27. November 2025 Marcel Kunzmann
Zurück im Spiel: Mit Gemini 3 Pro katapulierte sich Google an die Spitze der LLM-Benchmarks
(Bild: Poetra.RH/Shutterstock.com)
Nach Jahren des Rückstands hat Google mit seinem neuen KI-Modell die Konkurrenz überholt. In Benchmarks liegt Gemini vorn. Ein Blick auf Googles Erfolgsrezept.
Google hat sich nach Jahren des Rückstands an die Spitze des KI-Wettrennens gesetzt. Das neue Sprachmodell Gemini 3 übertraf nach seinem Release letzte Woche ChatGPT und andere Konkurrenten in branchenüblichen Benchmark-Tests und wurde damit zum leistungsfähigsten verfügbaren KI-Chatbot.
Der Erfolg markiert einen Wendepunkt für den Internetriesen, der seit dem Start von ChatGPT vor drei Jahren als zurückliegend galt. Analysten und sogar ehemalige Google-Manager hatten dem Unternehmen Versäumnisse im KI-Bereich vorgeworfen. "Google war wohl immer der dunkle Außenseiter in diesem KI-Rennen", sagte Neil Shah, Analyst bei Counterpoint Research, gegenüber Bloomberg. Es sei "ein schlafender Riese, der nun vollständig erwacht ist".
Die Ankündigung ließ die Aktie der Google-Mutter Alphabet um 1,5 Prozent auf 323,44 Dollar steigen und brachte das Unternehmen näher an eine Marktkapitalisierung von vier Billionen Dollar heran. Konkurrent SoftBank Group, einer der größten Geldgeber von OpenAI, verlor hingegen zehn Prozent aufgrund von Sorgen über die Konkurrenz durch Googles Gemini.
Vollstack-Ansatz als Wettbewerbsvorteil
Googles Vorsprung basiert auf einem sogenannten Vollstack-Ansatz. Das Unternehmen entwickelt nicht nur die KI-Anwendungen, die Nutzer verwenden, sondern auch die zugrundeliegenden Softwaremodelle, die Cloud-Computing-Architektur und die Chips. "Wir haben einen vollständigen, tiefgreifenden Vollstack-Ansatz für KI gewählt", sagte CEO Sundar Pichai vor Investoren. "Und das zahlt sich wirklich aus."
Ein zentraler Baustein sind Googles eigene Tensor Processing Units (TPUs), die das Unternehmen vor über einem Jahrzehnt entwickelte. Während Google lange Zeit der einzige Kunde für diese Chips war, ändert sich das nun. Das KI-Startup Anthropic kündigte im Oktober an, bis zu eine Million Google-TPUs in einem Deal im Wert von mehreren zehn Milliarden Dollar zu nutzen. Medienberichten zufolge plant auch Meta, Googles Chips ab 2027 in seinen Rechenzentren einzusetzen.
Die Nachricht über Metas mögliche Nutzung von Google-Chips ließ die Alphabet-Aktie weiter steigen, während Nvidia-Aktien um 2,6 Prozent fielen und 115 Milliarden Dollar an Marktwert verloren. "Viele andere sind bei ihrem Versuch, eigene Chips zu bauen, gescheitert, aber Google kann hier eindeutig einen weiteren Erfolg verbuchen", schrieb Ben Barringer, Leiter der Technologieforschung bei Quilter Cheviot.
Gemini 3 überzeugt in Tests
Das neue Gemini 3 Pro-Modell erreichte Spitzenplätze in den vielbeachteten KI-Ranglisten LMArena und Humanity's Last Exam. Andrej Karpathy, Gründungsmitglied von OpenAI, bezeichnete es als "eindeutig ein Tier-1-LLM" (Large Language Model). Google bewirbt das Modell als fähig, komplexe Wissenschafts- und Mathematikprobleme zu lösen sowie hartnäckige Probleme wie fehlerhafte Textgenerierung in Bildern zu beheben.
Tulsee Doshi, Senior Director für Produktmanagement bei Gemini, testete das Modell mit Gujarati, einer in Indien weit verbreiteten Sprache, die im Internet wenig präsent ist. Die Ergebnisse überzeugten sie: "Ich nenne es Lebenszeichen", sagte sie. "Die Leute kamen zurück und sagten: 'Ich spüre es, ich denke, wir haben etwas getroffen.'"
Aaron Levie, CEO des Cloud-Unternehmens Box, testete das Modell bei der Analyse komplexer Dokumentensätze. "Zuerst mussten wir die Augen zusammenkneifen und fragen: 'Okay, haben wir etwas falsch gemacht in unserer Bewertung?', weil der Sprung so groß war", sagte er.
Strategische Neuausrichtung zeigt Wirkung
Googles Erfolg ist das Ergebnis einer strategischen Neuausrichtung. Anfang 2023 bündelte das Unternehmen seine KI-Bemühungen unter Demis Hassabis, dem Leiter des Londoner KI-Labors DeepMind. Trotz einiger Rückschläge, wie dem verpatzten Start eines Bildgenerierungstools, konzentrierte sich die KI-Abteilung fortan fast ausschließlich auf grundlegende Modelle, die mit OpenAI, Microsoft und anderen mithalten können.
Die Bemühungen zahlen sich aus: Google sagte vergangene Woche, dass 650 Millionen Menschen die Gemini-App nutzen. OpenAI gab kürzlich bekannt, dass ChatGPT 800 Millionen wöchentliche Nutzer erreicht hat. Googles Cloud-Geschäft meldete im dritten Quartal Umsätze von 15,2 Milliarden Dollar, ein Anstieg von 34 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Herausforderungen bleiben bestehen
Trotz der Erfolge bleiben Herausforderungen. Googles Cloud-Geschäft liegt weiterhin auf dem dritten Platz hinter Microsoft und Amazon Web Services. Zudem sind Googles TPUs nur über den eigenen Cloud-Service zugänglich, was Kunden an das Google-Ökosystem bindet. "Sobald man TPUs nutzt, ist man an das Google-Cloud-Ökosystem gebunden", sagte Meryem Arik, CEO des KI-Startups Doubleword.
Dennoch zeigen sich Analysten optimistisch. "Es ist definitiv fair zu sagen, dass Google mit Gemini 3 wieder im Spiel ist", sagte Thomas Husson, Analyst bei Forrester. "Tatsächlich waren die Berichte über Googles Tod, um Mark Twain zu paraphrasieren, stark übertrieben, um nicht zu sagen irrelevant."



