Stand: 01.10.2026, 12:45 Uhr
Von: Richard Strobl

Moskau nutzt die Beschlagnahmung westlicher Vermögenswerte gezielt zur Erpressung europäischer Regierungen. Laut einer aktuellen Analyse zielt Putin auf Sanktionserleichterungen.
Moskau – Moskau – Der Kreml verschärft seine Gangart gegenüber europäischen Unternehmen, die nach wie vor in Russland aktiv sind. Wie das US-amerikanische Institute for the Study of War (ISW) in einer Lageeinschätzung berichtet, setzt die russische Führung zunehmend auf die gezielte Beschlagnahmung ausländischer Vermögenswerte, um politischen Druck auf westliche Hauptstädte auszuüben. Ziel der Strategie sei es, europäische Staaten mit der „Geisel“-Haft dazu zu bewegen, ihre Sanktionspolitik gegenüber Russland zu überdenken.
„Asymmetrische Maßnahmen“: Kreml droht offen mit Enteignungen
Ein hochrangiger Kreml-Vertreter mit direktem Einblick in die jüngsten Beschlagnahmungen erklärte am 30. September unverhohlen, dass Russland sogenannte „asymmetrische Maßnahmen“ ergreife. Moskau wolle europäische Staaten damit zwingen, ihre restriktiven Maßnahmen gegen die russische Wirtschaft zu revidieren.
Dabei schloss der Regierungsvertreter ausdrücklich nicht aus, dass in einem nächsten Schritt auch die russischen Tochtergesellschaften und Vermögenswerte großer europäischer Finanzinstitute ins Visier geraten könnten – namentlich genannt wurden die italienische Großbank UniCredit und die österreichische Raiffeisen Bank International.
Metro AG, Nestlé & Co.: Wichtige Konzerne unter Zwangsverwaltung gestellt
Dass es sich dabei nicht um leere Drohungen handelt, zeigen jüngste Schritte von Kremlchef Wladimir Putin: Per Dekret stellte der russische Präsident am 17. und 28. September die Vermögenswerte mehrerer prominenter europäischer Konzerne unter eine unbefristete „vorübergehende Verwaltung“ durch russische Unternehmen. Betroffen von diesen Zwangsmaßnahmen sind:
- der deutsche Handels- und Großhandelskonzern Metro AG,
- der Schweizer Lebensmittelriese Nestlé,
- die französischen Handelsunternehmen Auchan sowie Lemana PRO (ehemals Leroy Merlin).
Bereits zuvor zeigte sich, wie heikel der Spagat für westliche Firmen im Land ist: Trotz des Ukraine-Kriegs waren zahlreiche Unternehmen weiterhin aktiv.
Das Kalkül des Kremls: Fiskalische Einnahmen und politische Erpressung
Nach Einschätzung der ISW-Experten verfolgt Moskau mit dieser Praxis eine doppelte Strategie: Einerseits sichert sich der russische Staatshaushalt kurzfristige Einnahmen und wirtschaftliche Puffer aus den Erträgen der übernommenen Unternehmen. Andererseits fungieren die Gesellschaften als Hebel gegen die Regierungen der jeweiligen Herkunftsländer.
Der Kreml spekuliert demnach darauf, dass westliche Konzerne die Risiken einer Beschlagnahmung weiterhin als geringer einstufen als die finanziellen Einbußen eines vollständigen Rückzugs. Ob und wann ein Konzern letztlich unter russische Kontrolle gestellt wird, hänge dabei laut ISW allein vom Verhältnis Moskaus zur Regierung des jeweiligen Heimatstaates ab.
Russlands Regierung setzt aktuell in vielen Bereichen neue Impulse. Mit militärischen Neuerungen versucht laut ISW so im Ukraine-Krieg eine Kapitulation Kiews bis zum Frühjahr zu erzwingen. Gleichzeitig versucht man, die angeschlagene Wirtschaft zumindest bis dahin zu stabilisieren. Dabei lässt Putin aber demnach Langzeitfolgen außer Acht – und setzt alles auf die Karte Sieg. (Verwendete Quellen: ISW, frühere Berichterstattung) (rjs)



