KI-generierte Grafik
Von der ukrainischen Vatag bis zu Chinas VU-T10 — KI, Hybridantriebe und Modularität treiben die Militarisierung des Bodens voran. Eine Einschätzung.
Nach den Drohnen am Himmel erobern Roboter nun auch den Boden. Die Ukraine stellte aktuell auf dem internationalen Rüstungs-Investitionsgipfel Brave1 Defense Tech Valley ihre Vatag vor, ein ferngesteuertes Kampffahrzeug mit 25-Millimeter-Kanone.
"Das Hauptziel war, Menschenleben zu schützen, indem wir gefährliche Aufgaben an Roboter übertragen", sagte Projektmanager Anatoly Nikitin gegenüber Defence Express. Die Vatag kann Funktionen von Schützenpanzern übernehmen – nur ohne Besatzung an Bord.
Die Ukraine ist nicht allein mit solchen Plänen. Von China bis Deutschland arbeiten Rüstungskonzerne an ähnlichen Systemen.
Der Krieg in der Ukraine treibt diese Entwicklung voran: Während Drohnen längst den Himmel beherrschen, erobern Roboter nun auch den Boden. Schwere Landdrohnen sollen künftig transportieren, kämpfen und aufklären – und dabei Soldaten aus der Schusslinie halten.
Was technisch möglich ist und wo die militärischen Prioritäten liegen, zeigt ein Blick auf die internationale Entwicklungslandschaft.
Die ukrainische Vatag im Detail
Die Vatag ist ein technisches Schwergewicht: Das Fahrzeug transportiert über zwei Tonnen Nutzlast und kann nach Angaben des ukrainischen Online-Mediums Mezha auf seinem 8×8-Fahrwerk bis zu 42 Kilometer pro Stunde im Gelände erreichen.
Ein Hybridantrieb mit großer Batterie sorgt für Ausdauer und ermöglicht einen nahezu geräuschlosen Elektromodus für verdeckte Operationen.
Die Bewaffnung kann variieren. Standardmäßig plant der Hersteller eine 25-Millimeter-M242-Bushmaster-Kanone – dieselbe, die auch im amerikanischen Bradley-Schützenpanzer verwendet wird. Alternativ lassen sich ein 12,7-Millimeter-Maschinengewehr oder ein Mk19-Granatwerfer installieren. Theoretisch könne die Plattform sogar eine komplette BM-21-Grad-Raketenartillerie tragen.
Für Logistikaufgaben verfügt die Vatag über ein automatisches Ladungssystem, das die komplette Ladung hydraulisch in unter 30 Sekunden ablasten kann. Das Fahrzeug navigiert autonom auch ohne GPS-Signal und kann Hindernisse umfahren oder im Konvoi fahren.
Gegen Beschuss schützt eine STANAG (Nato-Standard)-3-Panzerung, die einem 155-Millimeter-Granateneinschlag in 60 Metern Entfernung oder einem direkten Treffer mit 7,62-Millimeter-Munition standhält. Der Minenschutz entspricht STANAG-2-Standard und übersteht sechs Kilogramm Sprengstoff unter einem Rad.
Die Entwicklung stammt von einem internationalen Unternehmen mit elf Jahren Robotik-Erfahrung, dessen Name bislang nicht preisgegeben wurde. Die Firma verfüge bereits über die Produktionskapazitäten für eine Serienfertigung, heißt es.
Internationale Entwicklungslandschaft
Während die Ukraine ihre Vatag vorstellt, arbeiten Rüstungskonzerne weltweit an ähnlichen Konzepten. Die Bandbreite reicht von leichten Unterstützungsfahrzeugen bis zu schwer bewaffneten Kampfrobotern.
Das estnische Unternehmen Milrem Robotics präsentierte gleich mehrere Systeme: Die Themis-Drohne, bereits in der Ukraine im Einsatz, erhielt auf der DSEI 2025 in London eine Luftabwehr-Ausrüstung mit Stinger-Raketen.
Das größere Havoc-System wiegt 15 Tonnen, erreicht 110 Kilometer pro Stunde auf der Straße und verfügt über eine 30-Millimeter-Kanone von Kongsberg.
Mit 600 Kilometern Reichweite übertrifft es die ukrainische Konkurrenz deutlich. Die Type X bewirbt Milrem explizit als "Wingman" für Kampfpanzer – ein Konzept, das noch an traditionellen Panzerverbänden orientiert ist.
China stellte mit der VU-T10 von Norinco einen elf Tonnen schweren Kampfroboter vor, der neben einer 30-Millimeter-Kanone auch Red-Arrow-12-Panzerabwehrraketen tragen kann. Das elektrisch angetriebene Fahrzeug erreicht 60 Kilometer pro Stunde und soll sogar begrenzte Truppentransportkapazitäten bieten, wie International Defence Analysis berichtete.
Die Türkei setzt auf bewährte Technik: FNSS entwickelte mit der Shadow Rider einen automatisierten M113-Schützenpanzer. Das System durchlief bereits internationale Militärübungen und erreichte nach Angaben von European Security and Defence die Einsatzreife. Die modulare Plattform kann je nach Bedarf als Logistik-, Kampf- oder Sanitätsfahrzeug konfiguriert werden.
Deutschland und Israel gehen eigene Wege: Rheinmetall rüstete den bewährten Wiesel-Panzer mit einem Autonomie-System aus, das manuelle, ferngesteuerte und vollautonome Steuerung ermöglicht. Das Fahrzeug kann per Tablet programmiert werden und mit Javelin-Raketen bestückt werden.
Elbit Systems entwickelte mit dem "Robust" eine sechsrädrige Plattform mit 30-Millimeter-Kanone und dem Iron-Fist-Schutzsystem.
Beide Systeme wurden kürzlich bei den ersten britischen Tests schwerer Bodendrohnen in Bovington evaluiert, wie The Defense Post berichteten.
Technologische Trends
Bei aller Vielfalt der Ansätze zeigen sich gemeinsame Entwicklungsrichtungen. Der wichtigste Trend: Künstliche Intelligenz wird zum Herzstück moderner Bodendrohnen.
Die ukrainische Vatag navigiert autonom ohne GPS und umfährt Hindernisse selbstständig. Elbits Robust bietet zwei KI-Modi – einen "virtuellen Fahrer" mit visueller und thermischer Erkennung und einen "AI-Driving"-Modus für globale Routenplanung in Echtzeit.
Noch weiter geht die chinesische VU-T10, die nicht nur autonom fährt, sondern auch Kampfentscheidungen treffen soll. Die Systeme lernen aus Einsätzen: Milrems Havoc wurde nach Erfahrungen mit der Themis in der Ukraine entwickelt und kann bereits jetzt eigenständig Konvois folgen oder Patrouillen fahren.
Hybridantriebe setzen sich durch, kombinieren Reichweite mit Lautlosigkeit. Die Vatag kann im "Silent Mode" operieren, die Havoc erreicht 600 Kilometer Reichweite. Modularität bestimmt das Design – fast alle Hersteller setzen auf austauschbare Waffensysteme. Die türkische Shadow Rider verwandelt sich binnen Stunden vom Logistik- zum Kampffahrzeug.
Von kompakten Transportdrohnen bis zu schweren Kampfrobotern decken die Systeme verschiedene Gewichts- und Einsatzklassen ab. Doch alle verfolgen dasselbe KI-getriebene Ziel: vollautonome Systeme, die komplexe Missionen ohne menschliche Kontrolle ausführen können – und Soldaten dabei aus der Schusslinie halten.
Militärstrategische Einordnung
Die neuen Bodendrohnen verändern grundlegend, wie Armeen kämpfen. Die Systeme sollen klassische Aufgaben von Schützenpanzern und Transportern übernehmen – nur ohne Besatzung.
In der Ukraine werden bereits Themis-Drohnen für Verwundetentransport und Nachschub eingesetzt, während sich schwerere Systeme auf Kampfrollen vorbereiten.
Militärisch entstehen neue Einsatzkonzepte. Schwarmtaktiken gewinnen an Bedeutung: Mehrere autonome Fahrzeuge koordinieren sich selbstständig und können auch bei Kommunikationsausfall weiter operieren.
Das überwindet veraltete Denkweisen wie das "Wingman"-Konzept, das noch an traditionellen Panzerverbänden orientiert ist und hauptsächlich von Herstellern wie Milrem propagiert wird, an denen etablierte Rüstungskonzerne beteiligt sind, die ihre bestehenden Plattformen weiter vermarkten wollen.
Entscheidender Faktor wird der Preis. Angesichts allgegenwärtiger FPV-Kleinstdrohnen auf modernen Gefechtsfeldern müssen schwere Bodendrohnen als Wegwerfplattformen konzipiert werden – kostengünstig genug, um akzeptable Verluste zu verkraften. Parallel dazu erfordern die Systeme günstige Nahbereichs-Drohnenabwehr, um ihre Überlebensfähigkeit zu verbessern.
Wir stehen am Beginn eines weitgehend automatisierten Gefechtsfeld-Betriebs, bei dem die Schonung von Soldatenleben oberste Priorität hat. Die Entwicklung zeigt: Unbemannte Systeme werden nicht nur Hilfsmittel, sondern zum Rückgrat künftiger Armeen.
Wer diese Transformation verschläft, verliert den Anschluss an moderne Kriegsführung. Denn die Frage ist nicht mehr, ob Roboter das Schlachtfeld prägen – sondern wann.



