Taiwan-Konflikt bedroht Chipversorgung

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Es war ein bedrohliches Schauspiel, das die chinesische Volksbefreiungsarmee kurz vor dem Jahreswechsel rund um die Insel Taiwan aufführte. Dutzende Kriegsschiffe, Kampfflugzeuge und Truppen des Heeres probten in der „Mission Gerechtigkeit“ ein Manöver, das verheerende Folgen für die Weltwirtschaft haben könnte: die Blockade der Luft- und Seewege rund um Taiwan. Die Führung in Peking betrachtet die autonom und demokratisch regierte Insel vor der Ostküste Chinas als Teil ihres Territoriums. Und sie wirkt zunehmend entschlossen, diesen Anspruch militärisch durchzusetzen.

In Unternehmen rund um den Globus verfolgt man den sich zuspitzenden Konflikt mit Sorge. „Taiwan spielt eine Schlüsselrolle in globalen Wertschöpfungsketten, insbesondere in den Bereichen Halbleiter, Elektronik, Maschinen, Präzisionsfertigung, Chemikalien und fortschrittliche Materialien“, sagt Volker Treier, Außenwirtschaftschef der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK).

Rund 90 Prozent der besonders leistungsfähigen Chips, die etwa für Künstliche Intelligenz gebraucht werden, werden auf dem Eiland produziert, vor allem in den Hochleistungsfabriken der Taiwan Semiconductor Manufacturing Company (TSMC). Zu den Kunden zählen Nvidia, Apple, Microsoft und der Google-Konzern Alphabet. Nimmt man weniger leistungsstarke Chips hinzu, die in Autos, Waschmaschinen und anderen Geräten verbaut werden, kommt Taiwan je nach Abgrenzung auf einen Weltmarktanteil von bis zu 50 Prozent.

Globale Lieferketten wären „sehr schnell“ betroffen

„Wenn die Lage hier eskaliert, würden die globalen Lieferketten sehr schnell davon betroffen sein und die Weltwirtschaft ausbremsen“, sagt Jürgen Maurer, der die Außenwirtschaftsförderung des Bundes, Germany Trade & Invest, in Taiwans Hauptstadt Taipeh leitet. „Ohne Halbleiter funktioniert kaum etwas, und die rasante Entwicklung im Bereich KI in westlichen Industrieländern wäre ohne Taiwans Zulieferung von Hochleistungschips gegenwärtig nicht vorstellbar.“

Mit hohen Förderzusagen haben die Vereinigten Staaten, Japan und Deutschland zwar dafür gesorgt, dass TSMC neue Werke in ihren Ländern baut. Doch es dürfte noch dauern, bis diese Produktionsstätten die Abhängigkeit der westlichen Welt von den Chips aus Taiwan spürbar verringern. In Dresden will TSMC gemeinsam mit Bosch, Infineon und NXP 2027 mit der Halbleiterherstellung beginnen.

Der Krieg in der Ukraine, die teils feindselige Haltung der USA gegenüber Europa, die Unsicherheit, was Donald Trump in Südamerika und Grönland noch vorhat: Angesichts der ohnehin schon vielen Krisenherde auf der Welt wäre eine Eskalation im Fernen Osten das Letzte, was die seit 2020 in der Krise steckende deutsche Wirtschaft jetzt gebrauchen kann. „Die neue weltpolitische Lage führt zum Verlust verlässlicher Partner und trifft uns als deutsche Industrie- und Exportnation ins Mark“, sagt Wolfgang Niedermark, Mitglied der Hauptgeschäftsführung im Bundesverband der deutschen Industrie (BDI). Statt einer „halbwegs regelbasierten Außenpolitik“ gehe der Trend zu „reiner Machtpolitik“.

Eine Blockade könnte Taiwans Wirtschaft lahmlegen

Chinas Staatspräsident Xi Jinping strebt schon seit Langem die „Wiedervereinigung“ Taiwans mit dem Festland an. Historisch ist das mindestens umstritten, weil Taiwan, das offiziell Republik China heißt, nie Teil der 1949 gegründeten kommunistischen Volksrepublik war. Dennoch droht Peking immer wieder auch mit einer militärischen Einnahme. Da dabei viele der wichtigen Produktionsanlagen für Hochtechnologie kaputtgehen oder von den Unternehmen unbrauchbar gemacht werden könnten, gilt die im jüngsten Manöver geprobte Blockade der Insel als mögliche Alternative.

Eine Blockade der nur 100 Kilometer breiten Meerenge zwischen Taiwan und dem chinesischen Festland könnte die Wirtschaft Taiwans innerhalb kurzer Zeit lahmlegen. Die Insel ist von Rohstoff­importen abhängig. Das Land könnte schon nach zwei bis drei Wochen ohne Strom dastehen.

Auch der Welthandel würde ausgebremst. Japan und Südkorea erhalten einen Großteil ihrer Energie und Rohstoffe auf dem Seeweg durch die Taiwanstraße. Und sie exportieren ihre Autos, Maschinen und Elektrogeräte über diese Route. Auch von Chinas größten Häfen Shanghai und Ningbo aus fahren die meisten Schiffe erst einmal durch diese Passage. Das Ifo-Institut schätzt den Anteil der deutschen Importe, die die Taiwanstraße passieren, auf sieben Prozent. Eine Umfahrung von Taiwan auf der Pazifikseite ist zwar möglich. Sie dauert aber länger, und dort ist die See deutlich rauer als entlang der Festlandküsten.

KI-Boom schiebt Wirtschaft an

Unabhängig von der Bedrohung durch China entwickelt sich die taiwanische Wirtschaft vor allem aufgrund des KI-Booms prächtig. Das nationale Statistikamt prognostiziert für 2025 eine Zunahme des realen Bruttoinlandsprodukts um 7,3 Prozent. Für 2026 liegen die Prognosen zwischen 2,5 und 4,5 Prozent. Nicht zuletzt wegen der Spannungen mit China haben viele taiwanische Unternehmen zuletzt Produktionsanlagen vom Festland zurück in die Heimat verlegt.

Auch für viele deutsche Konzerne wiegt Taiwans führende Stellung in der Halbleiterproduktion schwerer als die Bedrohung durch China. Rund 300 deutsche Unternehmen sind laut DIHK im Land aktiv. Der Dax-Konzern Merck aus Darmstadt hat gerade eine 500 Millionen Euro teure Fabrik für die Massenfertigung von Chemikalien für die Chipproduktion gebaut. „Mit dieser Investition festigen wir unsere Position in einem der strategisch wichtigsten Halbleiterökosysteme der Welt“, sagte der designierte Vorstandsvorsitzende von Merck, Kai Beckmann, anlässlich der feierlichen Eröffnung im Dezember. BASF hat im Juli seinen Geschäftsbereich Elec­tronic Materials in Taipeh angesiedelt und will auf diese Weise „von Taiwans herausragender Rolle als weltweiter Hotspot für Halbleiterinnovation und -fertigung profitieren“. SAP und Infineon haben zuletzt neue Forschungseinrichtungen für KI-Innovationen aufgebaut.

„Alle Unternehmen haben hier natürlich Notfallpläne“

„Alle Unternehmen haben hier natürlich Notfallpläne, die auch für den Fall von Erdbeben oder Taifunen gedacht sind“, berichtet Eva Langerbeck, die die Auslandshandelskammer in Taiwan leitet. „Sie regeln, was zu tun ist, wenn die Mitarbeiter nicht ins Büro kommen können, wenn es keine Kommunikationsmöglichkeiten oder auch kein Bargeld gibt.“

Eine Eskalation der Beziehungen zwischen China und Taiwan sahen die Unternehmen laut einer Umfrage der AHK im Sommer 2025 aber nicht als große Gefahr. Die Sorge um das Weltwirtschaftswachstum oder die Auswirkungen der US-Zölle wurde damals weit häufiger genannt. Auch nach dem jüngsten chinesischen Manöver sehen weder Langerbeck noch Außenwirtschaftsförderer Maurer eine Eintrübung der Stimmung in Taiwan. „Die ständige Bedrohung besteht seit 1949“, sagt Maurer. „Die Unternehmen haben sich damit arrangiert.“

In Berlin drängen sowohl die Politik als auch die Verbände indes darauf, die Abhängigkeiten zu senken. „Nicht nur mit Blick auf Taiwan gilt es für die deutsche und europäische Wirtschaft, Lieferketten zu stärken und zu diversifizieren“, sagt DIHK-Außenwirtschaftschef Treier. „Südkorea, Japan, aber auch neue Partner wie Malaysia verfügen über starke Halbleiterökosysteme.“ Viele Unternehmen setzten bereits auf mehrere Lieferanten und bauten Lager auf. Von der EU fordert Treier neue Handelsabkommen, etwa mit Indien und den südostasiatischen ASEAN-Staaten.

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