Stand: 19.06.2026, 13:14 Uhr
Von: Felix Busjaeger
Mit einer Vielzahl an Drohnen hat die Ukraine im Krieg Russlands Wirtschaft angegriffen. Eine große Anlage in Moskau stand zuletzt in Flammen. Kommt nun Putins Rache?
Moskau/Kiew – Es waren Bilder, die womöglich die Menschen in Russland aufrütteln könnten: Mit einem Großaufgebot hat Kiew im Ukraine-Krieg Russlands Wirtschaft attackiert und eine wichtige Ölraffinerie im Umland von Moskau schwerbeschädigt. In sozialen Netzwerken kursieren Bilder und Videos, die mehrere Feuer in der Anlage zeigen. Und auch von offizieller Seite wurde eingeräumt, dass es der Ukraine gelungen war, Ziele in Russland zu treffen. Am Tag nach der Moskau-Offensive wächst nun die Sorge vor einer weiteren Eskalation in dem Konflikt.

Präsident Wolodymyr Selenskyj warnte vor einer möglichen Verschärfung der russischen Angriffe als Reaktion auf die jüngsten Attacken gegen Russlands Wirtschaft. „Putin wird schwächer. Er verliert politisch, militärisch und physisch an Kraft. Deshalb könnte er die Angriffe gegen uns, gegen unser Volk, mit Raketen und Drohnen verstärken“, sagte er gegenüber Journalisten. „Putin will, dass hier alles brennt, und er ist rücksichtslos – das spüren die Partner. Die Ukraine ist trotz allem zu Verhandlungen mit ihm bereit.“
Putins Ukraine-Krieg „historischer Fehler“? Angriffe auf Russlands Wirtschaft zeigen dramatische Folgen
Bereits kurz nach den Angriffen auf Russlands Wirtschaft hatte der russische Außenminister Sergej Lawrow mögliche Vergeltungsschläge angekündigt. Der Vertraute von Wladimir Putin sprach von „massiven Angriffen“ gegen die Ukraine. Am Freitagmorgen meldeten ukrainische Nachrichtenagenturen etwa 90 Drohnen, die durch die russischen Truppen bei den jüngsten Attacken eingesetzt wurden. In mehreren Regionen kam es zu Stromausfällen, wie der Netzbetreiber Ukrenergo mitteilte. Ob dies bereits Teil der angekündigten Rache ist, ist fraglich.
In der Vergangenheit hatte der Kreml Angriffe auf Russlands Wirtschaft mitunter mit einem Großaufgebot an Drohnen und Raketen beantwortet, die etwa auf Kiew zielten. Da die Ölraffinerie im Stadtbezirk Kapotnja im Südosten Moskau zu den wichtigsten Verarbeitungsanlagen des Landes gehört, hatte der jüngste Drohnenangriff für viel Aufmerksamkeit gesorgt. Die Raffinerie wurde nun bereits zum dritten Mal Ziel ukrainischer Angriffe. Erst vor wenigen Tagen kam es zu einer kleineren Attacke. Es gab Berichte, wonach es über der russischen Hauptstadt Öl regnen würde. Offizielle Stellen sprachen hingegen von Ruß, der vom Himmel fallen würde.
„Putin hat sich mit dem Angriff auf die Ukraine nicht nur verkalkuliert. Er hat einen historischen Fehler begangen“, schrieb der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha im Kontext der Attacken auf Russlands Wirtschaft im Ukraine-Krieg. „Mit jedem Monat, in dem er sich weigert, dies anzuerkennen und den Krieg zu beenden, wird sich die Lage für ihn und sein Regime nur noch verschlimmern.“
Lage im Ukraine-Krieg: Russlands Wirtschaft schwächelt
Der Angriff bei Moskau markiert einen weiteren Höhepunkt im Rahmen der ukrainischen Strategie, systematisch Russlands Wirtschaft auszubremsen. Quasi täglich gelingt es den Einheiten von Selenskyj, mittels Drohnen Öldepots, Raffinerien oder andere Infrastruktur zu treffen. Für Putin kommen die Angriffe zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Wie die FAZ vor wenigen Tagen schrieb, befindet sich Russlands Wirtschaft infolge der Kriegswirtschaft in einer „explosiven Lage“. Als Folge der Angriffe hat sich in Russland inzwischen der Treibstoffmangel verschärft. Laut der unabhängigen Rechercheplattform Agentstwo ist an jeder vierten Tankstelle in dem Land der Verkauf von Kraftstoffen eingeschränkt worden. Etwa 7000 Stationen hätten entsprechende Limits verhängt.
Zusätzlich verschärft sich die Lage durch westliche Sanktionen. Inzwischen scheint die Stimmung in Russland umzuschlagen und Putins Rückhalt zu schwinden. Wie die Tagesschau schreibt, veröffentlichen inzwischen auch regierungsnahe und staatliche Meinungsforschungsinstitute Umfragen, die die sinkende Zustimmung für die Arbeit des Präsidenten zeigen. Ferner liefern Videos von wütenden und frustrierten Russinnen und Russen Eindrücke, die auf eine veränderte Stimmung hindeuten könnten. Besonders im Fokus: steigende Kosten im täglichen Leben.
Russlands Finanzwesen erwartet dieses Jahr zwar weiterhin ein geringes Wirtschaftswachstum, die Zentralbank senkte in den vergangenen Monaten wiederholt den Leitzins. Doch der Rettungsversuch wird inzwischen in verschiedensten Kreisen kritisch gesehen. So nannte der Vorsitzende der kommunistischen Partei KPRF das Vorgehen ruinös.
Treibstoffmangel in Russland: Wirtschaft ist wegen Ukraine-Angriffen auf Importe angewiesen
Um die Auswirkungen durch die Angriffe auf Russlands Wirtschaft abzudämpfen und den Treibstoffmangel im Land zu bekämpfen, bereitet sich das Land nach Berichten der Kyiv Post darauf vor, noch in diesem Monat Benzin auf dem Seeweg zu importieren. Dieser Schritt sei demnach direkt auf die ukrainischen Drohnenangriffe zurückzuführen. Der Schritt wird als ungewöhnlich eingestuft. Russland hatte sich für zusätzliche Treibstoffimporte auch an Belarus gewandt und zuvor Lieferungen aus Kasachstan geprüft, doch beiden Ländern fehlen angeblich die freien Kapazitäten, um den Engpass nennenswert auszugleichen. (Quellen: Ukrainska Pravda, Kyiv Post, Tagesschau, dpa, FAZ, Agentstwo) (fbu)



