Stand: 16.06.2026, 16:24 Uhr
Von: Stefan Brändle

Beim G7-Gipfel in Evian distanzierte sich US-Präsident Donald Trump demonstrativ vom ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj.
Es wäre zu schön gewesen. Nach dem Rahmenabkommen mit dem Iran eine Kontaktaufnahme zwischen Russland und Ukraine? Zu dem Zweck hatte Emmanuel Macron als Gastgeber des G7-Gipfels auch den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj nach Evian-les-Bains eingeladen.
Am Dienstagmorgen geleitete er den Spezialgast aus Kiew persönlich in die Sitzung der höchsten Vertreter:innen der sieben großen Industrienationen, USA, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Kanada und Japan.
Die Stimmung war gelöst, Grußworte wechselten sich mit Umarmungen ab, Scherze mit Fußballprognosen. Nur zwei der Anwesenden fanden nicht zueinander: US-Präsident Donald Trump machte keine Anstalten, Selenskyj auch nur zu grüßen. Es war unübersehbar: Der 80-jährige Amerikaner zeigte dem höflich im Hintergrund bleibenden Ukrainer ausschließlich die kalte Schulter. Auch Macron, der Trump an dem runden Tisch zu seiner Rechten platziert hatte, Selenskyj zu seiner Linken, schien in diesem Moment erstmal am Ende mit seinem diplomatischen Latein.
Trump zwischen Russland und der Ukraine: „Selenskyj kann immer nach Moskau kommen“
Denn mit diesem Verhalten machte Trump eigentlich alles klar: Die Ukraine kann nicht stärker auf die USA zählen. Trump hatte zwar am Montag noch mit Selenskyj telefoniert. Der Ukrainer schlug ein persönliches Treffen mit dem russischen Präsidenten und Kriegsführer Wladimir Putin vor. Und zwar „in einem Format, das es Putin deutlich schwerer machen würde, abzulehnen“, sagte der Ukrainer dem Vernehmen nach. Trump, der auch mit Putin telefoniert hatte, bezeichnete die Gespräche als „sehr gut“ und fügte hinzu, die beiden Krieg führenden Staatschefs seien „offen“ – für was? „Russland sollte einen Deal eingehen“, sagte Trump weiter. „Ich habe acht Kriege gelöst, und dieser schien mir am einfachsten zu regeln zu sein.“
So kann man sich täuschen. Trump wollte einmal mehr die Realität – das heißt die harte Linie des Kreml-Herrschers – nicht wahrhaben. Er bedauerte, dass in dem Krieg jeden Monat 25.000 Soldaten ums Leben kämen – doch er will die Schuld dafür partout nicht bei Putin sehen. Dessen Sprecher bestätigte am Dienstag, es gebe keine offiziellen Kontakte zwischen Russland und der Ukraine. Um herablassend anzufügen: „Selenskyj kann immer nach Moskau kommen, wenn er verantwortungsvoll und ernsthaft verhandeln will.“ Dass Putin weder verantwortungsvoll noch ernsthaft verhandeln will, hatte er zur Genüge bewiesen.
Selenskyj erklärte deshalb in Evian: „Russland muss gezwungen werden, den Krieg gegen unser Volk zu beenden.“ Nach dem russischen Raketenangriff auf die Kathedrale beim berühmten Höhlenkloster in Kiew attackierte die ukrainische Luftwaffe mit Drohnen russische Ölraffinerien. Der Moskauer Bürgermeister Sergej Sobjanin behauptete, sein Land habe 60 ukrainische Drohnen abgeschossen. Selenski publizierte dagegen ein Video von einer brennenden Ölraffinerie.
G7-Staaten verständigen sich wohl auf Sanktionen gegen Russland
Die Enttäuschung der Europäer formulierte ein Sprecher von Bundeskanzler Friedrich Merz, als er erklärte, die Dynamik auf dem Schlachtfeld habe sich geändert, seitdem die Ukraine eine „Position der Stärke“ gewonnen habe. „Erstmals kann sich hier langsam ein Fenster für die Diplomatie öffnen“, hatte Merz vor seinem Abflug nach Evian erklärt.
Meloni
Nach den jüngsten Spannungen zwischen Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni und US-Präsident Donald Trump haben sich beide in Evian um Beschwichtigung bemüht, wenn sie auch offenbar nicht über spezifische Streitpunkte miteinander gesprochen haben.
Das Verhältnis zwischen den beiden hatte gelitten, als Meloni sich Trumps Kritik an Papst Leo XIV. verbat. Meloni galt lange als Europas Brückenbauerin zu Trumps USA, besteht aber inzwischen auf der „Einheit des Westens“, was „in dieser Zeit großer internationaler Krisen absolut notwendig“ sei. dpa
Auch dieses Fenster blieb aber in Evian geschlossen. Nach intensiven Verhandlungen unter Führung von Gastgeber Macron scheinen sich die G7-Staaten am Dienstag auf neue Sanktionen gegen Russland verständigt zu haben. Wie aus französischen Regierungskreisen verlautete, sollen die Sanktionen vor allem die Bereiche Öl und Gas treffen. Ob die USA, die im März zuvor gelockerte Sanktionen neu eingerichtet hatten, bei dem neuen Dreh an der Sanktionenschraube mitmachen, wurde vorerst nicht bestätigt.
Der britische Premier Keira Starmer versuchte dagegen selber, den Druck auf den Kreml zu erhöhen. Seine Regierung kündigte neue Sanktionen gegen 70 Adressaten an, darunter auch Organisatoren der russischen Schattenflotte. Einen dieser Tanker hatten die britischen Truppen am Sonntag im Ärmelkanal aufgebracht. Starmer kündigte zudem an, sein Land werde angereichertes Uran an die Ukraine liefern, um deren Atomkraftwerke zu unterhalten.



