Stand: 14.10.2026, 09:24 Uhr
Russische S-400-Rakete trifft Kiewer Wohnhaus, zwei Menschen sterben – ohne Vorwarnung. Was das über Trumps Rolle im Ukraine-Krieg verrät.
„Es war kurz nach 22 Uhr, als wir den Knall hörten. Dann sahen wir durch die Fenster die Feuerblitze.“ Liuba lebt mit ihrer vierjährigen Tochter Viola und ihrem Mann Maxim im Kiewer Stadtteil Petscherskyj. Fast jede Nacht erleben sie und ihre Angehörigen diese Szene. „Violas kleiner Rucksack steht immer bereit, und wir haben im Keller einen Schutzraum mit Betten und Matratzen eingerichtet, damit wir nicht in die U-Bahn hinuntergehen müssen.“
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Dieser Artikel von Marta Serafini entstand in Kooperation mit Corriere della Sera.
Vor zwei Nächten lief es jedoch anders. „Die Sirene ertönte nicht, und auf dem Handy kam keine Warnung an, wie es sonst üblich ist. Deshalb haben wir es nicht rechtzeitig in den Schutzraum geschafft.“ Liuba, Viola und Maxim blieben unverletzt. Ihr Wohnhaus wurde nicht getroffen. Doch wenige Kilometer entfernt stürzte im Stadtteil Darnyzkyj ein 25-stöckiges Gebäude ein, nachdem es von einer russischen S-400-Rakete getroffen worden war. Zwei Menschen starben. Nun denkt Liuba wie viele andere ukrainische Mütter darüber nach, die Hauptstadt vor dem Winter zu verlassen.

„Wir gehen zu meinen Schwiegereltern nach Lwiw (Lemberg, Anm. d. Red.).“ Natalia hingegen, Sekretärin einer italienischen Nichtregierungsorganisation, erklärt, sie könne und wolle nicht weggehen, obwohl sie um ihren sechsjährigen Sohn fürchte. „Ich lasse mir von Putin und Trump nicht sagen, was ich tun soll.“ Doch sie fügt hinzu: „Meine Nerven liegen blank. Inzwischen habe ich immer Xanax in der Tasche. Und das, obwohl der Krieg mittlerweile zur Routine geworden ist.“
Ungewissheit über amerikanische Geheimdienstinformationen
Wenige Stunden vor dem Angriff in der Nacht zum Dienstag hatte Serhij Beskrestnow, bekannt als Flash, Experte für Militärtechnologie und Berater der ukrainischen Präsidentschaft, Berichte über einen möglichen amerikanischen Stopp des Austauschs von Geheimdienstinformationen kommentiert. „Ein Teil dieser Informationen betrifft Starts ballistischer Raketen oder die Vorbereitungen dafür. Diese Daten dienen vor allem der Zivilbevölkerung, damit die Menschen Zeit haben, sich in Sicherheit zu bringen.“
Flash hatte sich dennoch optimistisch gezeigt: „Ich glaube nicht – ich will nicht glauben –, dass die Vereinigten Staaten uns ohne diese Informationen lassen werden.“ Ein Rückblick auf die ersten Tage im März 2025: Damals drohte Donald Trump nach dem Streit mit Wolodymyr Selenskyj im Oval Office mit genau derselben Maßnahme. Die Zusammenarbeit wurde nach zehn Tagen wieder aufgenommen, nachdem sich die Ukraine dem amerikanischen Vorschlag einer 30-tägigen Waffenruhe gegenüber offen gezeigt hatte. Doch es ist nicht gesagt, dass es immer genauso läuft.
Zumindest können Liuba und Natasha das nicht wissen. Nach dem Bombenangriff in der Nacht zum Dienstag kontaktierte die ukrainische Militärführung ihre amerikanischen Amtskollegen. Laut einem hochrangigen Beamten, den der Kyiv Independent zitierte, sollen die Vereinigten Staaten geantwortet haben, der Informationsaustausch sei nicht unterbrochen, man habe den Start aber nicht erkannt. S-400-Raketen wurden als Boden-Luft-Raketen entwickelt, doch Russland setzt sie auch gegen Bodenziele ein. In dieser Konfiguration können Start und Flugbahn schwerer zu erkennen sein als bei einer herkömmlichen ballistischen Rakete.
Angst vor einem Krieg ohne rechtzeitige Warnung
„Aber das ist eine schwache Ausrede“, sagte der Beamte. Dieselbe Quelle vermutete, der Vorfall könnte „ein Test“ gewesen sein, um die ukrainische Reaktion zu prüfen und Druck auf die Regierung auszuüben, damit sie einer einseitigen Waffenruhe zustimmt. Laut Politico führten die Vereinigten Staaten schließlich schlechtes Wetter als Vorwand an.
Obwohl andere Verbündete wie Frankreich und Deutschland Kiew mit Geheimdienstinformationen unterstützen, verfügen nur die Vereinigten Staaten über das Space-Based Infrared System. Dieses Satellitennetz ist mit Infrarotsensoren ausgestattet, die die Wärme der Triebwerke in der Anfangsphase des Starts erkennen. Es kann die Warnmeldung rasch an die Kommandostellen und die Luftabwehr übermitteln. Deshalb haben Liuba und Natalia heute mehr Angst als gestern.
Angst davor, dass ihre Kinder in einem Mechanismus zermalmt werden, der dank Satelliten, Drohnen und Technologie funktioniert. Der sich aber auch aus einer uralten Raserei speist: jener der Barbaren, die versuchen, den Feind mit dem Recht des Stärkeren zu brechen. Und die sich, um das zu erreichen, von einem noch stärkeren Tyrannen helfen lassen.



