Seit dem 20. August steht auf der KI-Modellplattform OpenRouter ein Modell namens Ox Alpha kostenlos bereit. Die anonymen Macher des „Stealth“-Modells riefen Entwickler ausdrücklich dazu auf, es auszuprobieren und Feedback zu liefern. Ebenfalls kostenlos bot der Open-Source-Programmierassistent OpenCode das Modell für zunächst eine Woche an. OpenCode versprach nahezu unbegrenzte Nutzung und gab die verfügbare Kapazität mit 100 Billionen Token täglich an. Auch weitere Entwicklerplattformen nahmen Ox Alpha kurz darauf kostenlos auf.
OpenRouter gibt das Kontextfenster mit rund einer Million Token an und erlaubt Ausgaben von bis zu rund 131.000 Token. Das Modell kann zudem neben Text auch Bilder und Videos verarbeiten und externe Werkzeuge aufrufen. Damit eignet es sich besonders für komplexe und mehrstufige Aufgaben wie Softwareentwicklung, bei denen ein KI-Agent große Mengen Quellcode und bisherige Arbeitsschritte im Blick behalten und mit Werkzeugen interagieren muss.
Keine dieser Eigenschaften ist für sich genommen einzigartig. Ungewöhnlich ist vielmehr, dass ein anonymer Anbieter ein Modell mit dieser Ausstattung kostenlos bereitstellt. Das sagt noch nichts über die tatsächliche Leistungsfähigkeit von Ox Alpha aus, senkt für Entwickler aber die Hürde erheblich, das Modell auch für lange und umfangreiche Aufgaben auszuprobieren.
Riesige Nachfrage, relativierte Benchmarks
Die Nutzung von Ox Alpha stieg von Beginn an rasant. Am 21. August, dem ersten vollständigen Tag nach dem Start, registrierte OpenRouter rund 27 Millionen Anfragen an das Modell, vier Tage später waren es bereits knapp 79 Millionen. Das täglich verarbeitete Volumen wuchs im selben Zeitraum von knapp zwei auf rund 5,8 Billionen Token. Vom Start bis einschließlich 25. August kamen so rund 295 Millionen Anfragen zusammen. Innerhalb weniger Tage setzte sich Ox Alpha zugleich an die Spitze von OpenRouters Wochen-Ranking: Mit rund 23,2 Billionen verarbeiteten Token lag das Modell auf Platz eins, obwohl es zu diesem Zeitpunkt noch keine volle Woche verfügbar war.
Zum Hype um Ox Alpha trugen auch spektakuläre, aber wenig belastbare Leistungswerte bei. In einem auf X veröffentlichten Test mit einer Stichprobe von zehn Aufgaben aus dem Coding-Benchmark DeepSWE löste Ox Alpha acht Aufgaben und erreichte damit 80 Prozent. Claude Fable 5 kam im selben Vergleich auf 65 Prozent, GPT-5.6 Sol auf 52 Prozent. Der Vergleich verbreitete sich rasch und trug dazu bei, Ox Alpha als möglichen Herausforderer etablierter Spitzenmodelle ins Gespräch zu bringen.
Das über Ox Alpha abgewickelte Tokenvolumen stieg innerhalb weniger Tage stark an. Der 26. August ist in der Darstellung noch nicht vollständig erfasst.
(Bild: Screenshot/OpenRouter)
Spätere umfangreichere Tests relativierten den frühen Eindruck deutlich. In einem vollständig dokumentierten DeepSWE-Lauf über alle 113 Aufgaben löste Ox Alpha 66 Aufgaben vollständig und erreichte 58,4 Prozent. Damit bewegt sich Ox Alpha im Bereich etablierter kommerzieller Modelle, aber nicht an der Spitze. Im offiziellen DeepSWE-Leaderboard stehen derzeit Claude Opus 5 mit 74 Prozent, GPT-5.6 Sol mit 73 Prozent und Claude Fable 5 mit 70 Prozent an der Spitze. Claude Opus 4.8 kommt auf 59 Prozent.
Direkt mit diesen Werten vergleichbar sind die Community-Läufe von Ox Alpha allerdings nur eingeschränkt, weil Testkonfigurationen und Wiederholungen voneinander abweichen. Eine breiter standardisierte Einordnung steht noch aus: Die unabhängige Benchmarking-Plattform Artificial Analysis hat Ox Alpha bislang nicht in seine öffentlichen Rankings aufgenommen.
Technische Fingerabdrücke führen zur GLM-Familie
Auch das Rätselraten um die Herkunft des Modells trug zum Hype bei und löste im Internet eine Spurensuche sowie zahlreiche Spekulationen aus. Als mögliche Entwickler wurden zeitweise Microsoft, Xiaomi, DeepSeek, Alibaba und Google gehandelt. Die stärkste Spur führt inzwischen zum chinesischen KI-Unternehmen Z.ai und seiner GLM-Modellfamilie. Das Open-Source-Werkzeug Modelprint fand bei Ox Alpha mehrere technische Übereinstimmungen mit GLM-5.3, darunter beim Tokenizer. Der ist dafür verantwortlich, die Eingaben für das Modell vorzubereiten. Eine umfangreichere Untersuchung mit mehr als 600 Anfragen kam ebenfalls zu dem Schluss, dass Ox Alpha sehr wahrscheinlich zur GLM-5-Familie gehört.
Nur wenige Tage nach dem Start führt Ox Alpha OpenRouters Wochenranking nach verarbeitetem Tokenvolumen deutlich an.
(Bild: Screenshot/OpenRouter)
Bewiesen ist die Herkunft damit nicht: Die technischen Spuren können auch auf verwandte Modelle oder gemeinsame Infrastruktur zurückgehen. Zudem ist GLM-5.3 laut Z.ai ein reines Textmodell, während Ox Alpha auch Bilder und Videos verarbeitet.
Bereits im Februar wurde eine frühe Version von Z.ais GLM-5 anonym als Pony Alpha auf OpenRouter getestet. Solche Stealth-Tests sind auf der Plattform allerdings inzwischen etabliert: Auch Modelle von OpenAI, xAI, Mistral und Xiaomi erschienen zunächst unter Tarnnamen. Ungewöhnlich am Fall Ox Alpha ist daher weniger die Anonymität als das enorme Ausmaß der Nutzung in kürzester Zeit.
Gratis und anonym: Strategie mit Datenschutzrisiken
Obwohl die kostenlose Bereitstellung erhebliche Rechenkosten verursachen dürfte, kann sich die Strategie für den Anbieter rechnen: Sie bringt Entwickler dazu, Ox Alpha für echte Programmieraufgaben einzusetzen und kann ihm so Erkenntnisse über Stärken, Schwächen und typische Einsatzgebiete liefern, wie LLMRumors in einer Analyse der Ereignisse schreibt. Zugleich steckt hinter der Anonymität auch Marketingkalkül, da der unbekannte Anbieter von der enormen Aufmerksamkeit profitiert, die die Spekulationen auslösen.
Unklar bleibt indes, was beim Anbieter mit den Nutzerdaten geschieht. OpenRouter leitet Eingaben an ihn weiter und schreibt auf der Ox-Alpha-Seite, dass der Anbieter Eingaben und Ausgaben speichert, aber nicht zum Training nutzt. Die allgemeinen Bedingungen für OpenRouters Stealth-Programm erlauben hingegen auch eine Nutzung für Training, Evaluation und Verbesserung, wie Xenospectrum feststellt. Damit ist nicht eindeutig geregelt, wie die Daten bei Ox Alpha tatsächlich verwendet werden. Entwickler und Unternehmen sollten daher keine sensiblen Daten übermitteln, solange diese Fragen ungeklärt sind.
Wann die Identität des Anbieters bekannt wird, ist offen. OpenCode hatte die kostenlose Testphase auf etwa eine Woche ab dem 20. August begrenzt. Die Gratisphase dürfte damit um den 27. August enden. Sollte Ox Alpha dem Muster früherer Stealth-Modelle folgen, könnte seine Herkunft anschließend offengelegt werden.
(tobe)



