Arzt zu KI & Co.: „Digitale Werkzeuge müssen in der Hand der Medizin bleiben“

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Künstliche Intelligenz soll Krankheiten vorhersagen, Gesundheits-Apps die Therapie begleiten und große Datenmengen die Forschung beschleunigen. Die Versprechen der digitalen Medizin sind groß, doch die Realität sieht anders aus. Ärzte sind überlastet, Weiterbildungen unter erschwerten Bedingungen möglich und die Industrie macht Druck. Das wurde auch auf einer Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) deutlich. Die Digitalisierung wirft auch grundlegende Fragen auf, etwa zur Qualität von Evidenz, dem Zugang zu Daten und der zukünftigen Rolle des Arztes.

Während die einen die digitale Revolution vorantreiben wollen, warnen die anderen vor einem Kollaps des menschlichen Faktors im System. Personalmangel, eine überfordernde Krankenhausreform und immer komplexere Krankheitsbilder bringen Kliniken und Praxen an ihre Grenzen – ein Umfeld, in dem digitale Tools eigentlich entlasten sollen.

An vorderster Front der Krise steht der ärztliche Nachwuchs. Dr. med. Lena Levien von der Arbeitsgruppe JUNGE DGIM beschreibt einen Alltag, der von Überlastung geprägt ist. Die geplante Krankenhausreform mit ihrer zunehmenden Ambulantisierung verschärfe den Druck, da die nötige Infrastruktur und das Personal fehlten. Das Ergebnis sei, dass Ärzte kaum noch Zeit haben, insbesondere bei der Weiterbildung. „Dieses Add-on, also diese Lehre, [ist] einfach ein Luxus, den sich nicht mehr jede Abteilung leisten kann“, warnte Levien. Die Folge sei Frustration bei Ausbildern und Assistenzärzten gleichermaßen. Manuelle Fähigkeiten wie eine Magenspiegelung könne man nicht aus Büchern lernen. Der Mangel an Zeit für Lehre und Forschung gefährde nicht nur die Zukunft der Ärzte, sondern auch die Versorgungsqualität.

Die DGIM-Vorsitzende, Prof. Dagmar Führer-Sakel, sieht hier die Klinikdirektoren in der Pflicht, „Freiräume zu schaffen“. Sie betonte, dass Forschung kein optionales Extra sei: „Wissenschaft ist keine Option, sondern die Voraussetzung dafür, dass wir auch morgen innovativ, wirksam und verantwortungsvoll handeln können.“ Wissenschaftliches Denken sei eine Grundvoraussetzung, um in einer von KI und Daten geprägten Medizin fundierte Entscheidungen zu treffen.

Wichtig sei dabei laut Linea Schmidt vom Hasso-Plattner-Institut (HPI) die Verknüpfung verschiedener Datenquellen. Ihr Projekt soll Abrechnungsdaten mit den klinischen Informationen aus den elektronischen Patientenakten verbinden. Erst diese Kombination ermögliche ein umfassendes Bild des Gesundheitsverlaufs. Schmidt betonte jedoch, dass dieser Prozess alles andere als trivial sei: „Dieses Verknüpfen von unterschiedlichen Datenquellen ist tatsächlich im Gesundheitssystem, nicht nur in Deutschland, sondern auch in den USA, oft noch eine größere Herausforderung, als man zunächst denkt.“

Ein großes Potenzial sieht sie in den unstrukturierten Daten der elektronischen Patientenakte (ePA), aus denen man beispielsweise mit Natural Language Processing Krankheitsverläufe präziser nachvollziehen und Risiken früher erkennen könne. Zusammen mit dem Gesundheitsverbund Mount Sinai Health System forscht sie an einem Projekt mit über 500.000 Hypertonie-Patienten in den USA. Ziel sei es, „herauszufinden, welche Patient:innengruppen besonders von Remote Monitoring profitieren und wie sich Gesundheitsverläufe verändern“.

Kritik übte das HPI an „Wellness-Apps“, die ohne Zulassung medizinische Behauptungen aufstellen. „Und da muss man auf jeden Fall aufpassen und schauen, dass da mit ein bisschen mehr Nachdruck [...] gegen vorgegangen wird. Was darf man eigentlich in seiner App-Beschreibung drinstehen haben, wenn man kein reguliertes Medizinprodukt ist, um nicht Patientinnen in die Irre zu führen.“

Wichtig für die Generierung von Evidenz seien Echtweltdaten. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) setzt bei der Zulassung von Digitalen Gesundheitsanwendeungen (DiGA) vor allem auf randomisierte kontrollierte Studien (RCTs). „Ich glaube, da können wir noch daran arbeiten, dass das nicht ausschließlich der Goldstandard sein muss, sondern dass es auch Situationen gibt, wo man über Real-World-Daten [...] aus dem Versorgungsalltag auch schon Rückschlüsse darüber ziehen kann, ob solche Applikationen funktionieren oder nicht“, forderte die Forscherin.

Die Forderung nach Daten unterstützt die Pharmaindustrie. Dr. Claus Michelsen vom Verband Forschender Arzneimittelhersteller (vfa) betonte, dass der Zugang zu Daten ein entscheidender Standortfaktor sei. Er warnte davor, diesen durch Bezahlmodelle zu erschweren: „Insofern würde man sich in Deutschland, glaube ich, keinen besonders großen Gefallen, wenn man anfängt, Kostenmodelle für solche Datenzugänge zu entwickeln.“

Beim BfArM sind bereits erste Anträge für den Zugang zu Forschungsdaten, sowohl von der Industrie als auch von der Forschung, eingegangen. Doch bisher gibt es noch Schwierigkeiten mit einer datenschutzfreundlichen Aufbereitung der Daten.

Entscheidend für einen positiven Bescheid durch das BfArM und die Freigabe von Daten des Forschungsdatenzentrums Gesundheit ist allein der Forschungszweck, nicht, wer den Zugang beantragt. Die Ethikerin Jessica Hessen gab im Interview mit heise online jedoch zu bedenken, dass sich „kaum noch trennen [lässt], was eigentlich Gesundheitsdaten [...] für das Allgemeinwohl oder was nur kommerziellen Interessen entspricht“. Versicherte können nicht entscheiden, ob sie dazu beitragen wollen, dass Google, OpenAI & Co. ihre Produkte verbessern.

Für die Industrie ist Deutschland im globalen Wettbewerb mit den USA und China ins Hintertreffen geraten. Es fehle an Risikokapital und vor allem an Geschwindigkeit. „Ich würde mir Geschwindigkeit wünschen in der Translation, also Mut zu haben, Dinge schnell [umzusetzen]. Ich glaube, das ist das, wovon man am meisten aus anderen Wirtschaftsräumen lernen kann“, so Michelsen.

Bei aller Euphorie für Daten und KI wies Prof. Georg Ertl, Generalsekretär der DGIM, auf den gewaltigen, aber unstrukturierten Datenschatz hin, der auch durch die ePA entsteht. „Wir haben ja unendlich viele Daten“, so Ertl. Er stellte sich damit jedoch klar gegen die Forderung der Industrie nach kostenlosem Zugang: „Letztlich ist es ganz klar, dass der Zugang zu diesen Medizindaten nicht kostenlos sein wird und auch nicht kostenlos sein kann.“ Das Sammeln, Strukturieren und Archivieren sei aufwendig.

Vor allem aber warnte Ertl eindringlich vor einem Kontrollverlust . „Dass all diese Werkzeuge in der Hand der Medizin bleiben müssen, da bin ich ein energischer Verfechter, wenn das in die Hand von Informatikern oder noch dazu der Industrie vielleicht geht. Dann sehe ich da Gefahren, nicht nur in der Qualität, sondern auch in der Ethik dieser Anwendungen.“

Am Ende, so der Konsens der Mediziner, dürfe die Technologie nicht das Fundament der Versorgung untergraben. Das letzte Wort müsse der Arzt haben und das Vertrauen der Patienten dürfe nicht aufs Spiel gesetzt werden. Ertl schloss mit einem Appell, der die Grenzen der Digitalisierung aufzeigt: „Ja, ich glaube, entscheidend wird sein, dass unsere Bevölkerung, unsere Gesellschaft ihr Vertrauen in die Medizin behält. Und das beruht auf der Arzt-Patienten-Beziehung und die muss gepflegt und eigentlich immer noch weiter verbessert werden. [...] Die gemeinsam von Arzt und Patienten getroffene ethisch und medizinisch nachvollziehbare Entscheidung, die wird unser Gesundheitssystem, hoffe ich, in Zukunft auch noch prägen.“

(mack)

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