Zukunft unserer Stromversorgung: Fünf Entwicklungen, die jetzt entscheidend sind

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04. Dezember 2025 Bernd Müller

Blick in das Innere eines Rechenzentrums

Rechenzentren gefährden zunehmend die Sicherheit der Stromversorgung.

(Bild: Oselote / Shutterstock.com)

Was treibt den Strombedarf bis 2035 um 40 Prozent nach oben? Fünf Faktoren entscheiden über die Zukunft unserer Energieversorgung.

In diesem Jahr ist die Stromversorgung eines der Themen gewesen, die besonders intensiv diskutiert wurden. Wie teuer wird der Strom, welche Rolle spielen Atomstrom, erneuerbare Energien und Erdgas im Strommix und kann der erzeugte Strom überhaupt von der Quelle zum Verbraucher transportiert werden?

Die Internationale Energieagentur IEA hat im November ihren World Energy Outlook 2025 vorgelegt, und dieser Bericht zeichnet ein klares Bild von den Trends der kommenden zehn Jahre. So wird die globale Stromnachfrage wohl um rund 40 Prozent steigen.

Für Städte und urbane Ballungsräume in den Industriestaaten bedeutet das mehr als nur höhere Rechnungen. Die Art und Weise, wie Strom erzeugt, verteilt und verbraucht wird, steht vor einem grundlegenden Wandel.

Elektrizität wird zum Rückgrat der Wirtschaft

Am gesamten globalen Energieverbrauch macht Strom etwa 21 Prozent aus. In den kommenden Jahren dürfte der Bedarf aber deutlich steigen: Mit den Wärmepumpen spielt Strom beim Heizen eine größere Rolle und mit den Elektroautos wird auch der Anteil der Stromer im Verkehr größer.

In der Industrie ist Strom ebenfalls ein Treiber der Entwicklung. Betriebe stellen vom Verbrauch von fossilen Energieträgern wie Erdöl und -gas auf Elektroenergie um. Auch für die Produktion von grünem Wasserstoff werden erhebliche Mengen Strom benötigt.

Die wachsende Bedeutung der Elektroenergie zeigt sich darin, dass rund die Hälfte aller globalen Energieinvestitionen laut IEA bereits in Stromsysteme und deren Endanwendungen fließt. Bis 2035 wird die Spitzenlast – also der Moment höchster Nachfrage – der Prognose zufolge um etwa 40 Prozent zunehmen.

Angetrieben werden die Trends durch die Schwellenländer, wo der Lebensstandard und damit auch der Verbrauch steigt. Aber auch in den Industrieländern, wo der Stromverbrauch lange stagnierte, zieht die Nachfrage wieder an. Verantwortlich dafür sind hauptsächlich neue Rechenzentren für künstliche Intelligenz und die wachsende Verbreitung von Elektrofahrzeugen.

Klimaanlagen treiben die Spitzenlast nach oben

Ein unterschätzter Faktor sind die Klimaanlagen, die durch Klimawandel und Hitzewellen vielerorts notwendig werden. Und wo der Bedarf besteht, verschaffen höhere Einkommen den Menschen Zugang zu Klimaanlagen. So etwa in den Schwellenländern.

Schon im Jahr 2024 ließ die Nutzung von Klimaanlagen den Strombedarf um vier Prozent wachsen. Bis 2035 könnten laut IEA noch einmal weitere 500 Gigawatt zur Spitzenlast hinzukommen. Den größten Anteil an dem Wachstum hat dabei der verbesserte Zugang zur Kühltechnik.

Wie hoch der Anstieg tatsächlich wird, hängt dabei von der verfügbaren Technik ab. Zwar gibt es heute schon sparsame Geräte am Markt – oft ohne oder nur mit geringem Mehrpreis gegenüber weniger effizienten Geräten. Aber noch dominieren sie ihn nicht. Für Netzbetreiber und Stadtwerke wird es deshalb entscheidend sein, ob diese Geräte zum Standard werden.

Rechenzentren und KI – lokal spürbar, global überschaubar

Künstliche Intelligenz hat sich inzwischen zu einem relevanten wirtschaftlichen Faktor entwickelt, und gerade große Tech-Konzerne wie Meta, Google, Amazon oder Microsoft investieren Milliarden in den Ausbau von Rechenzentren für die KI-Anwendungen. Allein in diesem Jahr sollen diese Tech-Konzerne Investitionen von 400 Milliarden US-Dollar geplant haben. Alle globalen Investitionen in diesem Bereich sollen sich sogar auf 580 Milliarden US-Dollar belaufen.

Das Wachstum des globalen Strombedarfs wird durch die Rechenzentren nur moderat angetrieben. Die IEA schätzt, dass es weniger als zehn Prozent sein wird.

Das klingt wenig – aber es täuscht über die lokale Dimension hinweg. Denn mehr als 85 Prozent der neuen Kapazitäten entstehen in den USA, in China und in der Europäischen Union. Die Rechenzentren werden dann oft in Clustern in der Nähe von Großstädten errichtet. Und für die USA ist bekannt, dass die Rechenzentren die Strompreise für Haushalte in die Höhe treiben.

Damit aber nicht genug: Die IEA betont, dass der Bedarf an Strom für Rechenzentren in den USA ein deutlich größerer Faktor ist als im globalen Durchschnitt. Die Folgen der starken Konzentration sind überlastete Netze, verzögerte Anschlüsse und steigende Preise in den betroffenen Ballungsräumen.

Kernenergie erlebt eine Renaissance

Nach zwei Jahrzehnten Stagnation kehrt die Kernkraft zurück. Mehr als 70 Gigawatt sind weltweit im Bau, über 40 Länder planen neue Projekte. Die globale Kapazität dürfte laut IEA bis 2035 um mindestens ein Drittel wachsen.

Neue Reaktordesigns wie kleine modulare Reaktoren gewinnen an Fahrt. Es gibt bereits Vereinbarungen für rund 30 Gigawatt solcher Anlagen, vorwiegend zur Versorgung von Rechenzentren.

Große Tech-Unternehmen bereiten sich darauf vor, ihre Infrastruktur mit Atomstrom zu betreiben. Innovation, Kostenkontrolle und neue Geschäftsmodelle sind dabei entscheidend, um die bisherige Marktkonzentration aufzubrechen.

Erneuerbare boomen – Netze kommen nicht nach

Erneuerbare Energien wachsen in allen IEA-Szenarien am schnellsten, angeführt von Solaranlagen. China bleibt dabei größter Markt und Hersteller. Die Märkte für Solarmodule und Batteriezellen werden demnach auch in Zukunft von Überkapazitäten geprägt sein.

Doch die Netze halten nicht Schritt. Investitionen in die Stromerzeugung erreichen rund eine Billion US-Dollar pro Jahr, während nur etwa 400 Milliarden in Netze fließen. Die Folgen sind Engpässe, verzögerte Anschlüsse, steigende Abregelung von Wind- und Solarstrom sowie häufigere negative Börsenpreise.

Batteriespeicher helfen: 2024 wurden weltweit mehr als 75 Gigawatt zugebaut. Doch Batterien können nicht alle Flexibilitätsbedarfe decken, insbesondere nicht die saisonalen. Schnellere Genehmigungen und mehr Investitionen in Transformatoren und andere Netzkomponenten sind deshalb dringend nötig, um die Energiewende nicht auszubremsen.

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