Schluss mit Verkehrssünden – brauchen wir die griechische Lösung?

1 week ago 5

03. Januar 2026 Wassilis Aswestopoulos

Verbotsschild mit

KI-Kameras erfassen in Athen täglich Tausende Verstöße – Bußgelder im fünfstelligen Bereich sind bei einer Fahrt möglich.

Vor wenigen Jahren noch wurde in Griechenland eine rote Ampel als „freundliche Empfehlung“ abgetan. Wer beim Feiern auf den Alkohol verzichtete, weil eine Autofahrt anstand, konnte sich früher Sprüche, "was bist Du für ein Mann?" respektive "was bist Du für eine altmodische unterdrückte Frau" anhören.

Ebenso wie Feiern ohne Alkohol als unmöglich angesehen wurde, wurde das Tempolimit nur eingehalten, wenn das Gaspedal defekt war.

Als Resultat der fehlenden Verkehrsmoral landete Griechenland bei den Statistiken der Todesfälle im Straßenverkehr stets auf vorderen Plätzen.

Die künstliche Intelligenz und ein im nun endenden Jahr verabschiedeter strenger Bußgeldkatalog scheinen dies nachhaltig zu ändern.

Auf Nebenstraßen in geschlossenen Ortschaften gilt jetzt Tempo 30. Dass gleichzeitig über eine Anhebung des Tempolimits auf Autobahnen von maximal 130 km/h heute auf 150 km/h diskutiert wird, gehört zu den interessanten Details des öffentlichen Diskurses in Griechenland.

Griechenlands neue Verkehrsregeln: Strenge Strafen für Alltagsverstöße

Um der hohen Zahl von Unfällen und den hohen Opferzahlen entgegenzuwirken, wurde die griechische Straßenverkehrsordnung erheblich verschärft. Sie sind – übrigens auch für Touristen – erheblich strenger als in Deutschland. Bekamen Touristen bei Führerscheinentzug früher ihre Fahrerlaubnis bei der Ausreise zurück, verbleibt sie jetzt für die Dauer der Sperre im Land.

Bei einem Verstoß gegen das Rechtsfahrgebot muss man in Deutschland je nach Gefährdung gemäß § 2 Abs. 2 StVO mit einem Bußgeld von 80 bis 100 Euro rechnen. Zusätzlich ist ein Punkt im Verkehrssünderregister in Flensburg fällig.

In Griechenland kostet der gleiche Verstoß 150 Euro und bringt gleichzeitig ein Fahrverbot für 20 Tage ein.

Null Toleranz bei aggressivem Verhalten im Straßenverkehr

Mit der neuen griechischen StVO wird zudem jeder bestraft, der sich gegenüber anderen Verkehrsteilnehmern aggressiv verhält. Wer absichtlich zu nah an ein Fahrzeug eines ihn provozierenden Fahrers auffährt oder wer unnötig hupt, weil er zum Beispiel jemanden als lästig empfindet, handelt strafbar.

Die Höhe der Geldbuße richtet sich nach der Schwere des Verstoßes. Es ist eine Sache, jemanden zu beschimpfen oder ihm eine Geste zu machen, und eine ganz andere, aus dem Fahrzeug auszusteigen, um sich zu prügeln oder Prügel anzudrohen.

Dementsprechend unterscheiden sich die Geldstrafen in ihrer Höhe. Aber allen, die aggressives Verhalten in irgendeiner Form zeigen, ist mindestens 40 Tage Führerscheinentzug sicher.

Die Strafen verschärfen sich für Wiederholungstäter. Wer einmal beim Fahren das Mobiltelefon nutzt und dabei andere gefährdet, wird mit 350 Euro Bußgeld und einem Monat Fahrverbot belegt. Bei der ersten Wiederholung sind 2.000 Euro fällig. Der Führerschein wird für vier Jahre eingezogen. Eine erneute Wiederholung kostet 4.000 Euro und acht Jahre Fahrverbot.

In allen drei Fällen sind wegen der Gefährdung zusätzlich Strafverfahren und Zuchthausstrafen möglich. Selbst alltägliche Verstöße führen zum Fahrverbot. Wurde das Setzen des Blinkers vergessen, kostet es zwar nur 10 Euro, aber auch 10 Tage Fahrverbot.

KI-Kameras überwachen Athens Straßen rund um die Uhr

Ein so ambitionierter Bußgeldkatalog ist ineffektiv, wenn die angedrohten Strafen nicht verhängt werden können. Am 16. Dezember wurden in Athen die ersten acht KI-gestützten Verkehrsüberwachungskameras installiert.

Mittels der künstlichen Intelligenz können sie überprüfen, ob alle im Fahrzeug angeschnallt sind, ob ein Fahrer telefoniert oder ob eine rote Ampel überfahren wird. Sie erfassen Geschwindigkeitsverstöße ebenso zuverlässig, wie gefährliche Fahrweise und weitere Verkehrsverstöße. Am Freitag, den 19. Dezember, wurde erste Bilanz gezogen.

Allein die Kamera auf der Syggrou Avenue registrierte etwa 2.000 Verstöße, die zu Fahrverboten führten. Rund 1.000-mal gab es eine Verletzung der Gurtpflicht. Bei 800 Fahrzeugen wurden Tempoverstöße festgestellt. Die auf der Mesogeion-Avenue im Vorort Chalandri installierte und betriebene KI-Kamera hat 480 Fahrer bei Rotlichtverstößen ertappt. Schon jetzt ist es theoretisch möglich, bei einer nicht gesetzeskonformen Fahrt durch Athen Bußgelder in fünfstelliger Höhe einzufahren.

Bis Ende 2026 soll die Überwachung zumindest im urbanen Umfeld im gesamten Land nahezu lückenlos sein. Dann werden insgesamt 2.500 stationäre und mobile KI-Kamerasysteme in Betrieb sein. Mobil werden die Überwachungssysteme in Bussen der öffentlichen Verkehrsbetriebe installiert.

Sämtliche Kameras sollen für Fahrer erkennbar sein. Das Verkehrsministerium setzt explizit auf die abschreckende Wirkung der KI-Systeme.

Sie sollen mit einem bestehenden Kamerasystem von rund 380 konventionellen Kameras kombiniert werden. Die Verkehrssünder werden mit der fortgeschrittenen Digitalisierung in Echtzeit über ihre Verstöße informiert.

Dass jemand am Steuer telefoniert und auf dieses Mobiltelefon während der Fahrt die Info über Bußgeld und Fahrverbot erhält, gehört zu den surrealen Momenten der modernen griechischen Verkehrsüberwachung.

Digitale Zustellung: Bußgeldbescheid in Echtzeit aufs Handy

Die Kameradaten werden verschlüsselt ans Datenzentrum übertragen. Sie umfassen Bild- und Videodateien sowie zeitliche und geografische Metadaten der aufgezeichneten Verstöße. Durch die entsprechenden Schnittstellen und die Interoperabilität des Systems erfolgt die sofortige automatisierte Identifizierung der Verkehrssünder.

Die Ausstellung eines digitalen Verstoß-Zertifikats und dessen elektronische Zustellung an den Bürger in sein E-Mail-Postfach beim digitalen Staatssystem gov.gr.

Zusätzlich zur KI-gestützten Bilderfassung des Verkehrs werden die stationären Verkehrskontrollen intensiviert. Beim Alkohol am Steuer kennen die Ordnungshüter keine Gnade mehr. Schon etwas mehr als ein Glas Wein kann bei der Atemkontrolle 350 Euro und zwei Monate Fahrverbot kosten.

In der Woche vor Weihnachten fuhren gleich mehrere Prominente in die Alkoholfalle. Es erwischte den Lebensgefährten der streitbaren Parteichefin des „Kurses der Freiheit“, Zoe Konstantopoulou, den früheren Abgeordneten und Schauspieler Diamantis Karanastasis. Er saß bis zu seinem Rückzug aus der aktiven Politik vor wenigen Wochen im Ständigen Sonderausschuss für Verkehrssicherheit des Parlaments.

Die Alkoholkontrollen der Polizei verbreiteten bereits am 16. Dezember so viel Schrecken unter den alkoholisierten Fahrern, dass einer sogar kurz vor der Kontrollstelle seinen Lamborghini auf der Fahrbahn stehen ließ, und fluchtartig die Szene verließ. Zwar kann ihm kein Alkoholverstoß angelastet werden, aber das Fahrverbot konnte er nicht umgehen. Sein regelwidrig abgestelltes Auto behinderte und gefährdete andere Verkehrsteilnehmer, befanden die Ordnungshüter.

Erste Erfolge: Weniger Alkoholsünder, mehr Taxifahrten

Es hat den Anschein, als würde die strenge Verkehrsüberwachung Wirkung zeigen. Laut vorliegenden Informationen wurden in der Hauptstadtregion am Weihnachtstag über 8.700 Atemalkoholtests durchgeführt. Dabei wurden nur 92 Alkoholsünder ertappt. Die Quote sei rekordverdächtig niedrig, heißt es vonseiten der Behörden.

Dabei gibt es mindestens einen Berufszweig, der sich über die verschärften Kontrollen freut. Die Taxifahrer freuen sich über einen regelrechten Boom. Denn immer mehr Feiernde lassen lieber das Fahrzeug stehen, als nach dem Nachtclub-Besuch ein Fahrverbot zu riskieren.

Read Entire Article