Tech-Unternehmen wie Anthropic und OpenAI suchen zunehmend den Rat religiöser Führer, um ethische Leitlinien für KI zu entwickeln.
Vergangene Woche trafen sich Vertreter beider Firmen in New York mit Führungspersönlichkeiten verschiedener Glaubensrichtungen zum ersten "Faith-AI Covenant"-Rundtisch. Das berichtet die Associated Press. Organisiert wurde das Treffen von der Genfer Interfaith Alliance for Safer Communities. Weitere Rundtische sind in Peking, Nairobi und Abu Dhabi geplant.
Dieses Treffen findet in einem historisch wichtigen Moment statt. Glaubenstraditionen haben der Menschheit lange dabei geholfen, die Welt zu verstehen, moralische Grenzen zu definieren und die Werte zu prägen, nach denen Gesellschaften leben. Künstliche Intelligenz beginnt nun, genau diesen Bereich zu beeinflussen, indem sie verändert, wie Menschen Wissen erhalten, Urteile bilden und Orientierung suchen. Deshalb ist es wichtig, dass religiöse Perspektiven in einen konstruktiven Dialog eingebunden werden, um zentrale Prinzipien in diese Systeme einzubringen. Der "Faith–AI Covenant" bietet eine seltene Gelegenheit, diese beiden Kräfte direkt miteinander ins Gespräch zu bringen: auf der einen Seite jahrhundertealte moralische und spirituelle Autorität, auf der anderen Seite eine Technologie, die sich schnell zu einem prägenden Faktor menschlicher Gesellschaft entwickelt.
The Interfaith Alliance for Safer Communities (IAFSC)Baroness Joanna Shields ist Partnerin der "Interfaith Alliance for Safer Communities" und war früher bei Google und Facebook tätig. Sie sagte, Regulierung könne mit der Entwicklung nicht Schritt halten. Ziel sei ein gemeinsamer Satz ethischer Normen.
Die Initiative wurde laut Eigendarstellung 2018 mit Sitz in Genf gegründet, um religiöse Führer bei Themen wie Extremismus, Radikalisierung, Menschenhandel und Kinderschutz einzubinden. Shields ist auch CEO von Precognition. Das Unternehmen berät nach eigenen Angaben Regierungen, Unternehmen und Institutionen zu KI, Machtverschiebungen und strategischer Vorausschau.
Anthropic tritt im Religionskontext bisher am aktivsten auf und hat bereits religiöse Führer an seiner "Claude Constitution" beteiligt. Aber auch OpenAI-CEO Sam Altman nutzte in der Vergangenheit spirituelle Metaphern für die Technologien seiner Firma. Er sagte etwa, OpenAI versuche, "magische Intelligenz im Himmel" zu entwickeln. Außerdem fühle er sich "auf der Seite der Engel".
Heiligenschein fürs Silicon Valley
Das Treffen wird innerhalb der Branche auch kritisch bewertet. Dylan Baker vom Distributed AI Research Institute warnt, die Debatte über "ethische KI" verdränge die grundsätzliche Frage, ob bestimmte KI-Systeme überhaupt gebaut werden sollten.
Auch KI-Forscherin Rumman Chowdhury von Humane Intelligence nennt die Gespräche "bestenfalls eine Ablenkung". Ihrer Ansicht nach lenkt die Debatte über religiöse Ethik von konkreten Fragen zu Regulierung, Macht und Kontrolle von KI‑Systemen ab. Humane Intelligence ist eine Nonprofit-Organisation, die KI-Systeme auf Sicherheit, Fairness und mögliche Schäden testet.
Brian Boyd vom Future of Life Institute sieht in der Initiative Image-Arbeit. Silicon Valley habe lange nach dem Motto "Move fast and break things" gehandelt und dabei "zu viele Dinge und Menschen beschädigt". Die neue Nähe zu Religion könne deshalb auch als Versuch gesehen werden, Vertrauen zurückzugewinnen.
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