Stand: 28.05.2026, 13:42 Uhr
Von: Christian Stör
In Tatarstan treibt Russland die Drohnenproduktion voran. Satellitenbilder und Leaks zeigen, wie dafür rekrutiert und kontrolliert wird.
Moskau – Mitten in Tatarstan befindet sich eine der wichtigsten Stützen von Wladimir Putins Kriegsmaschinerie: Rund zehn Kilometer außerhalb der Stadt Jelabuga liegt Alabuga, die größte Sonderwirtschaftszone Russlands. Was nach außen als modernes Bildungs- und Industrieprojekt vermarktet wird, ist in Wirklichkeit Moskaus größte Produktionsstätte für Kampfdrohnen.

Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine hat Alabuga einen dramatischen Ausbau erfahren. Nach Angaben des ukrainischen Militärgeheimdienstes (GUR) plant Russland für 2026 die Produktion von 60.000 Langstreckendrohnen und 50.000 Köderdrohnen. Das würde die Kapazitäten früherer Jahre um ein Vielfaches übersteigen. Laut der Ukrainska Pravda hat sich die Zahl der Shahed-Drohnenangriffe seit 2024 bereits mehr als verzehnfacht.
Russland baut Drohnenfabrik Alabuga aus
Die produzierten Drohnen – in Russland als „Geran“ bezeichnet, in der Ukraine als „Shaheds“ bekannt – basieren auf iranischer Technologie (Shahed-136) und werden mit chinesischen Telefly-Motoren ausgestattet. Pro Drohne entstehen Kosten von rund 48.000 US-Dollar, wie das US-amerikanische Magazin 19FortyFive berichtet.
Aktuelle Satellitenbilder, die von Dnipro OSINT und der Ukrainska Pravda ausgewertet wurden, zeigen ein massives Bauprogramm: 244 neue Wohngebäude, neue Produktionshallen im Norden und Süden des Geländes sowie ein Bürokomplex für rund 5000 Beschäftigte befinden sich im Bau oder wurden bereits fertiggestellt. Allein im Jahr 2025 schuf Alabuga 25.000 neue Arbeitsplätze.
Um den Personalbedarf zu decken, betreibt Alabuga eine Rekrutierungsmaschinerie von globalem Ausmaß. Im Zentrum steht die Alabuga Polytech – eine Bildungseinrichtung, die junge Menschen mit Versprechen hoher Gehälter und guter Karrierechancen anlockt.
Alabuga betreibt eine Rekrutierungsmaschinerie von globalem Ausmaß
Eine Analyse von AlabugaGate dokumentierte 745 gesponserte Werbeplatzierungen auf 550 russischen YouTube-Kanälen mit insgesamt 338 Millionen Aufrufen. Hinzu kommen rund 5000 Videos auf TikTok und 3000 Telegram-Posts mit geschätzten 150 Millionen Aufrufen. Werbung für Alabuga erschien sogar auf dem Times Square in New York, wie das russische Investigativmedium Vazhnye Istorii berichtete.
Gezielt angesprochen werden auch Frauen zwischen 18 und 22 Jahren aus Afrika, Asien und Lateinamerika, denen angeblich Arbeit im Dienstleistungs- oder Gastgewerbe versprochen wird – ohne Erwähnung der tatsächlichen Tätigkeit in der Drohnenproduktion. Interne, 2024 durch die Hackergruppe PRANA Network geleakte Dokumente zeigen, dass russische Verantwortliche diese Frauen in abwertender Sprache als „Mulattinnen“ bezeichneten.
Männer aus afrikanischen Ländern wurden laut einem Bericht des russischen Portals Protokol bewusst nicht rekrutiert; intern galten sie als „zu aggressiv und gefährlich“. Zusätzlich plante Russland laut Aussagen des ukrainischen Militärgeheimdienstes, bis Ende 2025 rund 12.000 nordkoreanische Arbeiter nach Alabuga zu bringen.
Arbeit statt Studium: Ausbeutung in Alabuga unter Vertragsklauseln
Wer in Alabuga zu studieren beginnt, wird schnell Teil der Produktionskette. Von Beginn des ersten Studienjahres an teilt sich der Alltag der Studierenden zwischen Unterricht am Morgen und Schichtarbeit am Nachmittag auf der Produktionslinie auf. Die Folge sind chronische Überarbeitung und Erschöpfung.
Das Verlassen der Einrichtung ist vertraglich erschwert: Alabuga verlangt bei einem Abbruch die Rückzahlung von Studiengebühren, Unterkunft und Ausrüstung. Ein ehemaliger Medizinstudent, der von der Anlage verwiesen wurde, berichtete gegenüber dem russischsprachigen Dienst von Radio Liberty: „Ich bezahle noch immer meine Strafe; mir wurden fast 100.000 Rubel [rund 1400 US-Dollar] berechnet.“
Totale Überwachung in Alabuga: Stalins DNS und Paintball als Kriegsvorbereitung
Das Leben auf dem Gelände steht unter lückenloser Kontrolle. Studierende unterzeichnen Dokumente, in denen sie der Kontrolle ihrer persönlichen Geräte zustimmen – also der Einsicht in Chats, Fotos und Social-Media-Aktivitäten. Als Begründung wird die Verhinderung der Verbreitung von Inhalten genannt, die der „spirituellen und moralischen Entwicklung“ der Studierenden schaden könnten.
Neben der Überwachung betreibt Alabuga eine intensive ideologische Indoktrination seiner Belegschaft. An den Wänden hängen Poster mit dem Slogan: „Kurtschatow, Koroljow und Stalin leben in deiner DNS“. Den Nuklearwissenschaftler Igor Kuratschow und den Raketeningenieur Sergei Koroljow sind in Russland wohlbekannt, Diktator Josef Stalin ohnehin. Militärhistoriker halten Vorlesungen vor bis zu 4000 Studierenden über sowjetische Schlachten.
Besonders aufschlussreich sind die regelmäßigen Paintball-Turniere, bei denen Studierende die „Befreiung“ von Donezk, Luhansk und Mariupol nachspielen. 100 Studierende stürmen einen Hügel, der von zehn professionellen Spielern (die „die Nazis“ darstellen) verteidigt wird. Ziel ist das Hissen einer Sowjetflagge. Sergei Alekseyew, stellvertretender Leiter von Alabuga, begründete das Konzept gegenüber Vazhnye Istorii so: „Das Ziel des Paintballs ist es, die Schwächlinge und Weichlinge in der Anfangsphase herauszufiltern. Sie müssen sich selbst herausfiltern. Die Studierenden müssen leiden; es muss ihnen wehtun.“
Hochgesicherte Festung Alabuga: Luftabwehr rund um die Uhr
Angesichts seiner Bedeutung ist Alabuga auch militärisch stark gesichert. Dnipro OSINT hat mindestens 23 Luftabwehrstellungen rund um das Gelände verifiziert, ausgestattet mit Pantsir-S1- und Tor-Systemen. Ukrainska Pravda berichtete bereits im Januar 2025, dass Russland dafür mindestens elf Pantsir-S1-Einheiten von der Front abgezogen hatte – was dort Lücken im Luftabwehrschirm hinterließ, wie Forbes ergänzte.
Alabuga verfügt zudem über einen eigenen Sicherheitsdienst (SSP), für den im Sommer 2025 Hunderte Studierende als Anti-Drohnen-Operateure ausgebildet wurden. Nach ersten ukrainischen Drohnenangriffen im April 2024 wurden außerdem Metallrahmen-Schutzdächer über den Produktionshallen installiert. Bisher wurden laut Ukrainska Pravda nur drei ukrainische UAV-Angriffe auf Alabuga registriert, allerdings erreichten zwei davon ihr Ziel nicht. Allein die Drohnenwarnungen führen aber bereits zu regelmäßigen Evakuierungen auf dem Gelände, die unter Studierenden längst zum Stoff für Memes geworden sind.
Internationale Reaktion auf Alabuga: Sanktionen greifen nur langsam
Mittlerweile hat auch die internationale Gemeinschaft auf Alabuga reagiert. Als Teil des 19. EU-Sanktionspakets ist es europäischen Unternehmen seit dem 25. März verboten, Beteiligungen an Firmen innerhalb der Sonderwirtschaftszone zu halten. Laut einer Untersuchung des Kyiv Independent verpassten jedoch einige westliche Unternehmen diese Frist. Im Mai 2026 verhängte Großbritannien Sanktionen gegen 35 juristische Personen und Einzelpersonen, die in die globale Rekrutierung für Alabuga eingebunden sind.
Unterdessen wurde im März 2026 ein iranischer General wegen des Verdachts der Lieferung von Shahed-Triebwerken und der aktiven Unterstützung beim Aufbau der Drohnenproduktion in Alabuga mit einem Ermittlungsverfahren belastet, wie Ukrainska Pravda berichtete. Trotz der immensen Produktion gibt es Hinweise auf Schwächen: Laut 19FortyFive und Defence Blog stürzen russische Geranium-Drohnen zunehmend ab, bevor sie ukrainisches Territorium erreichen. Das könnte auf Qualitätsprobleme in der Massenproduktion hindeuten. (Quellen: Ukrainska Pravda, Kyiv Independent, 19FortyFive, Forbes, Defence Blog) (cs)



