Stand: 15.07.2026, 14:35 Uhr

Algerien gewinnt an strategischer Bedeutung. Aber im Land werden Freiheits- und Menschenrechte in vielen Fällen verletzt, Deutschland soll sich für einen inhaftierten Journalisten einsetzen.
Pünktlich zum Besuch von Algeriens Präsident Abdelmadjid Tebboune in Berlin steigen die Preise für Öl auf den internationalen Märkten nach US-Angriffen auf Iran und iranischen Gegenschlägen am Golf wieder. Tebboune kommt am Donnerstag auf Einladung von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nach Berlin.
Geopolitisch hat Algerien deutlich an Gewicht gewonnen. Es spielt als größter Gasproduzent Afrikas eine zentrale Rolle für Europa. Der Iran-Krieg und die Unterbrechung von Flüssiggas-Lieferungen aus Katar haben seine Position weiter gestärkt. „Algerien ist strategisch zentral für Europa, vor allem für Deutschland, um in den nächsten drei bis fünf Jahren seine Industrie wieder neu auf die Beine zu stellen“, sagt Michael Ayari, Experte für Algerien und Tunesien bei International Crisis Group. „Es könnte seine Gaslieferungen hochfahren und damit den Ausfall russischen Gases kompensieren.“
Eine Transsahara-Gaspipeline ist im Bau, die ab 2029 Gas aus Nigeria durch die Wüsten Nigers und Algeriens bis zur Mittelmeerküste bringen soll. Dort stehen die bereits bestehenden Pipelines Transmed und Medgaz nach Italien und Spanien bereit. Auch als Flüssiggas kann das Gas in weitere europäische Länder gelangen. Die 4.000 Kilometer lange Gaspipeline war schon länger geplant. Nach etlichen Verzögerungen hat Algeriens staatlicher Energiekonzern Sonatrach im Juni den Beginn der Arbeiten an der Pipeline verkündet. Rund 30 Milliarden Kubikmeter Gas könnten dann zusätzlich pro Jahr nach Europa gelangen.
Es geht aber nicht nur um Deutschlands Abhängigkeit von Gas. Tebbounes Besuch verstärkt Hoffnungen, Berlin könne im Fall des in Algerien inhaftierten französischen Journalisten Christophe Gleizes intervenieren.
Angeblich sicher
Die Bundesregierung betrachtet Algerien trotz der schlechten Menschenrechtslage als Schlüsselland für seine restriktive Migrationspolitik. Berlin will das Land als „sicheren Herkunftsstaat“ einstufen. Folge: stark beschleunigte Asylverfahren und schlechtere Chancen auf Schutz.
Frühere Regierungen sind mehrfach im Bundesrat gescheitert beim Versuch, die Einstufung einzuführen. Schwarz-Rot hat nun durchgesetzt, dass „sichere Herkunftsstaaten“ durch Rechtsverordnung ohne Parlamentsbeteiligung festgelegt werden. Das dürfte den Weg auch für Algerien auf die Liste frei machen. rü
Gleizes hatte über einen Fußballklub in der benachteiligten Region Kabylei recherchiert und wurde im Juni 2025 wegen „Verherrlichung des Terrorismus“ zu sieben Jahren Haft verurteilt. Man warf ihm Kontakte zur kabylischen Unabhängigkeitsbewegung MAK vor. Mit einem Gnadenerlass des Präsidenten könnte er freikommen, so wie es Ende 2025 dem 81-jährigen algerisch-französischen Autor Boualem Sansal möglich war.
Steinmeier hatte beim Regime die Freilassung des 81-Jährigen aus Gesundheitsgründen erreicht. Sansal saß ein Jahr in algerischer Haft, nachdem er in einem Interview behauptet hatte, ein Teil Algeriens gehöre eigentlich zu Marokko.
Medien unter Druck
„Es ist unverständlich, warum das algerische Regime so paranoid reagiert“, sagt der Analyst Akram Kharief der Online-Zeitung „Menadefense“. Algerien habe dank gestiegener Preise für Öl und Gas von den Kriegen in der Ukraine und im Iran profitiert. Die Lebensmittelpreise sind subventioniert und daher stabil, anders als in den Nachbarländern Marokko oder Tunesien. Der Sicherheitsapparat hat alles unter Kontrolle. „Dennoch sperrt das Regime Menschen wegen geringfügiger Kritik ein und verhindert jeden Raum für oppositionelle Meinungen, sei es in den Medien oder auf der Straße.“
Bürgerrechte und Meinungsfreiheit sind nach Angaben von Amnesty International deutlich eingeschränkt. Mit den Öl- und Gaserlösen können Oligarchen, Militärs und reiche Geschäftsleute das politische System aufrechterhalten. 2019 geriet das kurzzeitig ins Wanken. Es gab wochenlange Proteste gegen die erneute Wiederwahl des damaligen Präsidenten Abdelaziz Bouteflika, der seit einem Schlaganfall im Jahr 2013 im Rollstuhl saß, während sein Umfeld das Land regierte. Die Hirak-Bewegung konnte damals erreichen, dass Bouteflika auf eine erneute Kandidatur verzichten musste.
Repressive Politik
An seiner Stelle trat der jetzige Amtsinhaber Tebboune an und versprach Reformen sowie mehr politische Teilhabe. Passiert ist aber wenig. „Niemand in Algerien hat ernsthaft an die versprochenen Reformen geglaubt“, sagt Michael Ayari.
Dass es dem Regime vor allem um Kontrolle und Erhalt des Status quo geht, haben die Parlamentswahlen am 2. Juli gezeigt. Rund 800 Kandidaten wurde die Kandidatur verweigert. Prominente Figuren wurden entweder vom Regime kooptiert oder durch Repression zum Schweigen gebracht.
„Bei den Wahlen in Algerien stand nicht viel auf dem Spiel. Es war von Anfang an nicht zu erwarten, dass sie die Machtbalance innerhalb des Systems verändern würden“, sagt Michael Ayari. Wirklich interessant wird es erst bei den Präsidentschaftswahlen 2029. Denn dann darf Tebboune laut Verfassung nicht mehr antreten.



