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Unternehmen setzen auf KI, doch oft werden die eigenen Mitarbeiter vergessen. Dabei sind sie der Schlüssel, damit die Transformation gelingt.
Künstliche Intelligenz verspricht eine moderne Welt, in der bequem Texte und Bilder erstellt werden können. Für Unternehmen bieten sich neue Möglichkeiten, Kunden individualisierte Angebote zu unterbreiten. Die weltweiten Auswirkungen des Technik-Hypes werden dabei selten thematisiert.
"Noch herrscht große Unsicherheit bei der Frage, wie dieser Wandel gestaltet werden kann", sagt Doris Janssen, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (Fraunhofer IAO) in Stuttgart. Manche Manager unterschätzen die "Rolle der eigenen Belegschaft, doch gerade die eigenen Mitarbeitenden sind häufig die entscheidenden Gatekeeper für technologische Innovation".
Janssen fordert ein "KI-Mindset" in den Betrieben. "Eine offene, positive Einstellung zu KI in der Belegschaft führt zu weniger Blockaden bei neuen KI-Projekten". Diese "Kultur der Veränderungsbereitschaft" müsse sich auch bei der Qualifizierung zeigen. "Lebenslanges Lernen" wird zu einem zentralen Bestandteil der beruflichen Entwicklung.
"Unternehmen sollten daher Schulungs- und Weiterbildungsprogramme anbieten, um ihre Mitarbeitenden auf dem neuesten Stand der Technik zu halten und ihnen die Werkzeuge an die Hand zu geben, die sie benötigen, um erfolgreich zu sein", betont Janssen.
Denn KI benötigt Trainingsdaten als "Futter". Je höher die Datenqualität, desto einfacher und effektiver der Einsatz von KI-Anwendungen. "Dafür müssen alle Beschäftigten den Wert von qualifizierten Daten verstehen und leben. Ein Beispiel: Wenn ein Produktionsmitarbeiter bei auftretenden Fehlern lediglich auf ‚quittieren‘ drückt, ohne weitere Informationen anzugeben, dann gehen wertvolle Informationen verloren", so die Wissenschaftlerin des Fraunhofer IAO.
KI fester Bestandteil der Arbeitswelt
KI ist längst fester Bestandteil "unseres Alltags und unserer Arbeitswelt. Doch mit der rasanten Entwicklung wachsen auch die Sorgen: Gehen Gefahren von KI aus?", fragt Martina Eckermann, Online-Expertin beim Weiterbildungsunternehmen Managementcircle.
Neben Chancen benennt die Expertin eine Reihe von Risiken. Deepfakes können das "Vertrauen in mediale Inhalte" verschlechtern, "Bias in HR-Systemen" für Diskriminierung durch voreingenommene Trainingsdaten sorgen. Künstliche Intelligenz verändert nicht nur Tools, sondern auch Tätigkeitsprofile. Laut OECD sind etwa 27 Prozent der Tätigkeiten in OECD-Ländern stark automatisierbar – besonders betroffen scheinen die Berufsgruppen Buchhaltung, Logistik und Kundenservice, meldet Managementcircle.
Für viele Beschäftigte stellt sich nicht mehr die Frage, wie die Digitalisierung Arbeitsplätze verändert. In der Verwaltung sind Workflow-Systeme zunehmend Standard.
"Workflows im Bereich büroorganisierter Arbeiten können durchaus mit dem Fließband in der ehemaligen industriellen Arbeit verglichen werden. In beiden Fällen wird die Kooperation der Arbeitenden technisch erzwungen", meldet die TSE Hamburg, eine Technologie-Beratungsstelle für Betriebsräte.
KI-Einsatz führt dazu, dass Pattern Rekognition bedeutsam wird – diese sogenannte Mustererkennung ist die technische Fähigkeit, in einer Menge von Daten Regelmäßigkeiten zu erkennen. Zum Beispiel möchte die KI erkennen, welche Videos bei YouTube die passenden Vorschläge für den User sind.
In der Arbeitswelt sind dies Vorgaben an den Kundenberater, wie er zu arbeiten hat. Hat er nicht wie erwartet gearbeitet, erfolgt ein Tadel. Das Problem dabei: die Systeme benötigen ein Modell für die "Normalität des Arbeitens.
"Diese verborgenen Normen werden in der Regel nicht bekannt gegeben und sind hochgradig fehleranfällig. Sie sollen Benutzern vorschreiben, was sie als Nächstes tun sollen" – die Folge ist häufig ein "betreutes Arbeiten", kommentiert die TSE Hamburg.
Kauf von Trainingsdaten für KI weltweit
Unter welchen ausbeuterischen Bedingungen die Suche nach Trainingsdaten für KI weltweit organisiert wird, schildern Ingo Dachwitz und Sven Hilbig in ihrem neuen Buch "Digitaler Kolonialismus".
Während die führenden Köpfe des Silicon Valley gerne als "Weltverbesserer" auftreten und einen neuen Geist des digitalen Kapitalismus vermitteln möchten, sieht die Realität anders aus. Damit selbstlernende Algorithmen und KI sinnvolle Texte oder Bilder liefern, braucht es zunächst viel menschliche Arbeit, die von Arbeitern auf der ganzen Welt geleistet wird.
Sie bringen den lernenden Maschinen das Hören, das Sehen und das umsichtige Fahren bei, indem sie Millionen Bilddateien mit Verkehrssituationen präzise so aufbereiten, dass sie für die KI zu verarbeiten sind.
Ein führender Dienstleister ist das Unternehmen "Sama", das in Kenia einen großen Standort hat. Sie produzieren Daten für Google, YouTube, Meta oder Microsoft. Die Beschäftigten müssen teils schwer traumatisierende Tätigkeiten verrichten, so Dachwitz und Hilbig, die mit betroffenen Arbeitern sprechen konnten.
"Wer zwei US-Dollar die Stunde verdient, kann sich glücklich schätzen", erläutert Adio Dinika von der Universität Bremen. Dabei hat ein großer Teil der KI-Arbeitskräfte Universitätsabschlüsse, nicht wenige in den "MINT-Fächern", also den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik.
Teile der Arbeit können bereits von Machine-Learning-Systemen übernommen werden, sodass die Menschen oft nur noch die Ergebnisse der KI überprüfen und korrigieren. Im Akkord muss Bildschirmarbeit geleistet werden, auch indem grausame Darstellungen als unerwünscht markiert werden.



