Medien in Existenznot – KI als Totengräber der Vielfalt?

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Illustration zeigt OpenAI ChatGPT und Google Logo

Bild: Shutterstock.com

KI-Suchmaschinen bedrohen Medien. Studien zeigen massive Traffic-Verluste. Der stille Tod der Meinungsvielfalt?

Die Integration von Künstlicher Intelligenz in Suchmaschinen stellt eine der größten Herausforderungen für die Meinungsvielfalt und journalistische Geschäftsmodelle dar.

Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen erhebliche Auswirkungen auf die Informationslandschaft. Ein von den deutschen Medienanstalten beauftragtes Gutachten von Professor Dirk Lewandowski (Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg) dokumentiert fundamentale Veränderungen durch KI-gestützte Suchdienste.

Die Studie analysierte systematisch führende Suchmaschinen wie Google und Bing sowie KI-zentrierte Dienste wie Perplexity.ai und ChatGPT. Die Datenerhebung erfolgte im Mai 2025 und ist unter Medienanstalten.de verfügbar.

KI-Antworten ersetzen traditionelle Suchergebnisse

Traditionelle Suchmaschinen agierten bisher primär als Vermittler von Links zu externen Webinhalten. Mit generativer Künstlicher Intelligenz verschiebt sich der Fokus zu direkten, vom System generierten Antworten in Fließtextform.

Diese sogenannten "KI-Antworten" führen zu drei wesentlichen Veränderungen: Dialog auf neuer Stufe durch komplexere Suchanfragen in natürlicher Sprache, Zusammenwachsen von Informationssuche und -nutzung sowie die Erstellung völlig neuer Informationsobjekte.

Google hat seinen "KI-Modus" ("A1 Mode") kürzlich in Deutschland eingeführt, nachdem er monatelang in den USA und anderen Ländern getestet wurde. Diese Entwicklung wirft Fragen nach Transparenz und Verlässlichkeit auf, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtet.

Drastische Traffic-Verluste bedrohen Medienfinanzierung

Die Auswirkungen auf journalistische Inhalteanbieter werden als gravierend herausgestellt. Laut dem Gutachten von Dirk Lewandowski, der Studien zitiert, zeigen sich Traffic-Verluste zwischen 18 Prozent und über 50 Prozent für Medienunternehmen. Dies bedroht die Refinanzierung der Inhaltsproduktion, die für eine vielfältige Informationslandschaft notwendig ist.

Eine Analyse des Reuters Institute for the Study of Journalism dokumentiert bereits massive Veränderungen im Referral-Traffic.

Die Studie zitiert Daten des Analytics-Unternehmens Chartbeat von fast 2.000 Nachrichtenwebsites. Sie zeigen: Facebook-Traffic zu Nachrichtenwebsites ist in zwei Jahren um 67 Prozent gesunken, X-Traffic um 50 Prozent. Google-Search-Traffic blieb bisher stabil, doch Verleger fürchten die Ausweitung von KI-generierten Zusammenfassungen auf wichtige Nachrichtenstories.

Nutzer vertrauen KI-Antworten nur bedingt

Eine qualitative Studie der britischen Medienaufsicht Ofcom mit 24 UK-Internetnutzern offenbart differenziertes Nutzerverhalten. Nutzer wählen demnach verschiedene Sucherfahrungen basierend auf Komplexität und Bedeutung der Anfrage.

Generative KI-Tools werden für einfachere Anfragen (i.O. "low-stakes queries") bevorzugt, wo Ungenauigkeiten weniger schwerwiegende Folgen haben. Bei Anfragen zu komplexeren Feldern ( "high-stakes queries"), wie Gesundheit und Finanzen, greifen Nutzer weiterhin auf traditionelle Suchmaschinen zurück.

Die Befragten des Reuters-Berichts, 326 Führungskräfte aus der Medienbranche, geben zu rund drei Viertel (74 Prozent) an, dass "sie sich Sorgen über einen möglichen Rückgang des Suchmaschinenverkehrs in diesem Jahr machen".

Verschiedene KI-Ansätze mit unterschiedlichen Risiken

Die Funktionsanalyse von Dirk Lewandowski zeigt deutliche Unterschiede zwischen etablierten Suchmaschinen und KI-zentrierten Tools. Google und Bing integrieren KI-Antworten direkt in ihre Ergebnisse und beeinflussen damit die Sichtbarkeit anderer Treffer. Perplexity.ai und ChatGPT präsentieren ausschließlich KI-Antworten, wobei ChatGPT oft ganz auf Quellenangaben verzichtet.

Diese Entwicklungen verdeutlichen vielfältige KI-Integrationsansätze und werfen Fragen zur Transparenz und Verlässlichkeit der Suchergebnisse auf. Nutzer zeigten sich besonders vorsichtig bei KI-generierten Inhalten und berichteten, diese häufig über traditionelle Suchtools zu verifizieren.

Sicherheits- und Datenschutzbedenken wachsen

Die Ofcom-Studie dokumentiert erhebliche Bedenken bezüglich Datenschutz und Sicherheit. Nutzer befürchteten, dass eingegebene Informationen öffentlich verfügbar werden und von verschiedenen Parteien genutzt werden könnten. Weitere Sorgen betrafen die Transparenz der Antwortgenerierung und die Verwendung von Nutzerdaten durch Künstliche Intelligenz.

Teilnehmer berichteten von negativen Erfahrungen mit KI-Suchbots, hauptsächlich aufgrund ungenauer Antworten und defekter Hyperlinks. Diese Probleme untergruben das Vertrauen und führten zu häufigerem Fact-Checking, besonders in wichtigen Situationen.

Regulierung und Gesetzgeber gefordert

Eva Flecken, Vorsitzende der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten, betont: "KI-Antworten dürfen nicht vielfaltsverengend wirken, und die Anbieter tragen die Verantwortung für ihre Antworten."

Das deutsche Medienrecht und die Durchsetzung des Digital Service Acts der EU würden eine entscheidende Rolle spielen.

Die Medienanstalten fordern, Medienintermediäre – soziale Netzwerke (wie Instagram oder TikTok), sogenannte Video-Sharing-Dienste (wie YouTube) und Suchmaschinen (wie Google) – stärker in die Pflicht zu nehmen. Sie müssten einen aktiven Beitrag zur Vielfaltsförderung leisten.

Konkrete Maßnahmen könnten die Verpflichtung zu funktionierenden Outlinks und Verweisen auf Public-Value-Inhalte sowie klare Regelungen über Verantwortlichkeiten für KI-generierte Inhalte umfassen.

Langfristige Gefahr für Informationsvielfalt

Langfristig kann ein Traffic-Verlust für Inhalteanbieter dazu führen, dass die Produktion hochwertiger, vielfältiger Inhalte im Internet wirtschaftlich nicht mehr tragbar ist. Dies hätte negative Auswirkungen auf die Meinungsvielfalt.

Eine weitere Verschiebung ergibt sich durch Inhalteanbieter, die nicht auf direkte Refinanzierung angewiesen sind, wie das Gutachten von Lewandowski herausstellt: Parteien, PR-Agenturen, Nichtregierungsorganisationen und Verbände stellen ihre Inhalte kostenlos zur Verfügung.

Das Reuters Institute warnt vor einer "existenziellen Herausforderung" für den Journalismus. Die Disruption der Suche stelle eine der größten Bedrohungen für Nachrichtenorganisationen dar, die bereits Social-Media-Traffic verloren haben und nun weitere Sichtbarkeitsverluste befürchten.

Die Ergebnisse stellen eine Momentaufnahme in einem sich schnell entwickelnden Feld dar. Zukünftige Forschung ist insbesondere im Hinblick auf das Nutzerverhalten und die langfristigen Traffic-Auswirkungen von KI-Antworten auf die Refinanzierung von Web-Inhalten notwendig.

Ohne regulatorische Eingriffe droht, wie es aussieht, eine Verarmung der Meinungsvielfalt in der digitalen Informationslandschaft.

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