In einem Policy-Papier entwirft Anthropic zwei Szenarien für 2028: Entweder sichern die USA ihren Compute-Vorsprung gegenüber China, oder autoritäre Regime prägen die Regeln der KI-Ära. Das Timing ist kein Zufall.
Anthropic hat ein umfangreiches Policy-Papier veröffentlicht, das die KI-Konkurrenz zwischen den USA und China als geopolitische Schicksalsfrage rahmt. Die zentrale These: Demokratien müssen ihren Vorsprung bei Rechenleistung verteidigen, sonst drohe ein von autoritären Regimen geprägtes KI-Zeitalter.
Compute, also der Zugang zu fortschrittlichen KI-Chips, sei der entscheidende Engpass, so Anthropic. Dank US-Exportkontrollen und der Innovationskraft von Unternehmen wie Nvidia, TSMC und ASML führen demokratische Staaten bei der Hardware deutlich. Laut einer im Papier zitierten Analyse werde Huawei 2026 nur vier Prozent von Nvidias aggregierter Rechenleistung erreichen, 2027 sogar nur zwei Prozent.
Dennoch blieben chinesische KI-Labs nah an der Spitze. Anthropic nennt zwei Gründe: den Schmuggel von Chips und den Zugriff auf US-Rechenleistung über ausländische Rechenzentren einerseits, systematische Distillationsangriffe andererseits. Bei Letzteren würden chinesische Labs über Tausende gefälschte Accounts die Ausgaben amerikanischer Frontier-Modelle abgreifen, um deren Fähigkeiten zu kopieren. Anthropic hatte bereits im Februar Deepseek, Moonshot und Minimax beschuldigt, über rund 24.000 betrügerische Accounts mehr als 16 Millionen Claude-Interaktionen erzeugt zu haben. OpenAI, Google und das gemeinsame Frontier Model Forum verurteilen die Praxis ebenfalls.
Zwei Szenarien für 2028
Anthropic skizziert zwei Zukunftsbilder. Im ersten Szenario schließen US-Politiker die Schlupflöcher bei Chip-Exporten und Cloud-Zugang, bekämpfen Distillation gesetzlich und fördern den globalen Export amerikanischer KI-Infrastruktur. Die Folge: ein Vorsprung von 12 bis 24 Monaten bei der Modellintelligenz, US-KI als Rückgrat der Weltwirtschaft und demokratisch geprägte KI-Normen.
Im zweiten Szenario bleiben die Schlupflöcher offen. Chinesische Labs erreichen nahezu Parität, die Peking skaliert KI-gestützte Überwachung und Repression, und Huawei-Rechenzentren gewinnen weltweit Marktanteile mit billigeren, aber ausreichend leistungsfähigen Modellen. Anthropic warnt, ein solches Kopf-an-Kopf-Rennen würde auch Sicherheitsstandards untergraben: Nur 3 von 13 chinesischen Top-Labs hätten bisher Sicherheitsevaluierungen veröffentlicht, und DeepSeeks R1-0528 habe laut dem Center for AI Standards and Innovation 94 Prozent bösartiger Anfragen unter gängigen Jailbreaking-Techniken erfüllt.
Das Papier erschien am 14. Mai 2026, mitten in Trumps China-Besuch und während im US-Kongress KI-Exportkontrollen, Chip-Lizenzen und Cloud-Zugriffsbeschränkungen diskutiert werden.
Anthropic positioniert sich damit klar auf der sicherheitspolitisch restriktiven Seite und soll Politikern eine einfache These liefern: Wenn die USA die Schlupflöcher jetzt schließen, können sie bis 2028 einen dauerhaften AI-Vorsprung sichern. Wenn nicht, hilft amerikanische Technologie dem chinesischen KI-Ökosystem beim Aufholen.
KI-News ohne Hype – von Menschen kuratiert
Mit dem THE‑DECODER‑Abo liest du werbefrei und wirst Teil unserer Community: Diskutiere im Kommentarsystem, erhalte unseren wöchentlichen KI‑Newsletter, 6× im Jahr den "KI Radar"‑Frontier‑Newsletter mit den neuesten Entwicklungen aus der Spitze der KI‑Forschung, bis zu 25 % Rabatt auf KI Pro‑Events und Zugriff auf das komplette Archiv der letzten zehn Jahre.



