Ein Angriff auf Tschernobyls Nachbarstadt hat die Stromversorgung der Reaktorhülle des zerstörten Kraftwerks unterbrochen. Selenskyj spricht von einer globalen Bedrohung.
2. Oktober 2025, 1:03 Uhr Quelle: DIE ZEIT, AFP, dpa, jj
Im zerstörten Atomkraftwerk Tschernobyl wurde ukrainischen Angaben zufolge die Stromversorgung der Reaktorschutzhülle nach russischen Angriffen unterbrochen. "Aufgrund russischen Beschusses auf die Energieinfrastruktur in der Region Kyjiw ist es zu einer Notsituation in den Anlagen des Kernkraftwerks Tschernobyl gekommen", teilte das ukrainische Energieministerium im Onlinedienst Telegram mit. Die Schutzhülle des beschädigten vierten Reaktors habe seit dem Vorfall keinen Strom mehr, Spezialisten arbeiteten derzeit daran, die Versorgung wiederherzustellen. Die Hülle isoliert den vierten Reaktorblock des Kernkraftwerks und verhindert die Freisetzung radioaktiver Strahlung.
Die russische Regierung äußerte sich zunächst nicht zu dem Vorfall. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte nach dem Stromausfall, Russland sei eine Gefahr für die globale Sicherheit. "Jeder Tag, an dem Russland den Krieg verlängert, sich weigert, einen vollständigen und verlässlichen Waffenstillstand umzusetzen, und weiterhin alle Objekte unserer Energieinfrastruktur angreift – einschließlich derjenigen, die für die Sicherheit von Kernkraftwerken und anderen nuklearen Anlagen von entscheidender Bedeutung sind –, ist eine globale Bedrohung", schrieb Selenskyj auf Facebook.
Versorgung läuft laut IAEA per Generator
Laut dem ukrainischen Energieministerium traf der russische Angriff ein
Umspannwerk in der Stadt Slawutytsch etwa 50 Kilometer vom AKW
Tschernobyl entfernt. Auch in der Kleinstadt,
in der früher die Bedienungsmannschaften des Werks lebten, fiel der
Strom aus. Laut Selenskyj wurde die Stadt von mehr als 20 Drohnen getroffen. Für Versorgung der drei stillgelegten Reaktoren des Werks
sei nun auf eine andere Stromleitung umgeschaltet worden,
teilte die Internationale Atomenergiebehörden IAEA in Wien mit. Der
sogenannte Sarkophag um den vierten Block werde mit
zwei Dieselgeneratoren versorgt.
Im Atomkraftwerk Tschernobyl war am 26. April 1986 ein Reaktor explodiert. Der Vorfall gilt als weltweit größte Atomkatastrophe und verseuchte weite Teile der Ukraine, Russlands und von Belarus. Um einen weiteren Austritt von Strahlung zu verhindern, wurde im November 2016 eine von der internationalen Gemeinschaft finanzierte massive Metallkuppel über den Überresten des Reaktors errichtet.
Bereits im Februar war die Schutzhülle des Reaktors durch einen russischen Drohnenangriff beschädigt worden. Die Strahlenbelastung hatte sich damals den ukrainischen Behörden zufolge jedoch nicht erhöht.
Russische Truppen hatten in den ersten Tagen des Angriffskriegs auf die Ukraine im Februar 2022 das Gelände von Tschernobyl unter ihre Kontrolle gebracht, sich später aber von der Anlage wieder zurückgezogen. Das Atomkraftwerk Saporischschja im Süden der Ukraine ist hingegen seit März 2022 von russischen Soldaten besetzt. Russland und die Ukraine werfen sich seitdem regelmäßig vor, die Sicherheit der Anlage zu gefährden und das Risiko einer Nuklearkatastrophe zu erhöhen. Im Januar wurden in der südukrainischen Großstadt Saporischschja bei einem russischen Angriff 13 Menschen getötet und 63 verletzt. Die Stadt war mit zwei Gleitbomben angegriffen worden.



