Unternehmen setzen auf Künstliche Intelligenz, um Kosten zu sparen. Doch ohne Emotionale Intelligenz der Führungskräfte leidet das Arbeitsklima.
Künstliche Intelligenz (KI) oder Emotionale Intelligenz – was erhöht die Unternehmensleistung? Das scheint in einigen Unternehmen eine strittige Frage zu sein, wie Beispiele zeigen.
Einen neuen KI-Schub soll es bei Personalsoftware geben. Der Softwaredienstleister Workday kauft das schwedische Start-up Sana für über eine Milliarde US-Dollar. Sana gilt als Pionier für KI-Agenten im Corporate Learning, durch die Weiterbildung und Personalentwicklung technisch vorangetrieben werden. Die Plattform steuert Lernen und Wissensmanagement. Diese Software-Funktionen sollen nun in Workday integriert werden.
KI-Agenten schlagen nicht nur Inhalte vor, sondern automatisieren Abläufe in der Weiterbildung: vom Anlegen eines Tickets bis zum Starten der Lerneinheiten. "Anstatt nur eine Compliance-Schulung zu absolvieren, kann ein Mitarbeitender die passenden Maßnahmen sofort umsetzen – etwa Formulare einreichen oder Berechtigungen anfordern", erläutert die Journalistin Gudrun Porath anhand eines Beispiels die Folgen.
Einfühlungsvermögen und Emotionale Intelligenz gefordert
Das alleine reicht aber offensichtlich nicht. Gerade in Krisenzeiten sind Führungskräfte besonders gefordert, meint Charlotte Schmitz, freie Journalistin. Sie schreibt:
Sie benötigen mehr Einfühlungsvermögen, wenn sie ihre Teammitglieder überwiegend online anleiten. Emotionale Intelligenz scheint an Bedeutung zu gewinnen.
"Emotionale Intelligenz" machte Daniel Goleman 1995 mit seinem Buch populär. Inzwischen wirft Goleman einen speziellen Blick auf das Arbeitsleben. "Emotionale Intelligenz @ Work" heißt das neue Werk, verfasst gemeinsam mit Cary Cherniss. Emotionale Intelligenz (EI) ist die Fähigkeit, eigene und fremde Emotionen wahrzunehmen und angemessen darauf zu reagieren. EI gilt danach als Schlüsselkompetenz im Beruf.
Emotional intelligente Menschen übernehmen Verantwortung für ihre Handlungen – sowohl für ihre Erfolge als auch für ihre Fehler. Anstatt die Schuld bei anderen zu suchen, reflektieren sie selbstkritisch.
FocusEmotionen sind ein zentraler Bestandteil des Veränderungsmanagements, da Wandel tiefgreifende Auswirkungen auf die Beschäftigten hat. Abläufe ändern sich, Projekte werden gestartet, Arbeitsplätze sind gefährdet. Arbeitende durchlaufen typischerweise emotionale Phasen. Neuerungen wirken wie ein Schock, können Angst machen und zu Widerstand bei den Betroffenen führen.
Ein Beispiel soll die Möglichkeiten verdeutlichen. BL Companies, ein mittelgroßes Architektur- und Ingenieurbüro, startete ein EI-Programm, um die Teamarbeit und Einfühlungsvermögen bei den Führungskräften zu verbessern. Dies führte zu besseren Unternehmenskennzahlen wie Engagement und Mitarbeiterbindung, berichten Goleman und Cherniss.
Um für Akzeptanz zu sorgen, sind Empathie und Kommunikation wichtig. Führungskräfte sollten deshalb über die Kompetenz verfügen, diese Emotionen im Veränderungsprozess wahrzunehmen. Dabei soll das Konzept der "Emotionalen Intelligenz" mit entsprechenden Weiterbildungen helfen. Viele Vorgesetzte fühlen sich aber bei diesen Aufgaben überfordert, zumal sie oft selbst mit permanenter Veränderung konfrontiert werden.
EI wird auch kritisch gesehen. Den Begriff "emotionale Intelligenz" für falsch hält Professor Gerhard Blickle, Wirtschaftspsychologe bei der Universität Bonn. Denn "Intelligenz kann nur eine Fähigkeit sein, bei der man etwas richtig oder falsch machen kann, etwa das Lösen einer Mathematikaufgabe."
Die Fähigkeiten, die Goleman unter emotionaler Intelligenz versteht, sieht Blickle eher als Persönlichkeitsmerkmale: "Selbstkontrolle etwa ist keine Eigenschaft von Intelligenz".
Aber auch mit moderner Technik sind Probleme, die aus den häufigen Veränderungen resultieren, nicht einfach lösbar.
KI als Ausrede für Entlassungen
"Viele Unternehmen nutzen KI nur als Ausrede für Entlassungen" meldet das Wirtschaftsmagazin Capital. Der Zahlungsdienstleister Klarna wollte durch KI hunderte Stellen im Call-Center einsparen. Inzwischen rudert das Unternehmen zurück. Für Ex-Meta-Manager Georg Zoeller ist dies nicht überraschend.
Er ist überzeugt, viele Unternehmen nutzen KI als Ausrede, "um damit Entlassungen zu rechtfertigen. Das passiert überall, nicht nur bei Klara. Nehmen Sie DBD, die größte Bank hier in Singapur: Die haben auf einen Schlag 5.000 Menschen entlassen – angeblich wegen KI. Belege für echte Effizienzgewinne? Gibt es nicht. In Wahrheit sind das alles Sparprogramme, verpackt als Techoffensive", sagt der Experte im Interview mit Capital.
Aktuelle Meldungen zu geplanten Entlassungen bei Bosch oder Lufthansa setzen Belegschaften unter Druck. Auch bei einfühlsamen Vorgesetzten wird den Beschäftigten klar: Der Arbeitsplatz ist gefährdet.
Um die Stimmung am Arbeitsplatz abzubilden, werden in der jährlichen Beschäftigtenbefragung des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) Indikatoren zur Messung des Arbeitsplatzklimas erhoben. Die Untersuchung zeigt, bei wirtschaftlichen Problemen des Unternehmens leidet auch das Arbeitsplatzklima.
Während Beschäftigte in Unternehmen mit einer guten wirtschaftlichen Lage ihren Arbeitsplatz mit der Durchschnittsnote 2,6 bewerten, sind es unter den Beschäftigten in Unternehmen mit wirtschaftlichen Sorgen 3,0. Der Anteil an Beschäftigten, die das Arbeitsklima als gut oder sehr gut empfinden, geht von 53 Prozent auf 34 Prozent zurück.
Der Psychologe Axel Koch warnt deshalb vor "Change" als Dauerzustand:
Neue Tools, neue Prozesse, neue Geschäftsmodelle. Mittendrin: erschöpfte Mitarbeiter.
Immer mehr Beschäftigte leiden unter "Change Fatigue". Emotionale Erschöpfung, ein anhaltendes Gefühl von Müdigkeit und sinkende Motivation sind oft die ersten Anzeichen. Technologische Entwicklungen können ebenfalls zur Veränderungsmüdigkeit beitragen. Sich immer wieder auf neue Tools einzulassen, kann stressig und frustrierend sein.



