Nvidia-Aktie: Wenn Rekorde nicht mehr reichen

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26. Februar 2026 Matthias Lindner

Nvidia-Chip mit Firmenlogo auf einem Halbleiter

(Bild: gguy / Shutterstock.com)

Nvidia übertrifft alle Erwartungen – doch die Aktie reagiert kaum. Der Grund: Anleger zweifeln, ob sich die KI-Milliarden auszahlen.

Der weltgrößte Hersteller von KI-Chips hat erneut alle Erwartungen übertroffen – und dennoch zuckte der Markt nur mit den Schultern. Nvidia erzielte im abgelaufenen Quartal 68,1 Milliarden US-Dollar Umsatz, 73 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Unter dem Strich verdiente der Konzern 1,62 US-Dollar je Aktie.

Beide Werte lagen über den Prognosen der Analysten. Auch der Ausblick fiel optimistisch aus: Für das laufende Quartal peilt Nvidia rund 78 Milliarden US-Dollar an – die Wall Street hatte im Schnitt nur mit knapp 73 Milliarden gerechnet.

Trotzdem sackte die Nvidia-Aktie am Mittwoch während der Analystenkonferenz zwischenzeitlich um 1,5 Prozent ab. Am Donnerstagmorgen notierte sie im vorbörslichen Handel nahezu unverändert.

Das Muster ist nicht neu: Schon nach den beiden vorangegangenen Quartalsberichten hatte der Kurs kaum auf starke Ergebnisse reagiert.

Glänzende Zahlen reichen nicht mehr aus

Was auf den ersten Blick paradox wirkt, hat einen einfachen Grund: Die Erwartungen an Nvidia sind mittlerweile so hoch, dass selbst herausragende Ergebnisse niemanden mehr vom Hocker reißen.

Die Anleger wollen jetzt handfeste Belege dafür sehen, dass sich die gewaltigen Investitionen in KI-Infrastruktur auch tatsächlich in bare Münze verwandeln, erklärte Marktanalyst Raffi Boyadjian von Trading Point laut Reuters.

Genau an diesem Punkt hakt es. Die großen Tech-Konzerne – Amazon, Alphabet, Meta und Microsoft – haben für 2026 Investitionszusagen von zusammen fast 700 Milliarden US-Dollar abgegeben, um ihre KI-Kapazitäten auszubauen. Doch wo bleiben die Erträge?

Eine aktuelle Erhebung zeigt: Obwohl 70 Prozent der Unternehmen KI nutzen, melden über 80 Prozent keinerlei messbare Auswirkungen auf Produktivität oder Personalplanung. Selbst OpenAI-Geschäftsführer Brad Lightcap räumte kürzlich ein, dass KI in den Arbeitsabläufen der meisten Firmen bisher keine spürbare Rolle spiele.

Huang kontert mit einer einfachen Formel

Nvidia-Chef Jensen Huang ließ sich davon nicht beirren. In der Telefonkonferenz wiederholte er mantraartig seinen Leitsatz: Rechenleistung sei gleichbedeutend mit Umsatz.

Seine Logik: KI-Modelle verarbeiten wachsende Datenmengen, benötigen dafür immer mehr Kapazität – und wer diese Kapazität bereitstellt, verdient direkt daran. Er sei zuversichtlich, dass die Cashflows der Kunden wachsen werden, sagte Huang.

Ob der Markt diese Argumentation langfristig kauft, steht auf einem anderen Blatt. Die Nvidia-Aktie bewegt sich seit dem Rekordhoch im Oktober seitwärts – bei einer Marktkapitalisierung von rund 4,8 Billionen US-Dollar.

Das China-Rätsel bleibt ungelöst

Zusätzlichen Gegenwind liefert die geopolitische Lage. In China, einst Nvidias wichtigstem Absatzmarkt, herrscht Stillstand. Die Trump-Regierung genehmigte zwar den Export kleiner Mengen älterer H200-Prozessoren, doch bislang ging kein einziger Chip über die Grenze.

Ob Peking den Import überhaupt zulässt, weiß niemand. Nvidia klammert China-Erlöse deshalb komplett aus seinen Prognosen aus.

Gleichzeitig verschärft sich der Wettbewerb aus China selbst. Das KI-Labor DeepSeek verweigert Nvidia und AMD laut Reuters den Vorabzugang zu seinem kommenden Spitzenmodell V4 – ein klarer Bruch mit der üblichen Praxis in der Branche.

Stattdessen arbeitet DeepSeek mit dem chinesischen Chiphersteller Huawei zusammen und verschafft ihm damit einen zeitlichen Vorsprung bei der Optimierung.

Neue Baustellen – von Speicherchips bis CPUs

Auch bei der Lieferkette gibt es Engpässe. Speicherchips, die in praktisch allen Nvidia-Produkten stecken, sind knapp und teuer geworden. Besonders die Gaming-Sparte leidet darunter – Finanzchefin Colette Kress konnte nicht zusichern, dass sich die Lage in diesem Jahr entspannt.

Für das Kerngeschäft mit Rechenzentren gab sie hingegen Entwarnung: Nvidia habe genügend Vorräte und Lieferverträge gesichert, um die Nachfrage bis 2027 zu bedienen.

Strategisch öffnet Huang zudem eine zweite Front. Neben den Grafikprozessoren, die Nvidia groß gemacht haben, drängt der Konzern verstärkt in den Markt für Allzweckprozessoren.

Der Grund: Wenn Unternehmen KI-Agenten einsetzen – also Software, die eigenständig Aufgaben wie Recherche oder Programmierung erledigt –, verlagert sich ein Großteil der Arbeit auf klassische CPUs.

Huang erklärte, er wäre nicht überrascht, wenn Nvidia künftig zu den größten CPU-Herstellern der Welt zähle.

Nervosität erfasst den gesamten Tech-Sektor

Die Zurückhaltung gegenüber der Nvidia-Aktie steht stellvertretend für eine breitere Verunsicherung im Technologiesektor. Seit Jahresbeginn verlor der S&P 500 Software and Services Index rund 21 Prozent.

Anleger befürchten, dass KI bestehende Geschäftsmodelle schneller zerstört, als neue entstehen. Salesforce enttäuschte mit einem schwachen Jahresausblick, der Softwareanbieter C3.ai streicht mehr als ein Viertel seiner Stellen. Auch die sieben größten US-Tech-Werte – die sogenannten Magnificent Seven – liegen bislang im Minus.

Die entscheidende Frage für Anleger bleibt damit offen: Wann schlagen die hunderte Milliarden Dollar, die in KI-Infrastruktur fließen, tatsächlich in Gewinne um? Solange darauf eine überzeugende Antwort fehlt, dürfte selbst ein Rekordquartal die Nvidia-Aktie nicht aus ihrer Seitwärtsbewegung befreien.

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