Stand: 06.07.2026, 23:04 Uhr
Von: Marcus Giebel
Ist auf die USA unter Donald Trump noch Verlass? Die Zweifel in Europas Machtzentrale sollen längst groß sein, die „De-Amerikanisierung“ anlaufen.
Washington D.C. – Drei große Themen will die NATO bei ihrem Gipfel in Ankara angehen. Die Verteidigungsausgaben, die Rüstungsindustrie und die Unterstützung Kiews im Ukraine-Krieg stehen laut dem transatlantischen Bündnis am Dienstag und Mittwoch besonders auf der Agenda. Allesamt Problemfelder, die den Westen schon während früherer Treffen bewegten. NATO-Generalsekretär Mark Rutte nimmt sich aber vor, diesmal auch „konkrete Ergebnisse“ zu liefern. Um die NATO zu stärken und für mehr Sicherheit zu sorgen.

Das aber funktioniert mit ziemlicher Sicherheit nur, wenn US-Präsident Donald Trump bei Laune gehalten werden kann. Nicht auszuschließen, dass die türkische Hauptstadt zum nächsten Schauplatz der wachsenden Entzweiung von Washington und Europa wird. Immerhin gehen dem Republikaner die Zugeständnisse der Alten Welt bezüglich höherer Verteidigungsausgaben augenscheinlich nicht weit genug. Und die Ukraine scheint für ihn längst nur noch ein leidiges Thema zu sein, das er für sich zu den Akten legen will.
Trump und Europa: Merz & Co. debattierten in Brüssel über Trennung von Amerika
Auf Europas Vertreter wartet also der besondere Spagat, Trump einerseits nicht zu verstimmen, sich andererseits aber auch nicht zu hörig zu präsentieren. Denn sonst könnte sich der 80-Jährige zu immer neuen Forderungen animiert sehen. Pünktlich zum NATO-Gipfel präsentiert ein Insider-Bericht des Wall Street Journal (WSJ) den Verlauf von Europas Zerreißprobe seit Trumps Rückkehr ins Weiße Haus.
Die Reporter sprachen mit Regierungschefs, deren Ministern und hochrangigen Beratern. Ihnen lagen detaillierte Notizen von Gesprächsteilnehmern ebenso vor wie als geheim eingestufte Analysen von europäischen Geheimdiensten für die Staats- und Regierungschefs.
Im ersten von zwei Teilen geht es etwa um ein Treffen von fast 30 europäischen Staats- und Regierungschefs Anfang dieses Jahres, bei dem in Brüssel stundenlang allein darüber diskutiert worden sei, wie die Trennung von Amerika zu bewältigen sei. Der Termin fand auch unter dem Eindruck der kurz zuvor von Trump befohlenen Entführung und Inhaftierung von Ecuadors Präsident Nicolás Maduro statt.
Europäer sprechen über Trump: Macron will Grenze ziehen – Meloni bremst
Kameras oder Aufzeichnungen seien bei der Zusammenkunft nicht zugelassen worden, zudem hätten die Anwesenden ohne Begleitung und Handy erscheinen sollen. Das unterstreicht die hohe Geheimhaltungsstufe. Weil es zwischen den mächtigen Frauen und Männern besonders emotional zugegangen sei, hätten viele die Sitzung später als „Therapieabend“ beschrieben.
Zu jener Zeit geisterte auch die Befürchtung durch den Raum, Trump könnte sich Grönland mit Gewalt holen wollen. Seine Forderung, die größte Insel der Welt müsste ein Teil der USA werden, wiederholte er damals bei jeder Gelegenheit. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron soll daher bei dem Treffen gesagt haben, die Europäer müssten eine Grenze ziehen. In seinen Augen stelle die Abhängigkeit von Washington ein Sicherheitsrisiko dar: „Es gibt kein Zurück mehr.“
Widerspruch habe es von Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni gegeben, die sich auf politischem Parkett damals noch gut mit Trump verstand. Ihr Argument: Man müsse ihn nicht mögen, doch sei er zugänglich für Argumente. Ihre dänische Amtskollegin Mette Frederiksen habe sich angesichts der häufig wiederholten Grönland-Drohungen aus dem Oval Office bemühen müssen, die Fassung zu wahren. Sie habe so erschüttert gewirkt, dass Bundeskanzler Friedrich Merz gefragt habe: „Ist bei Ihnen alles in Ordnung?“
Europas „De-Amerikanisierung“: Werden die USA zur Bedrohung für die langjährigen Partner?
Das Gespräch habe wegen seines Hintergrunds geradezu surreal angemutet. Denn über allem schwebte eben die Frage, ob die USA als langjähriger Beschützer Europas nun selbst zur Bedrohung geworden seien. Den Anwesenden sei das Treffen als jener Moment in Erinnerung geblieben, in dem die scheinbar ewigen Partner, die seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs durch Blutsbande und ein gemeinsames Schicksal verbunden schienen, damit begannen, sich zu entfremden.

Auch wenn es wirkt, als würde es die Trump-Administration von Tag eins an genau darauf ankommen lassen wollen, scheint dieses Szenario für Europa wie der Worst Case. Doch die Länder nehmen die neue Realität offenbar an, das WSJ schreibt von „einem beispiellosen Experiment der ‚De-Amerikanisierung‘“, bei dem quer durch Europa auf das Gaspedal getreten werde.
Still und leise werde US-Technologie durch europäische Open-Source-Software ersetzt. Es würden immense Summen in europäische Raumfahrtunternehmen, KI-Firmen und Rechenzentren investiert. Dabei solle jedoch dringend verhindert werden, dass sich die USA provoziert fühlen. Denn in dieser Gemütslage ist Trump bekanntlich noch unberechenbarer als ohnehin schon.
Trump und die NATO: Rutte setzt auf Beschwichtigung beim „Daddy“ aus den USA
Neueste Entwicklungen würden die Europäer in ihrem Weg bestärken. Der Angriff auf den Iran, der im Nahost-Krieg gipfelte, ließ die Treibstoffpreise förmlich explodieren und aus europäischer Sicht ausgerechnet Russland zum Profiteur werden.
Eine wichtige Rolle spielte auch Mark Carney. Kanadas Premierminister war als Nicht-Europäer beim Treffen in Brüssel zwar nicht dabei, habe jedoch klargestellt, dass das alte Amerika nicht zurückkommen werde. Zunächst habe Frankreich zu den wenigen Verbündeten gezählt, die an seiner Seite standen. Doch er habe auch alle anderen davon überzeugen wollen, dass sich die strukturelle Abhängigkeit nicht durch eine Beschwichtigungspolitik gegenüber Trump lösen lasse.
Genau darauf baut eben Rutte, der als „Trump-Flüsterer“ gilt und den US-Präsidenten beim 2025er NATO-Gipfel schmeichelnd als „Daddy“ bezeichnete. Inwiefern die Taktik des einstigen niederländischen Ministerpräsidenten erfolgreich war, ist Ansichtssache. Zwar hat sich das Verhältnis zwischen Trump und Europa zuletzt keineswegs gebessert oder gar entspannt. Womöglich wäre es ohne Ruttes gutes Zureden aber noch zerrütteter.
Trump mit Ansagen an NATO: Bei Verteidigungsausgaben ist Europa uneinig
Um den mächtigsten Mann der Welt nicht zu verlieren, habe Rutte in Textnachrichten sogar dessen Sprachstil nachgeahmt. Seine Botschaften enthielten deshalb Übertreibungen, Gratulationen und kurze, abgehackte Sätze. Auch einige europäische Staats- und Regierungschefs hätten in der Folge zur „Trump-Sprache“ gegriffen.
Der US-Präsident fühlte sich womöglich geschmeichelt. Vielleicht durchschaute er das Spiel auch. Jedenfalls schickte er seinen NATO-Botschafter Matthew Whitaker mit der Nachricht nach Brüssel, jedes Mitglied müsse fünf Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung ausgeben. Die Vorgabe müsse 2035 umgesetzt werden. Hier gelang es den Europäern nicht, mit einer Stimme zu sprechen. So wurden Spanien Zugeständnisse gemacht, die Trump nicht schmeckten.
Wahrscheinlich gefiel es ihm aber, dass sich die Europäer eben nicht ganz einig waren. Schließlich soll Trump vor allem die EU ein Dorn im Auge sein, während er die einzelnen Nationen wirtschaftlich als zu schwach ansieht, um sie wirklich ernst zu nehmen. Ein Zerfall des bereits mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten Bündnisses würde ihm also in die Karten spielen.
Expertin über Trump und die NATO: „Grönlandkrise war Moment der Wahrheit“
Claudia Major sieht gleich mehrere Ereignisse, die den Eindruck erwecken, dass sich die USA gegen europäische Interessen wenden. „Der Moment der Wahrheit war für viele Europäer die Grönlandkrise“, betont die Expertin für Sicherheitsfragen der US-Denkfabrik German Marshall Fund im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa): „Aus Sicht vieler Europäer haben de facto die USA Grönland das angedroht, was Russland mit der Ukraine macht – nämlich Souveränität und territoriale Integrität notfalls mit militärischen Mitteln infrage zu stellen.“
Damit sei auch „der Eindruck entstanden, dass ein Halten der USA in der NATO um jeden Preis nicht bedeutet, dass auch die NATO überlebt“. Vielmehr könne sich das Bündnis in diesem Fall auch von innen zerlegen. Mit dem Nahost-Krieg habe sich dann gezeigt, „dass die Grönlandkrise keine Ausnahme war, sondern die neue Normalität sein könnte“.
Eine Lehre aus dem Angriff sei, dass die USA Verbündete notfalls auch hängen ließen, wie in diesem Fall Israel. Umso mehr stelle sich die Frage, wie lange sich die Europäer auf die Unterstützung aus Washington verlassen könnten.
Zwar habe der Wille bestanden, viele Ereignisse als unglückliche Ausrutscher zu behandeln. Etwa Trumps Schimpftirade gegen Spanien wegen der geringen Verteidigungsausgaben oder seine ausbleibende Kritik an Aggressor Russland. „Aber dann kommt man zur Schlussfolgerung, dass sieben unglückliche Ausrutscher nacheinander vielleicht System haben“, gibt Major zu bedenken. Insofern begleitet den NATO-Gipfel wohl auch die Hoffnung, dass kein weiterer hinzukommt. (Quellen: NATO, Wall Street Journal, dpa) (mg)



