Der Winter naht – und den Menschen in der Ukraine stehen damit weitere besonders harte Kriegsmonate bevor. Nach dem vom russischen Machthaber Wladimir Putin im Februar 2022 befohlenen Angriffskrieg deutet nichts darauf hin, dass es bald eine diplomatische Lösung geben könnte – im Gegenteil. Die Armee Moskaus greift mit unerbittlicher Härte an und scheint zudem jetzt umzusetzen, was Putin Anfang September ankündigte: Seine Truppen würden in diesem Winter „massive Angriffe“ auf ukrainische Energieanlagen ausführen.
Am Mittwoch und Donnerstag schlugen wieder Raketen und Drohnen ein – in ein großes Wärmekraftwerk in Kyjiw und weitere Energieanlagen. Mehrere Stadtviertel der Hauptstadt waren ohne Strom und Wasser. Angegriffen wurden auch Energienetze in Charkiw im Osten sowie Sumy im Norden. Und für die Ukrainerinnen und Ukrainer könnte dies nur ein bitterer Vorgeschmack auf die nächsten Monate gewesen sein.
Diese Taktik hat Putin zwar schon in den vergangenen Kriegswintern einsetzen lassen. Doch der ukrainischen Armee fällt es immer schwerer, die Luftangriffe abzuwehren, was an der großen Zahl der Raketen und den neuerdings vermehrt eingesetzten düsengetriebenen Drohnen liegt.
Unsere Partner waren ebenso wie wir erschüttert von seinem Zynismus, von dieser kalten, terroristischen Berechnung, wie unser Energiesektor zerstört werden soll.
Denys Schmyhal, Energieminister der Ukraine
Die „New York Times“ („NYT“) berichtet nun über detaillierte Inhalte eines Plans, mit dem Putin Kälte und Dunkelheit in die ukrainischen Städte bringen will. Der Energieminister der Regierung von Präsident Wolodymyr Selenskyj habe dies vor zwei Wochen den europäischen Partnern erläutert, berichtet die Zeitung unter Berufung auf zwei Quellen. Demnach habe Denys Schmyhal den Verbündeten erklärt, die Ukraine habe den Plan abgefangen.

© dpa/President Of Ukraine
Der Zeitung liegt nach eigenen Angaben eine Kopie des in Paris präsentierten Dokuments vor. Ziel Russlands sei es demnach, das Energiesystem der Ukraine durch systematische Angriffe zum Zusammenbruch zu bringen. Geplant sei eine Angriffswelle mit bis zu 1000 Raketen, Drohnen und Bomben. Im Visier dabei: Umspannanlagen, Wasserkraft- und Wärmekraftwerke sowie Heizkesselhäuser, die in Osteuropa ein Herzstück der zentralen Wärmeversorgung sind.
Besonders alarmierend sei, so heißt es in dem Bericht weiter, dass Putin die Ukraine mit den Angriffen dazu bringen wolle, die drei Atomkraftwerke des Landes, die noch in Betrieb sind, abschalten zu müssen. Diese sind in der Ukraine das Rückgrat der Stromversorgung des Landes. Dazu sollen Raketen auf die Schaltanlagen abgefeuert werden, über die die AKW mit dem Stromnetz verbunden sind. Diese Anlagen liegen demnach nur etwas mehr als 1,5 Kilometer von den Reaktoren entfernt.
Ebenso brisant ist, was die „NYT“ weiter aus dem Putin-Plan berichtet. Demnach sollen Moskaus Truppen auch das ukrainische Wassersystem ins Visier nehmen, darunter Pumpstationen und Abwasseraufbereitungsanlagen. Dafür sollen Dutzende ballistische Raketen und Gleitbomben eingesetzt werden.
Russland habe solche Anlagen bisher noch nie in großem Maßstab angegriffen. Ukrainische Regierungsvertreter haben demnach intern ihre Sorge geäußert, dass das Land nur begrenzte Notfallpläne für den Fall schwerer Ausfälle der Wasserversorgung hat. Das übergeordnete Ziel sei, große ukrainische Städte von Strom, Heizung und Wasser abzuschneiden – was eine humanitäre Krise auslösen könnte.
Vor dem Krieg zählte die Ukraine etwa 41 Millionen Menschen, rund 29 Millionen leben derzeit in den von der Regierung in Kyjiw kontrollierten Gebieten. Das ist eine Schätzung des ukrainischen Statistikamts und des Instituts für Demografie; eine genaue Zahl ist wegen des Krieges und der Flüchtlinge schwer zu ermitteln.
Als Hauptziele des russischen Angriffsplans werden dem Bericht zufolge drei Millionenstädte genannt:
- Kyjiw
- Charkiw
- Odessa
Dort soll die Stromversorgung dem Bericht zufolge um 90 Prozent gekappt, die Heizleistung um bis zu 90 Prozent reduziert und die Abwasserentsorgung massiv beeinträchtigt werden.
Putins Plan sieht dem Bericht zufolge drei Angriffsphasen vor. In der ersten sollen Umspannwerke nahe der Westgrenzen der Ukraine ausgeschaltet werden, über die das Land Strom aus Europa importiert.
In der zweiten sollen Wasserkraftwerke außer Betrieb gesetzt werden. Phase zwei ziele auf die drei AKW ab. Das vierte Kernkraftwerk nahe Saporischschja wurde zu Beginn des Krieges von russischen Streitkräften eingenommen. Ziel der Angriffe sei es, fast 15 Gigawatt an Erzeugungskapazität auszuschalten – etwa so viel, wie der Ukraine am Ende des Sommers zur Verfügung stand.
Wie auch die „NYT“ schreibt, lässt sich die Echtheit des von Schmyhal vorgestellten Putin-Plans nicht unabhängig verifizieren. Schmyhal habe allerdings vor einer Woche gegenüber ukrainischen Medien vage über das Dokument gesprochen. „Unsere Partner waren ebenso wie wir erschüttert von seinem Zynismus, von dieser kalten, terroristischen Berechnung, wie unser Energiesektor zerstört werden soll“, sagte er demnach.

© Reuters/Ramil Sitdikov
Die Zeitung weist darauf hin, dass die Regierung in Kyjiw das Land in den vergangenen Monaten auf den Winter vorbereitet habe und Schutzbauten über kritischen Anlagen errichten ließ, etwa über Umspannwerken, die Strom im ganzen Land verteilen. Die ukrainischen Behörden haben zudem Hunderte Millionen Dollar für die Reparatur von Kraftwerken und Umspannwerken ausgegeben. Außerdem wurden kleinere Energieanlagen wie gasbetriebene Turbinen installiert, die schwerer zu treffen sind.
Die Ukraine hat auch in die Verstärkung des Stromnetzes investiert, damit es der winterlichen Nachfrage standhält und Strom umgeleitet werden kann, wenn Angriffe Übertragungsleitungen außer Betrieb setzen.
Energieexperten sehen Stromnetz der Ukraine massiv geschwächt
Energieexperten warnen, dass diese Maßnahmen den erwarteten Schlag bestenfalls abfedern, aber nicht verhindern können. Olena Pawlenko, Leiterin der ukrainischen Denkfabrik DiXi Group, sagte der Zeitung, vier Kriegswinter hätten das Stromnetz des Landes so stark geschwächt, dass ein weiterer Winter wäre, „als würde man einen Marathon mit nur einer Lunge laufen“.
Die Erinnerungen an den vergangenen Winter, den bislang mit Abstand härtesten des Krieges – auch wegen besonders eisiger Temperaturen –, sind bei den Ukrainern noch sehr präsent. Als Russland wiederholt Kraftwerke und Heizungsanlagen angriff, mussten die Bewohner von Kyiv regelmäßig zwölf Stunden oder länger pro Tag ohne Strom auskommen. Das geht der Zeitung zufolge aus Daten hervor, die DTEK, der größte private Energieversorger des Landes und Stromversorger der Hauptstadt, zur Verfügung stellte.
In den Hochhäusern der Hauptstadt hatten die Bewohner der obersten Stockwerke oft kein Wasser, weil die Pumpen keinen Strom hatten. Um zu ihren Wohnungen zu gelangen, mussten sie zahlreiche Treppen hinaufsteigen, da die Aufzüge außer Betrieb waren. Selbst wenn der Strom für ein paar Stunden zurückkehrte, mieden manche die Aufzüge aus Angst, bei einem plötzlichen Stromausfall darin stecken zu bleiben.
Damit sich das in diesem Winter nicht wiederholt, arbeiten die Stromtrupps mit Hochdruck und tauschen etwa Transformatoren. „Es gibt alte Anlagen, die der Belastung einfach nicht mehr standhalten“, sagte der 57-jährige Techniker Eduard Kaschkow der „NYT“. „Manche Geräte sind so alt wie ich.“



