Laut dem Digital News Report 2026 des Reuters Institute steigt die Nutzung von KI-Chatbots als Nachrichtenquelle weltweit von 7 auf 10 Prozent.
Generative KI-Tools wie ChatGPT oder Google Gemini spielen eine wachsende, aber noch untergeordnete Rolle beim Nachrichtenkonsum. Das zeigt eine Analyse des Reuters Institute im Rahmen des Digital News Report 2026. Die wöchentliche Nutzung von KI-Chatbots für Nachrichten ist demnach global von 7 auf 10 Prozent gestiegen. Nur 1 Prozent der Befragten nennen KI-Chatbots als ihre Hauptnachrichtenquelle.
Das Wachstum wird vor allem von Märkten in Asien, Afrika, Lateinamerika sowie Süd- und Osteuropa getrieben. In diesen Regionen ist die Plattformisierung des Nachrichtenkonsums ohnehin stärker ausgeprägt.
Jüngere und nachrichtenaffine Nutzer treiben die Entwicklung
Die Nutzung von KI-Chatbots für Nachrichten konzentriert sich laut der Studie auf jüngere Menschen und bereits stark nachrichteninteressierte Nutzer. In der jüngsten Altersgruppe nutzen 17 Prozent Chatbots für Nachrichten, in der ältesten nur 5 Prozent. Das stärkste relative Wachstum verzeichnete die Gruppe der 25- bis 34-Jährigen mit einem Anstieg um 4 Prozentpunkte.
Auffällig ist, dass die Nutzung unter sogenannten "News Lovers" mit 18 Prozent deutlich höher liegt als bei Gelegenheitskonsumenten (7 Prozent). Auch politisch extrem eingestellte Befragte nutzen KI-Chatbots häufiger für Nachrichten: 16 Prozent am linken und 15 Prozent am rechten Rand des politischen Spektrums. Die Forscherin Dr. Amy Ross Arguedas erklärt das damit, dass diese Gruppen tendenziell stärker an Nachrichten interessiert sind.
Jüngere Zielgruppen und Nachrichten-Intensivnutzer greifen am häufigsten auf KI-Chatbots zurück. Laut dem Digital News Report nutzen bereits 17 Prozent der 18- bis 24-Jährigen diese Technologie wöchentlich für News. | Bild: Reuters InstituteIn 45 untersuchten Märkten ist das Stellen von Folgefragen mit 42 Prozent die häufigste Anwendung. Danach folgen das Abrufen aktueller Nachrichten (35 Prozent), Zusammenfassungen (34 Prozent), die Bewertung der Zuverlässigkeit von Nachrichtenquellen (33 Prozent) und das Vereinfachen von Nachrichten (30 Prozent).
In Märkten mit niedrigen Pressefreiheitswerten wie Hongkong und der Türkei sowie in Märkten mit geringerem Nachrichtenvertrauen wie Ungarn und Rumänien rangiert die Nutzung von KI-Chatbots zur Bewertung der Zuverlässigkeit von Nachrichtenquellen besonders hoch. Weltweit nennen 42 Prozent der Nutzerinnen und Nutzer als wichtigste Motivation den Wunsch nach mehr Tiefe oder Erklärung; 39 Prozent sagen, KI sei schneller als andere Wege, Nachrichten zu erhalten.
Mehr Nutzung korreliert mit mehr Vertrauen
Nur 37 Prozent der Befragten vertrauen den meisten Nachrichten. Das Vertrauen in Nachrichten aus KI-Chatbots liegt in der Gesamtbevölkerung bei lediglich 20 Prozent. Unter den tatsächlichen Nutzern ergibt sich jedoch ein anderes Bild: 44 Prozent der Chatbot-Nutzer vertrauen den KI-generierten Nachrichten, gegenüber nur 17 Prozent der Nicht-Nutzer, heißt es im Bericht.
Märkte mit höherem Vertrauen in Nachrichten aus KI-Chatbots weisen tendenziell auch eine höhere Nutzung von KI-Chatbots für Nachrichten auf. | Bild: Reuters InstituteAuf Marktebene zeigt sich laut der Analyse eine starke Korrelation zwischen Vertrauen und Nutzung, die deutlich ausgeprägter ist als bei sozialen Medien. Die Studie führt das darauf zurück, dass die Nutzung von KI-Chatbots für Nachrichten ein bewussteres Verhalten darstellt als der oft beiläufige Nachrichtenkonsum über Social Media. Dort begegnen Nutzer Nachrichten häufig zufällig.
Quellen werden fast nie angeklickt
Über alle Befragten in 27 Märkten hinweg geben nur 4 Prozent an, "immer oder oft" von KI-Chatbots zu Originalquellen durchzuklicken. Bei Suchmaschinen sind es 19 Prozent, bei sozialen Medien 17 Prozent. Die große Lücke spiegelt teilweise die deutlich kleinere Nutzerbasis von KI-Chatbots für Nachrichten wider.
Nutzer von KI-Chatbots klicken – wenn sie denn klicken – deutlich häufiger auf Originalquellen, um Fakten zu überprüfen (44 %) oder die Quelle zu prüfen (43 %), als Nutzer von Suchmaschinen oder Social Media. | Bild: Reuters InstituteDennoch bestätigt dieses Ergebnis frühere Studien und relativiert Googles Verteidigung seiner AI-Overviews. Der Konzern argumentiert in einem Rechtsstreit, Menschen könnten bei Falschbehauptungen ja die Quelle prüfen, so wie bei der klassischen Suche. Könnten sie, ja. Aber sie tun es eben nicht. Hinzu kommt, dass die zitierten Quellen nicht immer mit der gegebenen Antwort übereinstimmen müssen.
Wenn Nutzer durchklicken, geht es seltener darum, mehr Details zu erhalten (51 Prozent), als bei Suchmaschinen-Nutzern (59 Prozent) oder Social-Media-Nutzern (60 Prozent). Dafür klicken KI-Nutzer häufiger, um Informationen zu verifizieren oder mehr über die Quelle zu erfahren.
Verlage sollten laut der Studie nicht versuchen, mit KI-Plattformen auf deren eigenem Terrain zu konkurrieren, sondern das liefern, was Chatbots nicht können: originäre Recherche und journalistische Glaubwürdigkeit.
Fehler, Bestätigungstendenz und eine fragmentierte Öffentlichkeit
Chatbots können Informationen aus Quellen falsch wiedergeben, das ist ein bekanntes Risiko. Daneben gibt es zwei weitere, möglicherweise größere Risiken. Das erste ist das als Sycophancy bekannte Phänomen: KI-Chatbots neigen dazu, die Erwartungen und Überzeugungen ihrer Nutzer zu bestätigen, statt ihnen zu widersprechen.
Wer mit einer vorgefassten Meinung eine Nachrichtenfrage stellt, bekommt tendenziell eine Antwort, die diese Meinung stützt. Dass die Nutzung laut der Studie an den politischen Rändern überdurchschnittlich hoch ist, macht dieses Problem besonders brisant. KI-Chatbots könnten bestehende Polarisierung verstärken, statt ihr entgegenzuwirken.
Das zweite Risiko ist eine weiter fragmentierte Öffentlichkeit. Die hochgradig individualisierte Nachrichtenaufbereitung durch Chatbots verstärkt eine Entwicklung, die Social Media bereits vorangetrieben hat: Wenn jeder Nutzer eine auf seine Interessen, sein Sprachniveau und seine Vorlieben zugeschnittene Version der Nachrichtenlage erhält, erodiert die gemeinsame Informationsbasis, auf der öffentliche Debatten aufbauen.
Chancen bei der Personalisierung und Perspektivvielfalt
Gleichzeitig bietet die Personalisierungsfähigkeit von KI-Chatbots Chancen. Sie kann Nachrichten für Menschen zugänglicher machen, die sich von traditionellen Formaten nicht angesprochen fühlen. Das geschieht etwa durch Vereinfachung komplexer Themen, Übersetzung in die bevorzugte Sprache (33 Prozent der Nutzer verwenden diese Funktion laut der Studie) oder die Anpassung an individuelle Informationsbedürfnisse.
Zudem könnte die Nutzung von KI-Chatbots bei korrekter Anwendung sogar zu einer höheren Vielfalt an Perspektiven führen. 35 Prozent der Nutzer geben laut der Studie an, Chatbots zu verwenden, um Berichte aus verschiedenen Medien zusammenzustellen. Wer gezielt nach unterschiedlichen Sichtweisen fragt, erhält potenziell ein breiteres Bild als durch den Konsum einer einzelnen Nachrichtenquelle.
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