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Millionen Erwachsene in Deutschland können kaum komplexe Texte verstehen. Ausgerechnet in Zeiten von Künstlicher Intelligenz wird das zur gefährlichen Schwachstelle unserer Gesellschaft.
Künstliche Intelligenz kann heute Texte schreiben, zusammenfassen und sogar schwierige Inhalte verständlich machen. Viele fragen sich daher: Braucht man im Zeitalter von Chatbots und Übersetzungs-Apps überhaupt noch Lesekompetenz?
Vergangene Woche radikalisierte ein Artikel im Kulturteil der SZ die brenzlige Frage: "Ist es noch zeitgemäß, selbst zu lesen und zu schreiben?"
Der Text eröffnete mit einem Hammerschlag. Er wies darauf hin, dass einer aktuellen Studie zufolge nur "etwa ein Fünftel der deutschen Bevölkerung über eine Lesekompetenz von höchstens der Stufe 1 verfügt".
Diese Menschen können einfache, kurze Texte mit Mühe entziffern, schaffen es aber nicht, sich komplexere schriftliche Inhalte selbständig zu erarbeiten oder gar kritisch zu bewerten. Millionen Wahlberechtigte in Deutschland können de facto nicht lesen. Und jetzt gibt es auch noch KI.
SZAller Wahrscheinlichkeit nach handelt es sich bei der Studie um die OECD-Studie PIAAC 2023, die im Dezember letzten Jahres veröffentlicht wurde. Ihr liegt eine fünfstufige Einteilung der Lesekompetenz zugrunde. Und dort ist die Rede davon, dass rund ein Fünftel der Erwachsenen in Deutschland über sehr geringe Lesekompetenz verfügt.
Die neu Abgehängten?
Millionen Menschen können demnach kaum komplexe Texte verstehen oder kritisch prüfen – und laufen Gefahr, im digitalen Alltag abgehängt zu werden.
Grund genug, die Studie nochmal vor Augen zu halten. Zumal der Einfluss von KI auf das Leseverhalten und die Lesekompetenz in vielen Diskussionen gegenwärtig ist, die in den letzten neun Monaten an Dynamik und Brisanz zugelegt haben.
Was Lesekompetenz eigentlich bedeutet
Lesekompetenz meint die Fähigkeit, Texte zu verstehen, Informationen einzuordnen und kritisch zu hinterfragen. Die Bildungsforscher der OECD unterscheiden dabei fünf Stufen:
- Level 1: nur sehr einfache Texte erfassen, etwa eine Notiz oder ein Fahrplan.
- Level 2: einfache Gebrauchsanweisungen oder Routine-E-Mails verstehen.
- Level 3: mehrere Informationen kombinieren, Tabellen oder Artikel vergleichen – Funktionsniveau für Alltag und Beruf.
- Level 4: komplexe, teils widersprüchliche Texte analysieren und Argumentationen prüfen.
- Level 5: höchste Lesekompetenz – kritisches Eindringen in abstrakte, dichte oder wissenschaftliche Texte.
Die Zahlen, die im vergangenen Dezember veröffentlich wurden, sind ernüchternd: Nur etwa ein Prozent der Erwachsenen in Deutschland erreicht das höchste Level 5.
Gleichzeitig bleibt rund ein Fünftel auf dem Level 1 stehen. Damit ist Lesekompetenz eine Ressource, die ungleich verteilt ist – und über Chancen in Bildung, Beruf und Gesellschaft entscheidet.
Ergebnisse der OECD-Studie PIAAC 2023
Laut der PIAAC-Studie 2023 schneidet Deutschland im Durchschnitt gar nicht schlecht ab.
In Deutschland erzielten die Erwachsenen im Alter von 16 bis 65 Jahren im Durchschnitt 266 Punkte im Bereich Lesekompetenz (mehr als der OECD-Durchschnitt), 273 Punkte in alltagsmathematischer Kompetenz (mehr als der OECD-Durchschnitt) und 261 Punkte in adaptivem Problemlösen (mehr als der OECD-Durchschnitt).
OECDDoch sind die Unterschiede im Land groß. Positiv ist, dass immer mehr Erwachsene im Vergleich zur vorgängigen Studie hohe Kompetenzstufen erreichen.
Problematisch aber ist: Die schwächsten zehn Prozent bleiben weit zurück. Besonders betroffen sind Menschen mit niedrigem Bildungsabschluss, Erwachsene aus bildungsfernen Familien und Migranten. Bei Letzteren hat sich die Lücke zur in Deutschland geborenen Bevölkerung in den letzten zehn Jahren sogar verdoppelt.
Die Folgen sind weitreichend: Wer geringe Lesekompetenz hat, hat schlechtere Chancen am Arbeitsmarkt, findet schwerer einen Job und ist im Alltag häufiger ausgeschlossen – von der Bedienung eines Automaten bis zur Nutzung digitaler Dienste.
Lesen als Schlüsselkompetenz
Lesekompetenz ist kein Luxus, sondern Grundvoraussetzung für selbstbestimmtes Leben. Lesen trainiert Gedächtnis, Abstraktion, Vorstellungskraft und Analyse, insbesondere den Blick für Nuancen und Prämissen des Textes.
Es macht Menschen dadurch unabhängiger, weil sie Informationen besser checken, Phrasen und die Rahmung der Texte durchschauen und schließlich auch Einsamkeiten besser aushalten können.
Wer Lesekompetenz besitzt, kann Fake News schneller und leichter erkennen, politische Programme bewerten oder, je nachdem, wie sehr man sich für die juristische Prosa öffnet, Verträge und Gesetze verstehen.
In diesem Sinn ist Lesekompetenz auch eine Demokratiekompetenz – übrigens auch gegenüber allzu simplen, frommen Ideen davon. Sie schützt mittels durch Lesen ausgebauter Skepsis besser vor Manipulation.
KI und Lesekompetenz: Entlastung oder Risiko?
Auf den ersten Blick wirkt KI wie eine Entlastung. Sie kann Texte zusammenfassen, was für allem bei dicken, trockenen, aus Bequemlichkeit oder Nichtkönnen in öder Fachsprache gehaltenen Texten allerhand vereinfachen kann. Doch in der Vereinfachung liegt ein Risiko: Wer ohnehin geringe Lesekompetenz hat, kann die Ergebnisse der KI nicht einschätzen.
Ohne kritisches Textverständnis bleibt unklar, ob eine Zusammenfassung stimmt oder ob eine Information manipuliert wurde. Es droht eine neue Form der digitalen Abhängigkeit.
Gleichzeitig bietet KI Chancen: Als Lernhilfe kann sie schwächeren Leserinnen und Leser Inhalte aufbereiten oder Zugänge erleichtern. Voraussetzung dafür ist jedoch ein mittleres Kompetenzniveau – ab Stufe 3. Wer dieses nicht erreicht, profitiert kaum. Paradox also: Je mehr KI uns das Lesen abnimmt, desto mehr Lesekompetenz brauchen wir, um KI beurteilen zu können.
Lesekompetenz ist ungleich verteilt – und diese "Lesekluft" wächst. Die OECD-Studie macht deutlich, dass Herkunft, Bildung und Sprache maßgeblich über Lesekompetenz entscheiden. Damit wird Lesekompetenz zu einer sozialen Schneise: Wer sie besitzt, hat Zugang zu besseren Jobs, zu Information und zu politischer Teilhabe. Wer sie nicht hat, bleibt ausgeschlossen.
Mit dem Siegeszug der KI droht diese Spaltung noch sichtbarer zu werden.



