Russland eskaliert mit Oreschnik-Rakete

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Reisners Blick auf die Front"Die jüngsten Aktionen zeigen: Trump legt nach"

WASHINGTON-DC-JANUARY-06-U-S-President-Donald-Trump-addresses-a-House-Republican-retreat-at-The-John-F-Kennedy-Center-for-the-Performing-Arts-on-January-06-2026-in-Washington-DC-House-Republicans-will-discuss-their-2026-legislative-agenda-at-the-meetingTrump übt laut Medienberichten durch CIA-Operationen Druck auf Russland aus, den Krieg zu beenden. (Foto: Getty Images)

Ein entführter Diktator, Drohungen gegen Grönland und die Mullahs im Iran. Welche Strategie verfolgt Donald Trump, und kann die Ukraine profitieren? Putin sei das Gebaren des Westens nicht egal, analysiert Oberst Reisner - das zeige auch der Oreschnik-Angriff.

ntv.de: Herr Reisner, US-Präsident Donald Trump beginnt das neue Jahr mit einem Paukenschlag. Die Entführung Maduros, neue Drohungen gegen Grönland und nun die Ankündigung, mit dem Regime im Iran zu verhandeln. Steckt ein Konzept dahinter?

Im Hintergrund dieser Aktionen schwebt die zunehmende Auseinandersetzung der USA mit China. Venezuela und der Iran sind für Peking wichtige Vorposten und Erdöllieferanten. Ein Regimesturz im Iran und in Venezuela könnte bedeuten, dass China bis zu einem Viertel seiner Ölversorgung wegbricht. Das hätte natürlich Folgen. Russland ist derzeit auch ein verlässlicher Erdöllieferant für China, und auch da sehen wir, wie die USA handeln. Sie setzen einen Tanker nach dem anderen aus der russischen Schattenflotte fest, zuletzt vor Großbritannien durch US-Spezialkräfte, die man extra von Amerika nach Großbritannien geschickt hatte. Aus meiner Sicht zeigt das: Trump legt nach.

Die USA könnten entschieden haben, eine stärkere Gegenposition zu China, aber auch zum Kreml zu entwickeln?

Diese Hoffnung haben jetzt viele! Nämlich, dass Trump gesehen hat: Putin ist nicht verhandlungsbereit, also braucht es eine härtere Gangart. Aufgrund der Ereignisse in Venezuela hat sich die Verhandlung zum 28-Punkte-Plan für die Ukraine noch einmal verzögert. Den Europäern hat das Zeit verschafft. Es ist ihnen gelungen, einen eigenen 20-Punkte-Plan mit den USA abzustimmen. Welche Konsequenzen das haben wird, müssen wir noch sehen.

Markus-Reisner-ist-Historiker-und-Rechtswissenschaftler-Oberst-des-Generalstabs-im-Oesterreichischen-Bundesheer-und-Leiter-des-Institutes-fuer-Offiziersgrundausbildung-an-der-Theresianischen-Militaerakademie-Wissenschaftlich-arbeitet-er-u-a-zum-Einsatz-von-Drohnen-in-der-modernen-Kriegsfuehrung-Jeden-Montag-bewertet-er-fuer-ntv-de-die-Lage-an-der-Ukraine-FrontMarkus Reisner ist Historiker und Rechtswissenschaftler, Oberst des Generalstabs im Österreichischen Bundesheer und Leiter des Institutes für Offiziersgrundausbildung an der Theresianischen Militärakademie. Wissenschaftlich arbeitet er u.a. zum Einsatz von Drohnen in der modernen Kriegsführung. Jeden Montag bewertet er für ntv.de die Lage an der Ukraine-Front. (Foto: privat)

Parallel dazu haben die Europäer versucht, innerhalb der Koalition der Willigen konkretere Pläne für die Zeit nach einem möglichen Waffenstillstands-Abkommen zu schmieden. Muss Putin das nervös machen?

Die USA sollen bereit sein, eine Waffenstillstandslinie mithilfe von Sensoren, Drohnen und Satelliten zu überwachen. Zudem unterstützen sie Sicherheitsgarantien für die Ukraine, die in groben Zügen Teilen des Nato-Artikels 5 ähneln. Über eine Stationierung westlicher Truppen auf ukrainischem Territorium gibt es noch keine Einigung, aber zumindest diskutiert der Westen diese Möglichkeit intensiv. Ob sich jedoch im Falle erneuter Feindseligkeiten westliche Staaten zu einem Kampf gegen Russland verpflichtet fühlen würden? Ich hätte ernsthafte Zweifel.

Russland lehnt westliche Truppen in der Ukraine kategorisch ab.

Der Einsatz der Oreschnik-Rakete am vergangenen Donnerstag ist da eine klare Eskalation des Kreml mit Blick auf die westlichen Pläne. Das haben wir in der Vergangenheit immer wieder gesehen: Wenn sich die Situation aus Sicht Putins zuspitzte, hat er in eindeutiger Weise gehandelt. Als die Situation für die russischen Truppen 2022 bei Cherson gefährlich wurde, haben die Russen mit dem Einsatz einer Atomwaffe gedroht.

Und der Einsatz der Oreschnik als neu entwickelte Hyperschall-Rakete soll den westlichen Unterstützern demonstrieren, dass Russland überlegen ist?

Die erste Oreschnik-Rakete hatte auch schon dieses Ziel. Sie wurde im November 2024 eingesetzt, als Reaktion auf den Einsatz weitreichender westlicher Raketen gegen militärische Ziele auf russischem Territorium in Kursk. Als im Sommer die Lieferung von amerikanischen Tomahawks diskutiert wurde, hat der Kreml wieder mit dem Poseidon gedroht, einem Unterwasser-Torpedo, das auch nuklear bewaffnet werden kann. Nun haben wir mit dem erneuten Oreschnik-Einsatz die vierte Eskalation dieser Art, und zwar gegen Lwiw, ganz nah an der polnischen Grenze, nur 90 Kilometer entfernt. Ein klarer Indikator, dass diese Rakete eine Botschaft trug - adressiert an Europa und an die USA.

Man hätte Lwiw auch mit Marschflugkörpern angreifen können.

Dann hätte der Angriff allerdings nicht diese Aufmerksamkeit bekommen. Die Oreschnik kann mehrere Gefechtsköpfe tragen, auch nukleare. Sie fliegt 5000 Kilometer weit, erreicht dabei Geschwindigkeiten über Mach 10 und ist darum nur schwer abzufangen. Gegen die Oreschnik braucht man sehr potente Abwehrsysteme. Falls man die USA mit ihren Luftverteidigungsbasen in Polen und Rumänien herausrechnet, wären in Zukunft die Deutschen die ersten, die mit dem israelischen Abwehrsystem Arrow III in der Lage wären, diese Mittelstreckenrakete abzufangen.

Es gab nicht nur die Oreschnik gegen Lwiw, sondern auch Luftschläge gegen Kiew, Odessa und andere ukrainische Städte, die vielen Menschen Strom, Wasser und Wärme gekappt haben.

Die Ukrainer haben nun anstatt wie bislang vier bis acht Stunden auf Energie zu verzichten, oft zwölf bis 16 Stunden keine Versorgung. Und das mitten in der Kältewelle bei minus 10 Grad. Präsident Wolodymyr Selenskyj sagt, die Russen versuchen, die großen Städte unbewohnbar zu machen. Er hat sehr drastische Aussagen dazu gemacht. Denn die Ukrainer wissen, dass in den Lagern im Westen noch genug Fliegerabwehrsysteme vorhanden sind. Die müsse man ihnen geben, sagt Selenskyj. Und auch ich verstehe nicht, warum die Ukraine-Unterstützer diese Waffen zurückhalten. Sie werden gerade jetzt so dringend benötigt. Sie sind zudem rein defensiv ausgerichtet. Ist es bereits die Sorge um die eigenen Fähigkeiten?

Zugleich greifen aber auch die Ukrainer in großem Stil aus der Luft an, täglich mit 200 bis 350 Drohnen auf Ziele der kritischen Infrastruktur in Russland. Zeigt das Effekte? Etwa der Angriff gegen drei Bohrinseln im Kaspischen Meer?

Der Schutz solcher Plattformen ist besonders anspruchsvoll, weil man Abwehrsysteme auf hoher See nur begrenzt einsetzen kann. Die Russen können die Luftverteidigungssysteme nur auf der Plattform selbst stationieren oder müssen Schiffe im Nahbereich positionieren. Allerdings ist das schwierig für den Kreml, weil die Ukrainer durch den Einsatz von unbemannten Systemen die Russen unter Druck gebracht haben. Wenn nun die Russen Schiffe an jeder ihrer Plattformen stationieren, dann laufen sie Gefahr, dass diese Angriffsziele von ukrainischen Unter- oder Überwasserdrohnen werden. Hier ist die Ukraine durchaus in der Lage, messbaren Druck auf Russland auszuüben.

Schafft sie das ganz allein?

Nein, bei den Angriffen auf russische Infrastruktur spielen die USA im Hintergrund weiterhin eine herausragende Rolle. Die New York Times hat gerade erst dargestellt, wie nachhaltig und tiefgehend die Unterstützung des Auslandsgeheimdienstes CIA für die Ukrainer ist. Zunächst hat man in Raffinerien Öltanks angegriffen, was zwar spektakuläre Rauchsäulen aufsteigen lässt und damit gute Bilder bringt, aber hinter dem Rauch steckt einfach nur ein brennender Tank. Dann hat man begonnen, kritische Bauteile in den Anlagen anzugreifen. Mit dem Ergebnis soll Trump sehr zufrieden gewesen sein, weil es ihm die Möglichkeit eröffnet, auf beide Seiten Druck auszuüben.

Und mit Blick auf einen erzielbaren Effekt: Ist es in der Verarbeitungskette für Öl effektiver, die Bohrinsel zu attackieren oder die Raffinerie anzugreifen?

Die russische Erdölproduktion ist nicht allein abhängig von Bohrinseln im Schwarzen oder Kaspischen Meer. Man kann also verschiedene Ansätze verfolgen. Die Ukrainer können bei den Fördereinrichtungen ansetzen. Sie können die Raffinerien lahmlegen, wo das Öl veredelt wird, oder die Lager ins Visier nehmen, oder auch die Terminals, von wo aus der Weitertransport erfolgt. Aus militärischer Sicht ist entscheidend: Jede Aktion muss messbare Ergebnisse bringen.

Zum Beispiel?

Messbare Ergebnisse kann heißen: Mehr Abschüsse von Raketen und Drohnen führen dazu, dass weniger kritische Infrastruktur zerstört wird. Angriffe auf die Öl-Versorgung sorgen für Engpässe an der Front, weil Treibstofflieferungen ausbleiben. Die Ukrainer sind aber leider nicht in der Lage, ihre Angriffe zu skalieren. Es scheitert immer noch an der Verfügbarkeit einsetzbarer Systeme. Zwar hat Kiew die Unterstützung des Westens für den Bau von Drohnen und für andere Projekte, aber noch immer ist zu wenig verfügbar. Die Ukrainer brauchen mehr.

Mit Markus Reisner sprach Frauke Niemeyer

Quelle: ntv.de

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