Wird Deutschland zur Datenkolonie? USA haben 16-mal mehr Rechenpower als wir

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12. November 2025 Matthias Lindner

Cloud-Computeringenieur im Serverraum im Rechenzentrum

(Bild: Andrey_Popov / Shutterstock.com)

Deutschland baut Rechenzentren aus, doch die Kapazitäten reichen nicht. Experten warnen: Ohne mehr Tempo droht digitale Abhängigkeit.

Deutschland wird als Standort für Rechenzentren bedeutsamer, wie aus einer Studie des Digitalverbandes Bitkom und des Borderstep Instituts hervorgeht. Die Kapazitäten aller Rechenzentren und kleineren IT-Installationen sind demnach auf 2.980 Megawatt angewachsen.

Im Vergleich zum vorigen Jahr entspricht das einem Zuwachs von neun Prozent. Rund die Hälfte dieser Leistung entfällt auf die 100 größten Rechenzentren im Land.

Vor allem die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz treibt diese Entwicklung an. Cloud-Computing und KI-Anwendungen befeuern die Nachfrage nach Rechenleistung. Entsprechend wuchsen die Cloud-Kapazitäten in diesem Jahr um 16,5 Prozent auf 1.450 Megawatt – das sind 49 Prozent der gesamten Kapazitäten aller Rechenzentren in Deutschland.

Colocation dominiert den Markt

Erstmals stellen Colocation-Rechenzentren mehr als die Hälfte der deutschen Rechenzentrumskapazitäten bereit, heißt es in der Studie. Bei Colocation mieten Unternehmen Stellfläche, Strom und Kühlung in fremden Rechenzentren, statt eigene zu betreiben.

Internationale Hyperscale-Cloud-Anbieter wie Amazon, Microsoft und Google nutzen in Deutschland intensiv solche Colocation-Angebote. Eigene Hyperscale-Rechenzentren – also riesige Rechenzentren mit mehreren Zehntausend Servern – betreiben sie hierzulande praktisch nicht.

Die Nachfrage ist hierzulande hoch: Die Leerstandsquote in der Region Frankfurt liegt bei unter drei Prozent, für Berlin bei 1,7 Prozent.

KI vervierfacht spezielle Rechenzentrumskapazitäten bis 2030

Aktuell machen Rechenzentren für Künstliche Intelligenz und High-Performance-Computing rund 15 Prozent der installierten Kapazitäten aus – etwa 530 Megawatt.

Bis 2030 sollen diese Kapazitäten noch deutlich steigen: Auf rund 2.020 Megawatt könnten sie sich vervierfachen. Der Anteil der Rechenzentren, die für Anwendungen der Künstlichen Intelligenz genutzt werden, wird der Prognose zufolge bei knapp 40 Prozent liegen.

Insgesamt prognostiziert die Borderstep-Studie für 2030 eine Gesamtkapazität von etwa 5.000 Megawatt – nahezu eine Verdopplung gegenüber 2024. Auch Edge-Rechenzentren – kleine, dezentrale Rechenzentren nahe beim Nutzer für besonders schnelle Reaktionszeiten – werden zunehmen.

Frankfurt bleibt Hotspot, Berlin wird zweiter Hub

Das Bundesland Hessen mit dem Großraum Frankfurt kann mit Blick auf die Rechenzentren es Zentrum der deutschen IT-Infrastruktur gesehen werden. Es verfügt über mehr als 1.100 Megawatt und damit über mehr als ein Drittel aller Kapazitäten in Deutschland. Es folgen Bayern (420 MW), Nordrhein-Westfalen (378 MW), Baden-Württemberg (233 MW) und Berlin (146 MW).

Frankfurt punktet mit der Anbindung an Europas größten Netzwerkknoten DE-CIX, einem vorhandenen Rechenzentrumsökosystem und starker Wirtschaft. Die Region wächst mit rund 14 Prozent am schnellsten im europäischen Vergleich. Berlin etabliert sich als zweiter großer Hub mit hoher internationaler Sichtbarkeit.

Für die nächsten Jahre sind zahlreiche Großprojekte angekündigt: mehr als 1.800 Megawatt in Frankfurt am Main, 888 Megawatt in Brandenburg, 480 Megawatt im rheinland-pfälzischen Nierstein. In Dummerstorf in Mecklenburg-Vorpommern wird über ein Rechenzentrum mit rund 1.000 Megawatt diskutiert.

Energiebedarf steigt, Effizienz verbessert sich

Wo Rechenzentren entstehen, steigt auch der Stromverbrauch. In diesem Jahr wird der Bedarf etwa 21,3 Milliarden Kilowattstunden betragen, so die Studie. Rund zwei Drittel entfallen dabei auf die IT-Infrastruktur, ein Drittel auf Gebäudetechnik wie Kühlung.

Die IT-Systeme werden jedoch effizienter. Die Energieeffizienz bei Standardservern stieg zwischen 2017 und 2022 um jährlich 26 Prozent. Der durchschnittliche Power Usage Effectiveness (PUE)-Wert – ein Maß dafür, wie viel Energie für Kühlung und Infrastruktur zusätzlich zur IT verbraucht wird – verbesserte sich 2025 auf 1,43.

In diesem Jahr investieren die Betreiber 12 Milliarden Euro in IT-Hardware und rund 2,5 Milliarden Euro in Klimatechnik und Stromversorgung. Neu geplante Rechenzentren werden häufig für hybriden Betrieb ausgelegt: sowohl luftgekühlte als auch flüssigkeitsgekühlte IT-Systeme können zum Einsatz kommen.

Engpässe bremsen Wachstum

Zu den zentralen Hemmnissen zählen begrenzte Stromnetzkapazität, hohe Energiepreise und langwierige Genehmigungsverfahren. "Beim Thema Rechenzentren müssen Bund und Länder "all in" gehen und die Investitionshürden radikal senken", fordert Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder. Das entscheide darüber, ob die Bundesrepublik ihre digitale Souveränität bewahre oder in eine technologische Abhängigkeit gerate.

Im internationalen Vergleich hinkt Deutschland hinterher. In den USA verfügten 2024 Rechenzentren mit einer Kapazität von über 48 Gigawatt – 16-mal so viel wie in Deutschland 2025. In China waren es 38 Gigawatt. "Ohne starke Rechenzentren verliert Deutschland den Anschluss", warnt Rohleder.

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