Seit 15 Jahren verüben Linksextremisten unter dem Namen „Vulkangruppe“ Anschläge in Deutschland – doch die Sicherheitsbehörden wissen erstaunlich wenig über die Täter. Auch in der Politik ist man weitgehend ratlos. So spielten Taten und Täter der „Vulkangruppen“ in den Sitzungen des Parlamentarischen Kontrollgremiums in den vergangenen Jahren offenbar kaum eine Rolle. Das Gremium ist für die Kontrolle der deutschen Nachrichtendienste zuständig und beschäftigt sich mit dem Anschlagsgeschehen hierzulande.
Können die Ermittlungen zu dem Anschlag auf das Stromnetz in Berlin womöglich mehr Erkenntnisse bringen? Zumindest war sich das Bundesamt für Verfassungsschutz schon recht früh sicher, die zerstörerische Tat der Vulkangruppe zuordnen zu können. Der Verfassungsschutz hält auch das Bekennerschreiben mit dem Titel „Den Herrschenden den Saft abdrehen“ für authentisch.
Die Behörde geht davon aus, dass es sich nicht um den Zusammenschluss einer festen Personengruppe handelt, sondern dass es stattdessen mehrere Gruppen gibt, die als eine Art Franchise den Namen „Vulkangruppe“ nutzen. Unter einem Franchise versteht man die Nutzung einer Marke von verschiedenen Akteuren.
Gleichzeitig gehören diese Gruppen, so sagt es der Verfassungsschutz der F.A.Z., der militant-anarchistischen Strömung an. Darin könnte auch ein Grund liegen, warum es bislang keine Ermittlungserfolge gibt: Es gibt keine feste Organisationsstruktur, die die Sicherheitsbehörden ausspähen oder infiltrieren könnten.
So erklärt sich wohl auch, dass in dem Berliner Fall inzwischen mehrere Bekennerschreiben bekannt geworden sind, die sich mitunter auch voneinander distanziert haben. Es ist nicht ungewöhnlich, dass es in linksextremen Gruppieren mehrere „Generationen“ gibt.
Schon mehrere Anschläge in der Vergangenheit
Seit 2011 registrierten die Sicherheitsbehörden in unregelmäßigen Abständen Brandanschläge in Berlin und Brandenburg auf kritische Infrastruktur, zu denen sich die Vulkangruppen bekennen. Insgesamt sind es 13 Anschläge. Dabei wurde mal der öffentliche Nahverkehr beeinträchtigt, mal kam es zu Strom- und Internetausfällen bei Unternehmen, aber auch bei Privatleuten.
So verübte eine Vulkangruppe im März 2018 einen Brandanschlag auf die wichtige Versorgungsleitung an der Mörschbrücke in Berlin im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf. 6500 Haushalte und 400 Gewerbetreibende hatten daraufhin stundenlang keinen Strom. Wegen der starken Hitze durch den Anschlag galt die Brücke zeitweise als einsturzgefährdet und musste gesperrt werden. In dem Bekennerschreiben mit der Überschrift „Vulkangruppe NetzHerrschaft zerreißen“ hieß es, Ziel der Tat sei es gewesen, „einen Moment unkontrollierten Lebens zu schaffen“.
In einer Nacht im Juni 2023 setzten unbekannte Täter mehrere Stromversorgungsleitungen für ein mit Steinkohle betriebenes Heizkraftwerk in Berlin in Brand. Im Bekennerschreiben war von einer „Notwehrmaßnahme“ die Rede, unter anderem gegen „neokoloniale Ausbeutung und die weltweite Zerstörung“.
Erheblich waren auch die Auswirkungen des Brandanschlags der „Vulkangruppe Tesla abschalten!“ auf einen Hochspannungsmast im März 2024. Durch den Stromausfall wollten die Täter gezielt den Produktionsablauf im nahen Tesla-Werk in Grünheide in Brandenburg längerfristig zum Stillstand bringen. Die Reparatur dauerte fast eine Woche und kostete mehr als eine Million Euro. Der Autobauer Tesla bezifferte seinen Schaden durch den Produktionsausfall auf mehrere hundert Millionen Euro.
Der Stromausfall traf zudem eine intensivmedizinische Klinik, ein Logistikzentrum und zahlreiche Haushalte in Berlin und Brandenburg. Die Täter betrachten Tesla als Repräsentant eines als totalitär diffamierten „Herrschaftssystems“, das wegen seines technologischen Fortschritts und der damit verbundenen Zerstörung der Natur sowie der Unterdrückung der Menschen bekämpft werden müsse.
In Politik und Sicherheitskreisen ist aber auch die Vermutung zu hören, dass hinter Anschlägen wie dem auf das Berliner Stromnetz nicht einige wenige Linksextremisten stecken – sondern, wenn auch am Ende einer längeren Auftragskette, Russland. In einem zweiten Bekennerschreiben wies die Vulkangruppe die Beteiligung russischer Akteure zurück. Auch dieses Schreiben stuft der Verfassungsschutz als authentisch ein.


