Der E-Bike-Markt ist mittlerweile so unübersichtlich wie die klassische Kiste voller alter Kabel im Keller. Von massiven E-SUVs bis hin zu puristischen Singlespeed-Rädern buhlt gefühlt für jeden Einsatzzweck ein eigenes Modell um Kundschaft.
In den vergangenen Wochen hatte ich das Urtopia Carbon 1 ST im Alltagseinsatz. Das Kürzel ST steht für Step-Thru, also einen Tiefeinsteiger. Hier bei uns im flachen Geestland gibt es zwar keine Berge, dafür aber regelmäßig kräftigen Gegenwind, bei dem man über jeden technischen Rückenwind dankbar ist. Gute Bedingungen also, um zu schauen, was das vernetzte Carbon-Rad im Alltag taugt.
Urtopia verspricht beim Carbon 1 ST das moderne Stadtrad der Zukunft. Statt auf brachiale Motorpower oder riesige Akkublöcke setzt der Hersteller auf geringes Gewicht und Software-Funktionen. Das Konzept geht in vielen Punkten absolut auf, leistet sich an anderer Stelle aber Schnitzer, mit denen man bei einem modernen Rad kaum gerechnet hätte. Getestet habe ich ein Modell, das der Vorbesitzer offenbar ordentlich gerockt hat, ich hoffe, dass seine Nutzung auf das Rad und somit meinen Test keinen Einfluss hatte.
Design, Verarbeitung und das Gewicht
Nimmt man das Urtopia Carbon 1 ST aus dem Karton, fällt sofort das Gewicht auf: Mit rund 18,5 kg ist das Rad spürbar leichter als viele klassische E-Bikes, die gerne mal jenseits der 25 kg liegen. (Warum ich 18,5 kg schreibe und die Webseite von 16 kg spricht? Weil ich mit Pedalen, Ständer, Schutzblechen und Akku gewogen habe.) Der Rahmen ist aus Toray-Carbon gefertigt. Das spart nicht nur Kilos, sondern sorgt für eine verhältnismäßig nahtlose, saubere Optik ohne Schweißnähte. Mag ich. Sieht besser aus als die Peinlo-Fat-Bikes.
Der Tiefeinsteiger macht sich im Alltag schnell bezahlt. Mal eben beim Bäcker anhalten, an der roten Ampel runter vom Sattel oder das Rad durchs Treppenhaus oder die Gartenpforte bugsieren, geht leicht von der Hand. Die Leitungen sind fast durchweg im Rahmen verlegt, der Samsung-Akku schließt bündig mit dem Unterrohr ab und der Heckmotor fällt optisch kaum auf. Die Verarbeitung hinterlässt einen grundsoliden Eindruck.
Smartes Rad oder rollender Rechner?
Zentrales Element am Rad ist die Smartbar im Lenker. Urtopia setzt hier nicht auf ein klassisches Farbdisplay, sondern auf eine LED-Punktmatrix. Das versprüht ein wenig Retro-Charme und hat einen Vorteil: Auch bei voller Sonne lässt sich die Anzeige problemlos ablesen. Muss man aber vielleicht einmal genauer hinschauen, was da angezeigt wird, Punkte sind nicht jedermanns Sache.
Das Rad entsperrt man direkt über einen integrierten Fingerabdrucksensor. Finger auflegen, das System startet und die Fahrt kann losgehen. Das funktionierte im Test zuverlässig und spart den Griff zum Schlüssel. Wer möchte, kann alternativ die App zum Entsperren nutzen.
Ebenfalls integriert sind GPS und eine Alarmfunktion. Rüttelt jemand am Rad, schlägt der eingebaute Lautsprecher Alarm und auf dem Smartphone landet eine Push-Nachricht. Für die Stadt ist das ein praktischer Diebstahlschutz. Zu beachten: Die Mobilfunk-Verbindung für die Datenfunktionen ist nur im ersten Jahr kostenlos enthalten. Danach werden rund 45 Euro pro Jahr fällig, was man auf dem Zettel haben sollte.
Fahrgefühl und Antrieb
Urtopia verbaut einen Drehmomentsensor, was sich beim Treten sofort bemerkbar macht. Statt stur nach Pedalumdrehung zu unterstützen, erkennt das System meines Erachtens recht feinfühlig den tatsächlichen Druck aufs Pedal. Der 250 Watt starke Heckmotor mit 45 Nm schiebt passend zur eigenen Leistung an und arbeitet dabei flüsterleise.
Schaltet man die Unterstützung ab oder fährt schneller als 25 km/h, lässt sich das Carbon 1 ST dank der 10-Gang-Schaltung von Shimano wie ein normales, zügiges Fahrrad bewegen. Wer es nach Feierabend gemütlich angehen lassen will, wählt den Turbo-Modus. Da reicht leichtes Mittreten völlig aus, um ohne Mühe auf Tempo zu bleiben.
Der Akku liefert knapp 353 Wh. Die vom Hersteller genannten bis zu 130 km Reichweite sind Laborwerte. Im gemischten Alltag mit Ampelstopps, Antritten und höherer Unterstützung bleiben realistisch eher 50 bis 70 km übrig. Für den Pendelverkehr in der Stadt geht das in Ordnung. Praktisch: Der Akku lässt sich zum Laden einfach herausnehmen und in der Wohnung an die Steckdose hängen.
Die Schattenseiten
Ein paar Kritikpunkte gibt es allerdings. Das betrifft vor allem den Komfort. Carbon drückt das Gewicht, filtert Stöße aber kaum weg - vielleicht ist es aber auch nur mein Feeling. Bin eh etwas sattelempfindlich geworden, als es gewichtstechnisch weiter runter ging.
Da sowohl Gabel als auch Sattelstütze ungefedert sind, rollt das Rad auf glattem Asphalt super, reicht Schläge auf Kopfsteinpflaster oder Feldwegen aber direkt an den Fahrer weiter. Wer empfindlich reagiert, rüstet am besten eine gefederte Sattelstütze nach.
Auch die Geometrie sollte man im Auge behalten. Der Hersteller empfiehlt das Rad bis zu einer Körpergröße von 1,85 m. Wer größer ist, sollte vor dem Kauf probesitzen.
Ein Schnitzer betrifft die Beleuchtung: Vorn ist ein ordentlicher Scheinwerfer im Lenker integriert. Ein festes Rücklicht fehlt jedoch ab Werk. Stattdessen legt Urtopia ein separates Akku-Rücklicht bei, das man per Clip befestigen muss. Bei einem vollvernetzten Rad mit großem Hauptakku ist eine solche externe Batterielösung schlicht inkonsequent.
Und: Wenn ihr daheim parkt, nehmt bei längerer Pause den Akku raus. Das Bike ist leider immer auf Standby, das kostet natürlich Saft.
Ansonsten?
Wer Routen über die App plant, bekommt einfache Abbiegepfeile direkt auf das Punktmatrix-Display am Lenker geworfen. Das Smartphone kann während der Fahrt also in der Tasche bleiben. Klappt aber nicht immer sauber. Hier mal Screenshots der App.
Der verbaute Akku ist mit dem mitgelieferten Schnellladegerät in rund 2,5 Stunden wieder komplett von null auf hundert gefüllt.
Gegen Regen ist das System ebenfalls gewappnet: Die Elektronik samt Display ist nach IP65 zertifiziert, verträgt also problemlos Staub und Strahlwasser.
Bluetooth-Lautsprecher für die Art Leute, die Musik beim Radeln hören.
Fazit
Das Urtopia Carbon 1 ST ist ein durchdachtes E-Bike, das sich wieder mehr wie ein echtes Fahrrad anfühlt. Es fährt sich toll und lässt sich dank der 10-Gang-Schaltung auch ohne Motorunterstützung flott bewegen.
Die Funktionen wie der Fingerabdrucksensor und der GPS-Alarm funktionieren im Alltag zuverlässig und sind keine bloßen Spielereien. Für den regulären Preis von knapp 2.500 Euro erhält man ein leichtes und modernes Rad. Da muss man natürlich schauen, in den Preisregionen bekommt man mittlerweile auch Bikes von etablierten Marken. Erschwerend kommt vielleicht hinzu, dass man Zubehör einplanen sollte. Gepäckträger hinten? Hunni. Das fürs System zugehörige Ares-Rücklicht? 130 Peitschen.
Ansonsten? Wer mit der straffen, ungefederten Auslegung klarkommt, nicht zu groß gewachsen (und über 110 Kilogramm wiegt) ist und sich nicht an der externen Rückleuchte stört, bekommt einen flotten Begleiter für die Stadt.
| Rahmen | Toray-Carbon (Step-Thru / Tiefeinsteiger) |
| Motor | 250 Watt Hecknabenmotor (45 Nm Drehmoment) |
| Sensor | Drehmomentsensor |
| Akku | 352,8 Wh (herausnehmbar und abschließbar) |
| Schaltung | 10-Gang Shimano Cues (11-40T Kassette) |
| Bremsen | Hydraulische Scheibenbremsen (Tektro) |
| Gewicht | ca. 18,5 kg mit Anbauten, Rahmen ca. 16 kg |
| Smarte Funktionen | Fingerabdrucksensor, GPS, Alarm, eSIM, Bluetooth-Lautsprecher, App-Anbindung |
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3 weeks ago
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