Die USA und China haben in wenigen Jahren KI-Imperien aufgebaut, von denen jedes andere Land abhängig wird, das Zugang zu fortgeschrittener KI sucht.
Entscheidend sei nicht, wer zuerst eine allgemeine künstliche Intelligenz entwickelt. Vielmehr gehe es darum, wer das Rennen finanzieren kann. Hohe Schulden, innerer Widerstand und ein möglicher Krieg um Taiwan würden beide Mächte gefährden. So argumentieren der Historiker Niall Ferguson, die Forscherin Lisa Klaassen und der frühere Google-Chef Eric Schmidt.
In ihrem Essay für Foreign Affairs begründen sie den Imperiumsbegriff mit den Skalierungsgesetzen. Weil der Fortschritt der Modelle an Energie, Mineralien, Chips und Kapital hängt, sei Software wieder zu einem knappen und damit geopolitischen Gut geworden. Wer unter einer bestimmten Schwelle bleibe, sei "nicht im Spiel". Rohstoffe aus dem Kongo und Datenarbeiter aus Kenia, die für wenige Dollar pro Stunde arbeiten, beschreiben sie als "Plantagenökonomie des Chatbot-Zeitalters".
Frontier-Labore als moderne Handelskompanien
OpenAI und Anthropic vergleichen die Autoren mit den Ostindien-Kompanien: Sie verhandeln mit Regierungen, bleiben aber an der staatlichen Leine. Als Beleg dient ein Fall aus dem Juni. Das US-Handelsministerium wies Anthropic an, ausländischen Staatsangehörigen den Zugang zu den zwei leistungsfähigsten Modellen zu entziehen. Weil Anthropic die Nationalität der Nutzer nicht in Echtzeit überprüfen konnte, schaltete das Unternehmen Fable 5 und Mythos 5 weltweit ab. Für Fable 5 hob die Regierung die Exportkontrollen nach rund zwei Wochen wieder auf. Mythos 5 blieb dagegen auf eine Gruppe von US-Organisationen beschränkt.
Die Strategien unterscheiden sich deutlich. Washington biete teure, geschlossene Technik gegen politische Gefolgschaft. Peking setze auf frei verfügbare Open-Weight-Modelle, damit seine Standards folgen. Die USA lägen bei Chatbots etwa sechs Monate vorn, China bei Robotik. Die Engpässe sind spiegelbildlich: China hat Strom, aber keine Spitzenchips. Den USA fehlen Mineralien und ein belastbares Stromnetz.
Die Zinslast könnte zur eigentlichen Grenze werden
Laut dem Essay wollen US-Tech-Konzerne 2026 mehr als 600 Milliarden Dollar investieren, überwiegend über Kredite finanziert. Andere Schätzungen liegen noch höher: Google, Amazon, Microsoft und Meta planen zusammen rund 725 Milliarden Dollar an KI-Investitionen für dieses Jahr.
China plant laut einem von Bloomberg berichteten Entwurf 295 Milliarden Dollar über fünf Jahre, finanziert über Staatsanleihen. Die USA zahlten bereits 2024 mehr für Zinsen (rund 881 Milliarden Dollar) als für Verteidigung (etwa 874 Milliarden Dollar). Bis 2036 könnten die Zinsen doppelt so hoch sein wie der Verteidigungsetat. Daraus leiten die Autoren ein "imperiales Trilemma" ab: Verteidigung, technologische Führung und ein großzügiger Sozialstaat seien nicht gleichzeitig zu haben.
Als weitere Risiken nennen sie Proteste gegen Rechenzentren in Texas und Utah sowie die Gefahr, dass offene Modelle Chinas Informationskontrolle untergraben. Hinzu komme ein Kontrollverlust über die Technik selbst: In den vergangenen Monaten griffen Hunderte autonome Agenten eines OpenAI-Modells Hugging Face und viele weitere Webseiten an. Auch andere KI-Firmen haben solche Sicherheitsvorfälle.
Taiwan als Sollbruchstelle
Die größte Gefahr sehen die Autoren in einer "taiwanischen Chipkrise". TSMC, der zentrale Knoten der gesamten KI-Lieferkette, liegt 90 Meilen (ca. 145 km) vor der chinesischen Küste. Neue Fabriken in Phoenix, Kumamoto und Dresden sollen die Insel ersetzbar machen.
Bis dahin bleibe jedoch ein gefährliches Zeitfenster. Als Ausweg schlagen die Autoren eine KI-Détente nach dem Vorbild des Kalten Kriegs vor, etwa mit Obergrenzen für die Fähigkeiten von Modellen bei Cyberangriffen und Biodesign. Schwierig sei es allerdings, China zu Beschränkungen zu bewegen, solange es technologisch zurückliegt.
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