Menschen vor einer schwierigen Entscheidung für ihre Zukunft.
Im Mai sorgte eine Umfrage für Unruhe in Akademikerhaushalten. Ihr Studium wird durch den Vormarsch von KI-Tools wie ChatGPT entwertet, sagten 49 Prozent der in den USA befragten Uni-Absolventen.
Das ist das Ergebnis einer Umfrage Online-Jobbörse Indeed. Eine besondere Bedeutung haben dabei die hohen Studiengebühren in den USA. Mehr als die Hälfte der Befragten hat Schulden wegen der Ausbildung angehäuft – ein zusätzlicher Druck auf die Karrierechancen nach dem Studium.
KI verdrängt Berufseinsteiger: Arbeitsmarkt im Wandel
Die Einschätzung der Betroffenen ergänzt eine aktuelle Meldung. Denn Verschiebungen auf dem Arbeitsmarkt, zeigt eine Analyse der Federal Reserve Bank of New York: In den USA liegt die Arbeitslosenquote bei Informatik-Absolventen zwischen 22 und 27 Jahren aktuell bei 6,1 Prozent, in Computertechnik sogar bei 7,5 Prozent – deutlich höher als in anderen akademischen Fachrichtungen. Grund dafür ist, dass viele KI-gestützte Systeme klassische Einsteigeraufgaben übernehmen.
Urteilsrecherchen in der Anwaltskanzlei oder Marktanalysen in der Beratung sind solche Routineaufgaben.
"Früher haben Einsteiger viel Zeit damit verbracht, Daten zu sammeln, zu strukturieren, Recherchen durchzuführen oder erste Entwürfe zu schreiben", schreibt Benedikt von Kettler, Managing Partner der Unternehmensberatung Human. Dieses Erfassen, Sortieren und Aufbereiten von Informationen übernimmt nun KI.
Gerade für Jobeinsteiger ist die Lage herausfordernd, denn wenn KI die einfachen Aufgaben übernimmt, fehlen den Nachwuchskräften zunächst Gelegenheiten, sich durch diese Aufgaben ins Berufsleben hineinzulernen.
Benedikt von KettlerStudium im KI-Zeitalter: Weniger wert oder neue Chancen?
"Klassische Schul- und Uniabschlüsse werden künftig weniger wert", sagt Annika von Mutius, Gründerin des Berliner KI-Start-up-Unternehemns Empion. Von Mutius schätzt, dass das duale Studium in einer KI-geprägten Arbeitswelt an Bedeutung gewinnen wird, weil es Theorie und Praxis stärker verzahnt.
Aus einem anderen Grund wird es schwerer, nach dem Studium einen Job zu finden. Das zeigt die neue Herangehensweise beim Technikeinsatz von Spotify. Deren Vorstand soll intern klargemacht haben, "dass man keine neue Mitarbeiterin und keinen neuen Mitarbeiter einstellen wird für Aufgaben, die eine KI erledigen kann. In anderen Worten: Bevor bei Spotify ein neuer Job geschaffen oder nachbesetzt wird, fragt man sich, ob nicht auch ein Algorithmus diese Rolle ausfüllen könnte", berichtet von Kettler.
Shopify-Gründer Tobi Lütke fordert von seinen Führungskräften vor Anforderungen neuer Stellen eine besondere Prüfung. Dieser Paradigmenwechsel zeigt sich derzeit bei stark digitalisierten Vorreitern
Benedikt von KettlerDGB-Report: Mängel in der Berufsausbildung gefährden Fachkräfte
Für viele Eltern stellt sich die Frage, ob Studium oder Berufsausbildung die passende Empfehlung für den Nachwuchs ist.
Probleme von Auszubildenden zeigt der neue Ausbildungsreport der DGB-Jugend auf. Denn rund ein Drittel der Befragten muss regelmäßig Überstunden leisten. Mehr als jeder siebte berichtet, "immer" oder "häufig" Aufgaben erfüllen zu müssen, die "eindeutig nicht zur Ausbildung gehören".
Die dadurch fehlende Zeit für die Ausbildungsinhalte gefährde den erfolgreichen Ausbildungsabschluss, so der DGB. Häufig leisten diese Mehrarbeit Köche (50,6 Prozent), Automobilkaufleute (49,1 Prozent) und Bankkaufleute (45,8 Prozent).
"Für die Azubis heißt das ganz einfach, dass ihnen Zeit für die eigentlichen Ausbildungsinhalte fehlt. Dies gefährdet ihren erfolgreichen Ausbildungsabschluss", erklärt DGB-Bundesjugendsekretär Kristof Becker. Doch selbst wer den Einstieg in eine Ausbildung schafft, erreicht nicht immer einen Abschluss.
Die Ausbildungsabbrüche haben einen erneuten Rekordstand erreicht, drei von zehn Auszubildenden lösen ihren Ausbildungsvertrag vorzeitig auf.
DGB-AusbildungsreportFachkräftemangel: Zu wenige Ausbildungsplätze in Deutschland
Ferner gibt es zu wenige Ausbildungsplätze, bemängelt der DGB. Fast jeder fünfte junge Mensch ist ohne abgeschlossene Berufsausbildung, insgesamt 2,9 Millionen in der Altersgruppe der 20- bis 34-Jährigen.
Während die Wirtschaft zunehmend über fehlende Fachkräfte klagt, haben gleichzeitig knapp 3 Millionen junge Menschen in unserem Land keinen Berufsabschluss. Das passt nicht zusammen. Politik und Arbeitgeber müssen endlich massiv gegensteuern. Wir brauchen eine verbesserte Ausbildungsgarantie, die überall im Land greift.
Elke Hannack, stellvertretende DGB-VorsitzendeDie repräsentative Befragung wurde von September 2024 bis April 2025 durchgeführt. 9.090 Auszubildende aus den 25 laut Bundesinstitut für Berufsbildung am häufigsten gewählten Ausbildungsberufen nahmen teil.
Wer heute nicht in Ausbildungsplätze investiert, braucht sich morgen nicht über einen Fachkräftemangel zu wundern.
Kristof Becker


