
Logitech hat sich bereits vor einigen Jahren vom Markt für Universalfernbedienungen zurückgezogen, den man mit den Harmony-Fernbedienungen über eine lange Zeit bediente. Einige Hersteller versuchen seitdem, die Lücke zu schließen: Unter anderem auch Unfolded Circle (früher bekannt als Yio Remote), die ihrer Unfolded Circle Remote 3 im Rahmen einer Kickstarter-Kampagne Leben einhauchten. Mittlerweile hat man zahlreiche Kickstarter-Unterstützer ausgestattet und die Remote 3 sowie das passende Dock lassen sich inzwischen auch vorbestellen. Grund genug, um der Fernbedienung, welche die Logitech Harmony Elite beerben könnte, etwas näher auf den Zahn zu fühlen.
Die Unfolded Circle Remote 3 setzt auf einen Quad-Core-Prozessor auf ARM-Basis, welchem 4 GB Arbeitsspeicher nebst 32 GB Speicherplatz (eMMC) zur Seite stehen. Softwareseitig setzt man auf das hauseigene, Linux-basierte Unfolded OS.

Die Fernbedienung funkt per Wi-Fi AC Dual-Band (2,4 und 5 GHz) sowie Bluetooth 5.2. Integriert ist ein Infrarot-Sender sowie auch ein Empfänger, um fremde Fernbedienungen manuell anzulernen. Der integrierte 2400 mAh große Akku lässt sich wahlweise per Wireless Charging (5 Watt) oder mit dem Dock 3 aufladen.
Ansonsten? Die Fernbedienung ist mit RGB-Hintergrundbeleuchtung sowie zahlreichen Sensoren (Gyroskop, Beschleunigungssensor, Ambient Light Sensor) ausgestattet. Anbinden lassen sich neben Infrarot-Geräten wie Fernsehern auch smarte Geräte wie der Apple TV, Sonos oder die smarte Hue-Beleuchtung (per Hue Bridge). Auch Home Assistant wird unterstützt.

Das Dock 3, welches mit der Remote 3 zusammenarbeitet, setzt unter der Haube auf einen ESP32, der mit Wi-Fi (2,4 GHz) sowie Bluetooth 5 ausgestattet ist und wahlweise auch per Ethernet angebunden werden kann. Die Stromversorgung des Docks funktioniert per USB-C oder auch PoE. Neben dem integrierten Infrarot-LED-Array können auch Infrarot-Blaster angeschlossen (per 3,5 mm) werden, um etwa Infrarot-Signale in geschlossene Schränke weiterzuleiten. Zudem verfügt das Dock über Mikrofon und Lautsprecher.

Ausgepackt & angefasst: Würde Apple eine Universalfernbedienung bauen, das wäre sie wohl

Die Fernbedienung steckt in einem 9,7 mm dünnen Aluminium-Gehäuse. Alles wirkt sehr hochwertig und wie aus einem Guss. Würde Apple eine Universalfernbedienung entwickeln – so würde sie wohl ausschauen und sich auch anfühlen. Die Druckpunkte sind sehr gut. Die Anordnung wirkt durchdacht. Markant sind die dünnen Ränder des Displays sowie Tasten. Das Display ist gut ablesbar und für meinen Geschmack hell genug. Die Hintergrundbeleuchtung ist aber etwas ungleich ausgeleuchtet, was nicht weiter stört, mir aber dennoch beim genaueren Betrachten ins Auge fiel. Das Vibrations-Feedback empfand ich wiederum als positiv – spielt aber freilich nicht auf dem Level eines modernen Flaggschiff-Smartphones mit. Die spiegelnde Rückseite zieht Fingerabdrücke förmlich an. Unpraktisch, denn wenn man die Fernbedienung natürlich in der Hand hält, legt man ganz automatisch mindestens einen Finger auf der Fläche der Rückseite ab. Insgesamt: Haptisch und von der Materialwahl ganz großes Kino und die Fernbedienung liegt mit ihrem ausbalancierten Gewicht auch prima in der Hand.

Auch das Dock setzt auf ein hochwertiges Aluminium-Chassis. Es ist leichter als gedacht. Als Gegengewicht für die geparkte Fernbedienung durchaus ausreichend, ich hätte mir wohl dennoch eine etwas schwerer anmutende Basisstation gewünscht: Drückt man die Fernbedienung nach hinten (was man bei normalem Gebrauch nur aus Versehen tut), hebt sich das Dock an. Der obere, glänzende Bereich ist leider anfällig für Fingerabdrücke (und auch Kratzer). Die Fernbedienung selbst sitzt im Dock etwas locker – kein Problem, solange man da nicht rumwackelt. Den leicht angeschrägten Winkel empfinde ich als angenehm. Weitere Randinfo zum Dock: Das scheint wohl recht wählerisch zu sein, was verschiedene Netzteile angeht.

Ersteinrichtung
Die erste Einrichtung ist sehr einfach und erfolgt direkt über die Fernbedienung. WLAN auswählen, Passwort eintragen und schon kann es losgehen. Es gibt keine Account-Pflicht und keine Cloud-Anbindung. Auch das Dock 3 wird per Bluetooth erkannt und muss mit Zugangsdaten versorgt werden. Hier etwas unschön, dass man gar den WLAN-Namen nochmals eintippen muss und auch das Passwort, das wird entsprechend nicht transferiert, ging aber dennoch flott vonstatten. Diverse Einstellungen und Anpassungen kann man direkt auf der Fernbedienung erledigen. Ein Smartphone mit App oder dergleichen wird nicht zwangsläufig benötigt, viele Schritte lassen sich aber einfacher per Web-Konfigurator erledigen. Hierzu stellt die Fernbedienung einen entsprechenden Link fürs lokale Netzwerk zur Verfügung – auf Wunsch auch per QR-Code (und geschützt durch einen PIN-Code). Bei der Inbetriebnahme werden direkt Geräte zur Einrichtung vorgeschlagen, welche die Fernbedienung im lokalen Netz so aufgestöbert hat. Eines fällt direkt auf: Alles läuft wesentlich flüssiger und zuverlässiger als bei einer Harmony Elite, die bei mir zuvor zum Einsatz kam – in den letzten Jahren aber eher in der Schublade lag.
Geräte mit der Unfolded Remote 3 steuern
Die Unfolded Remote 3 erlaubt es, klassische (TV-) Geräte per Infrarot anzusteuern. Hierzu greift man auf eine große Datenbank zurück, in der Hersteller angelegt sind. Leider ist es hier nicht möglich durch Eingabe des Herstellermodells gleich die passende Fernbedienung zu bekommen, sondern man muss sich da etwas mehr durchforsten. Bei meinem LG-Fernseher gab es da zum Glück nicht so viel Auswahl und gleich der erste Versuch hat gesessen. Gerade bei Gerätschaften, die eher weniger verbreitet sind, könnte die Suche nach der passenden Fernbedienung in etwas Frust und einer Geduldsprobe enden.

Netzwerkgeräte werden direkt vorgeschlagen, benötigen im Falle eines Apple TV noch die Freigabe per Code oder Android / Google TV wird das auch alles automatisch erkannt. Auch Sonos-Lautsprecher werden zur Steuerung unterstützt. Und die Hue-Beleuchtung kann ebenfalls gesteuert werden, per nativer Integration.

Insgesamt ist die Liste der unterstützten Hersteller aber nicht ganz so prall gefüllt, da muss man sonst über einen Umweg zum Home Assistant greifen, um weitere Gerätschaften anzubinden. So fehlt etwa die im Rahmen der Kickstarter-Kampagne vorgesehene Matter-Unterstützung (auch auf der transparenten Roadmap).

Wer das volle Potenzial ausnutzen möchte, der sollte auf Home Assistant für sein smartes Zuhause und zum Verzahnen seiner Gerätschaften setzen. Sämtliche Geräte und Sensoren lassen sich vom Home Assistant auf die Remote 3 bringen, entsprechend fällt dann die dünne Kompatibilitätsliste auch nicht so sehr ins Gewicht. Und umgekehrt: Die Remote 3 stellt umfangreiche Möglichkeiten in Home Assistant bereit: Selbst die Displayhelligkeit der Remote lässt sich über eine eigene Entität auf der Smart-Home-Plattform steuern. Vermisst habe ich einfachen Zugriff auf in Unfolded OS angelegte Geräte, Aktivitäten oder Makros – stattdessen kann man wohl derzeit nur auf native IR-Befehle zugreifen.

Denkbar sind da umfangreiche Steuerungen, etwa auch das Deaktivieren von Vibrationsfeedback und Sound in bestimmten Situationen. Da habt ihr allerlei Möglichkeiten, wie ihr die Fernbedienung selbst in Home Assistant automatisieren könnt.
Was es hingegen (leider) nicht gibt ist die einfache Anbindung der Fernbedienung bzw. des Docks an Plattformen wie Amazon Alexa, Google Home oder Apple Home. Um simpel gestrickten Nutzern die Möglichkeit zu geben Aktivitäten oder Geräte über die Unfolded-Hardware, etwa per Sprachbefehl, anzusteuern.
Unfolded OS: Lokales und offenes Betriebssystem
Unfolded Circle setzt bei der Remote 3 auf ein offenes Betriebssystem. Sämtliche Aktionen laufen lokal auf dem Gerät, über die Fernbedienung sowie einer Webkonfiguration kann die Oberfläche angepasst sowie personalisiert werden. Der Web Konfigurator bietet eine Benutzeroberfläche zum Konfigurieren von Tasten, eine Unterstützung für mobile Geräte sowie Copy-Paste-Funktion.

Schön ist das Angebot von Nutzerprofilen, denn verschiedene Nutzer haben sicherlich auch persönliche Vorlieben, was die Steuerung angeht, als auch die Verwendung verschiedenster Geräte. Auch ein eingeschränkter Modus, etwa für Gäste, ist möglich. Einen Überblick über unterstützte Geräte findet ihr hier, wenngleich man stetig an neuen Integrationen und Weiterentwicklungen arbeitet.
Das Betriebssystem ist aufgeräumt, schlicht und lässt sich einfach konfigurieren. Von den zuvor eingerichteten Geräten müssen einzelne Entitäten noch zu einzelnen Räumen zugeordnet werden, durch die man dann per Remote durchblättern kann. Das ist auf den ersten Blick sicherlich nicht gerade selbsterklärend und bedarf einer entsprechenden Lernkurve.

Damit hat man aber auch nur eine Übersicht mit verschiedenen Geräten. Drückt man drauf, kann man diese (auch mit den physischen Tasten) entsprechend steuern. Man kann zudem auch direkt auf Apps beim Apple TV oder Android TV/Google TV zugreifen, sprich man muss nicht durch Menüs für die Netflix-App scrollen.

Schön gemacht ist die Medienanzeige mit Wiedergabeleiste und gar dem Cover. Schaut man sich bei Netflix etwa einen Film über den Apple TV an, so zeigt man Titel, Cover und die aktuelle Zeitmarke und verbleibende Restlaufzeit an. Was leider nicht geht: Das Auswählen von einer Playlist / Musiktiteln etc. für ein Sonos-System (oder vergleichbarem), um die Wiedergabe ohne Smartphone oder Sprachbefehl zu starten – der Rest geht dann nativ per Remote. Einzig Lautsprecher, deren Wiedergabe pausiert ist, können – aber dann eben ohne Auswahl der Musik – per Remote-only beschallt werden.

Hat man aber mehrere Geräte in einem Raum, die zusammenspielen (etwa TV, AVR, Apple TV), dann müsste man diese ohne weitere Konfiguration separat ansteuern. Die Einrichtung ist also nicht unbedingt trivial. Wer Geräte miteinander kombinieren möchte und auch einzelne Tasten des Fernbedienungs-Layouts zuweisen möchte der muss zu den Aktivitäten greifen.


Die Einrichtung ist hier recht anschaulich gemacht, es braucht aber bis man alles so personalisiert hat, wie man das gerne hätte. Auch Sensorwerte, etwa aus dem Home Assistant, kann man so auf dem Display einblenden. Auf Wunsch kann man bei einer aktiven Aktivität zudem verhindern, dass die Fernbedienung in den Ruhezustand wechselt. Beim Einrichten einer Aktivität richtet man zudem eine Sequenz zum Start sowie eine zum Beenden ein. So wird sichergestellt, dass ihr sämtliche eurer Geräte innerhalb der Aktivität entsprechend ein- und ausschalten könnt sowie in den gewünschten Ausgangszustand befördert.
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Innerhalb der Aktivitäten lassen sich auch Makros verwenden. Hierbei handelt es sich einfach um eine Sequenz zur Steuerung mehrerer Geräte auf Knopfdruck. Schade: Weder in den Aktivitäten, noch den Sequenzen kann man Apps auf Apple TV bzw. Google TV öffnen. Das hätte ich mir noch gewünscht – müsste man Stand jetzt wohl den Umweg über Home Assistant gehen.

Gerade wenn ihr die Remote in Verbindung mit Streaming-Geräten einsetzt, solltet ihr darauf achten, dass die Option aktiviert ist, dass die WLAN-Verbindung auch im Standby aufrecht erhalten wird. Auch dann hatte man leider nicht immer im Griff, dass die Verbindung zu den Geräten beim Aufwachen gewährleistet ist. Sprich: Fernbedienung in die Hand nehmen, das Display geht automatisch an – ihr könnt aber nicht immer direkt schalten und walten, was schon unglücklich ist und künftig hoffentlich weiter verbessert wird. Besonders unschön, wenn man ab und an dann auch wirklich die WLAN-Verbindung neu triggern muss, bevor man wieder arbeiten kann. Die Akkulaufzeit ist ohnehin nicht gerade üppig (logisch, so ein WLAN-Gerät verbraucht schon gut Energie), spielte für mich aber keine Rolle: Nicht in Benutzung packte ich die Fernbedienung stets ins Dock zurück, wo diese aufgeladen wird. (Es ist übrigens immer nur ein drahtloses Aufladen im Dock oder per Qi möglich, das Dock selbst ist somit nicht zwangsläufig notwendig). Ansonsten kann man bei aktiver WiFi-Verbindung den Prozenten beim Purzeln förmlich zuschauen.

Ausblick: Sprachassistenten – Home Assistant Voice & Co
Ich setze softwareseitig derzeit auf die Beta-Version (auch der Rest des Artikels ist Softwarestand Version 2.8.1), um den aktuellen Entwicklungsschritt sowie auch die neuesten Features der Unfolded Circle Remote am besten beurteilen zu können. Auch wenn Unfolded OS stabil und zuverlässig läuft, so wird es doch auch stetig weiterentwickelt und ist nicht „fertig“. Zugutehalten kann man, dass bereits eine deutsche Übersetzung vorhanden ist.
Im Rahmen der Beta lässt sich derzeit auch schon Home Assistant Voice, sprich wahlweise der lokale Sprachassistent aus Home Assistant anbinden. Die Anbindung war recht einfach. Sobald in Home Assistant das Modell des Sprachassistenten entsprechend konfiguriert ist, kann es auf der Fernbedienung hinterlegt und konfiguriert werden. Nach Drücken der Mikrofon-Taste kann man direkt drauf losplaudern. Die Fernbedienung dient nur als Mikrofon und der Rest der Funktionsweise liegt entsprechend bei Home Assistant. Meine ersten Gehversuche waren aber erstaunlich gut.
Zudem richtig gut gemacht: Im Rahmen von Aktivitäten kann ein anderer Sprachassistent, etwa ein Cloud-Modell oder eine andere Sprache, separat hinterlegt werden. Je nach Aktivität steht dann über den Knopfdruck ein anderer Assistent bereit.
Künftig soll auch Android TV unterstützt werden, dann wird man sicherlich auf den Google Assistant/ Gemini zurückgreifen können, das sind sicherlich Funktionen, weshalb viele Nutzer teils auf Herstellerfernbedienungen setzen. Solltet ihr im Standard einen Assistenten über Home Assistant nutzen könntet ihr in einer Aktivität dennoch auch die andere Integration nutzen. Schön wäre, wenn hier auch eine Siri-Integration gegeben wäre: Funktioniert ja recht ähnlich – Aqara macht es beispielsweise vor. Mit diesem Wunsch kam auch die Idee nach alternativer Hardware auf: einem Smart Home Panel für die Wand mit Unfolded OS. Gerade mit der Funktionalität als Home-Assistant-Satellit wäre das mit Wake-Word-Unterstützung und entsprechenden Anpassungen eine feine Sache.

Unterm Strich?
Die Unfolded Remote 3 ist eine Universalfernbedienung die in wirklich edler Hardware daherkommt. Softwareseitig ist das Ganze ausbaufähig (Und wird auch stetig weiterentwickelt. Ich bin gespannt, wohin die Reise da geht). Man kann derzeit nur in Verbindung mit Home Assistant das volle Potenzial ausschöpfen. Vor allem Home-Assistant-Nutzer, die ohnehin schon diverse Smart-Home- und Home-Entertainment-Produkte miteinander verzahnen dürften hier von der top Hardware profitieren. Die sind auch das Arbeiten mit Entitäten gewohnt, was den Einstieg erleichtert.
Zudem muss bei 399 Euro Stand-Alone bzw. 499 Euro mit Dock die Reibung zwischen Zeigefinger und Daumen stimmen. Das ist schon eine ordentliche Stange Geld. Das Dock braucht man wohl nicht zwangsläufig und man sollte sich überlegen, ob man die Fernbedienung nicht alternativ auflädt und man Infrarot-Geräte in Schränken ansteuern muss – ansonsten: Spart euch den Aufpreis, der Funktionsumfang der Remote ist ohne Dock nicht eingeschränkt. Stand jetzt schöpft das Dock sein volles Potenzial nämlich nicht aus. (Etwa wäre auch hier das integrierte Mikrofon etwas – gar mit Wakeword-Erkennung).
Vor allem für unbedarfte Nutzer würde ich mir sowohl einfachere Konfigurationsmöglichkeiten, mehr native Integrationen und auch Anbindungen an Alexa, Google Home und Co wünschen. Hier würde auch die Anbindung von Matter-Geräten bzw. an Matter-Plattformen gut ins Bild passen. Da stellt sich aber ohnehin die Frage, ob diese Nutzer nicht mit einer Fernbedienung und anderen Geräten per CEC schon ganz gut aufgestellt sind – Universalfernbedienungen braucht es heute nicht mehr zwingend.
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1 month ago
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