Schneider setzt auf Verbrenner-Aus 2035

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 Im Kabinett Merz ist Carsten Schneider (SPD) als Minister zuständig für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit.

Im Kabinett Merz ist Carsten Schneider (SPD) als Minister zuständig für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © Marzena Skubatz für DIE ZEIT

Als Umweltminister will Carsten Schneider die Energiewende entpolarisieren. Bürger überzeuge man mit finanziellen Anreizen, statt mit dem erhobenen Zeigefinger.

6. Oktober 2025, 9:32 Uhr

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Der SPD-Politiker Carsten Schneider ist seit Anfang Mai Bundesminister für Umwelt und Klima. In der Ampelregierung war der gebürtige Erfurter zuvor vier Jahre lang Ostbeauftragter der Bundesregierung. Große Erfahrung in Klima- und Umweltfragen bringt Schneider nicht mit, dafür aber – als gelernter Bankkaufmann und haushaltspolitischer SPD-Experte – Expertise in Finanzfragen. 

DIE ZEIT: Herr Schneider, am kommenden Donnerstag lädt der Kanzler zum Autogipfel, passend dazu versuchen er und die Union, das Aus vom Verbrenner-Aus voranzutreiben. Fühlen Sie sich als Klimaschutzminister in dieser Regierung auf verlorenem Posten? 

Carsten Schneider: Nee, gar nicht. Ich bin gerne Umweltminister, arbeite in dieser Regierung für einen pragmatischen Interessenausgleich zwischen Ökonomie und Ökologie. Und da liegt mein Ressort genau auf der Schnittstelle. Um es mal deutlich zu sagen: Die deutsche Wachstumsschwäche – auch in der Autoindustrie – wurde nicht durch zu viel Klimaschutz verursacht. Im Gegenteil: E-Mobilität ist die Zukunft, und daran orientiert sich auch die Industrie. Um diesen Wandel zu schaffen, braucht es bei den gesetzlichen Rahmenbedingungen Planungssicherheit und Verlässlichkeit.   

ZEIT: Das sehen aber nicht alle in Ihrer Partei so. Auch die SPD hadert mit dem Verbrenner-Aus. Warum fällt das so schwer?  

Schneider: Es gibt eine gesellschaftliche Diskussion, und die SPD bildet das als Volkspartei ab. Wir arbeiten daran, sowohl eine Perspektive für gute Arbeitsplätze zu schaffen, als auch das Klima weiter zu schützen. Das traue ich uns zu. 

ZEIT: Aber Sie entscheiden ja nicht allein. Und der Streit ist groß. 

Schneider: Nehmen Sie die IAA, die große Automesse Deutschlands, die kürzlich in München stattfand. Da konnte man doch sehen: Es gibt schon jetzt hervorragende Elektromodelle. Das sind richtig geile Autos! Das stand aber leider nicht im Mittelpunkt. 

ZEIT: Sondern was?

Schneider: Ein großes wirtschaftspolitisches Eigentor. 

ZEIT: Welches war das?

Schneider: Diese Forderungen nach einem Aus vom sogenannten Verbrenner-Aus haben leider die gesamte IAA überschattet. 

ZEIT: Das hatte unter anderem Bayerns Ministerpräsident Markus Söder ins Spiel gebracht. 

Schneider: Zum ganzen Bild gehört doch: Auch die Automobilwirtschaft ist in der Frage gespalten. Viele Zulieferbetriebe sind unter Druck, aber das hat unterschiedlichste Gründe, von der Nachfrageschwäche in Europa über die chinesische Konkurrenz bis hin zu Trumps Zollpolitik. Auf der anderen Seite haben sich viele Unternehmen auf die neuen Spielregeln für das Klima längst eingestellt, auch die verdienen Vertrauensschutz. Planungssicherheit ist entscheidend für erfolgreiches Wirtschaften. Darum sind wir auch ökonomisch gut beraten, den eingeschlagenen Weg jetzt fortzusetzen. 

Carsten Schneider ist begeistert von den neuen E-Auto-Modellen, die zurzeit auf den Markt kommen. "Das sind richtig geile Autos!" © Marzena Skubatz für DIE ZEIT

ZEIT: Also soll es Ihrer Ansicht nach beim Jahr 2035 als Aus für den Verbrenner bleiben?

Schneider: Ja, unbedingt. Und das sind noch zehn Jahre Zeit – das traue ich unseren Ingenieuren auch zu. Ab 2035 gilt dann: Neuwagen in der EU stoßen kein CO₂ mehr aus, oder die Hersteller zahlen eben Strafen. So ist die aktuelle Rechtslage. Viele Bürgerinnen und Bürger denken ja, sie dürften dann ihr Auto nicht mehr weiterfahren. Das ist natürlich Quatsch. Es geht doch nur um Neuzulassungen. Und ich bin mir ganz sicher, dass die Welt 2035 ganz anders aussehen wird als heute, allein wegen der großen technologischen Fortschritte. 

ZEIT: Olaf Lies, Ministerpräsident des VW-Lands Niedersachsen, hält das Ziel für unrealistisch, im Jahr 2035 ausschließlich reine E-Autos zu verkaufen. Und selbst die Grünen zeigen sich für Kompromisse offen. 

Schneider: Das könnte damit zu tun haben, dass in Baden-Württemberg im März 2026 Landtagswahlen sind.  

ZEIT: Und was ist mit dem SPD-Ministerpräsidenten aus Niedersachsen?  

Schneider: Die Autoindustrie ist für sein Bundesland eine sehr wichtige Branche. Und Olaf Lies steht wie die ganze SPD zum Klimaziel, auch im Verkehr. Ihm geht es um mehr Flexibilität auf dem Weg dorthin. 

ZEIT: Auf dem Spiel stehen gleichzeitig viele Zehntausende Arbeitsplätze.

Schneider: Und für die wollen wir Perspektiven aufzeigen. Die Frage ist nur, wie das langfristig gelingt. Darüber haben wir auf unserer Kabinettsklausur auch mit dem Ökonomen Markus Brunnermeier diskutiert. Er plädiert in Transformationsprozessen für Innovationen, Offensive und klare Disruption. Das sei besser als Abwehr und Aufschieben, wenn bekannte Produkte verschwinden. 

ZEIT: Aber was bedeutet hier Disruption? Dass man akzeptiert, dass unterm Strich die Jobs verloren gehen?

Schneider: Um den Audi-Chef zu zitieren: Auch abgesehen vom Klimaschutz ist das Elektroauto einfach die bessere Technologie. Sie wird sich langfristig durchsetzen. Also muss man doch dafür sorgen, dass die europäische Automobilwirtschaft in den neuen Märkten stark wird und möglichst viele gute Jobs bei uns schafft.  

ZEIT: Diese Bundesregierung ist vor allem mit einem Motto angetreten: Die Wirtschaftswende zu schaffen. Klimaschutz und Umweltschutz werden da oft als hinderlich angesehen, weil sie viel kosten und aufwendig sind. Stimmt doch, oder?  

Schneider: Ich mache mir die Grundannahme schon nicht zu eigen.   

ZEIT: Dass diese Regierung mit dem Ziel einer Wirtschaftswende an den Start gegangen ist?   

Schneider: Dass der Klimaschutz die Ursache für die Wirtschaftsschwäche der vergangenen vier, fünf Jahre ist. Die Gründe sind vielfältig: die Exportschwäche, die US-Zölle, China … 

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